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Die Wahrheit · 1903-07-10 · Heft 27 (10.7.1903) · page 3

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1903
Issue
Heft 27 (10.7.1903)
Date
1903-07-10
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Redacttoil liub Administration: Wien, II/j. Novaragasse 27 K. k. österr. Postivarcaffa Chrck-Conto Nr. 846.251" Inserate 20 Heller per Nonpareille-Zeile. Abonnements» und Jnserationsbeträge sind in Wien zahlbar nnd klagbar. ^abhängige Aeitschrift für jüöifche Mtere^en. Erscheint jeden ^reitai). Motto: „Das Siegel Gottes ist Wahrheit!" Berugspreis: Ganzjährig. . . 8. 12.— Halbjährig .... ft. 8.— Für Cultusbeamte: Ganzjährig.... ft. lO.— Für Ausland: Ganzjährig . . .8 Mark. 6 Nnbel oder 16 FcS Nr. 87. wie«. 10. Juli 1903. Ankali r Yideant Consules! Salomon Sulzers. — Lemberger Briese. — Bileam. — Schulstatistik. — Verschiedene Nachrichten. - — Zum Kapitel der Neiseentschädigung. - Ausruf zur Centennarfeier Die geehrten Kerren Abonnenten werden um! umgehende Erneuerung des. Abonnements für das i am 1. Iuti begonnene III. Huartat ersucht, damit j die regelmäßige Zusendung des Mattes keine! Unterbrechung erleide. Gleichzeitig bitten wir unsere geehrten Kerren Abonnenten, uns ihre Adressen in Sommerfrischen und Kurorten rechtzeitig bekannt zu geben. Aie Administration. Videant consules! In der letzten Woche gieng durch fast sämmtliche jüdische Blätter die Nachricht von dem außerordentlich liebenswürdigen Empfang, den der ueuernannte Statthalter von Galizien, Graf Andreas Polocki, der bei ihm zur Vorstellung erschienenen Repräsentanz der Lemberger israelitischen Cultusgemeinde zu Teil i werden ließ. Der Präsident der Cultusgemeinde, Reichsrats- Abgeordueter Dr. Byck, richtete als Führer der Deputation eine Ansprache an den Statthalter, in welcher er denselben bat, der jüdischen Bevölkerung Fürsorge und Schutz angedeihen zu lassen! durch Verwirklichung ihrer gesetzmäßigen vollen Gleichberechtij gung nnd durch Bekämpfung der unbeschreiblichen Not und des! Elends, der in erschreckender Weise wachsenden Erwerblosigkeit! und der verzweistungsvollen wirtschaftlichen Lage der weiten i Schichten der jüdischen Landbevölkerung. In seiner Antwort betonte Graf Potocky, daß die strengsten Grundsätze vollster Gerechtigkeit ihn jederzeit in seiner amtlichen Stellung leiten werden und er hiebei niemals einen Glanbensunterschied werde gelten lassen. Er schätze jede Religion hoch und achte darum auch den jüdischen Glauben. Die Bedeutung der jüdischen Bevölkerung erkenne er nicht blos wegen ihrer numerisch ge-! waltigen Zahl sondern auch deswegen an, weil sich der ganze j Handel im Lande fast ausschließlich in ihren Händen befindet.! Das allgemeine Landesinteresse; welches die Entwicklung des j Handels fordert, müsse daher seine volle Aufmerksamkeit und seine Rücksichtnahme herbeiführen. Die Verhältnisse des Landes! und. die. Armut nnd Not der jüdischen Massen,/besonders in den kleinen Stählen, seien ihm bekannt. Der Hunger lasse begreiflicherweise manche,, Grenze, verkennen und , könne auch leicht zu Ausschreitungen führen. Selbst abgesehen vom allgemeinen Menschlichkeitsgefühl müsse daher auch die öffentliche Sicherheit sein Interesse für diese wirtschaftliche Notlage und ihre Ursache im hohen Grade wecken. Gleich bei Uebernahme seines Amtes habe man in polnischen und ruthenischen Blättern iesen.können, daß sich antisemitische Exzessin Galizien vorbereiten, ja noch mehr, daß sie organisiert werden. Der Statthalter habe sofort eine allseitige Berichterstattung abverlangt und könne die beruhigende Mitteilung machen, daß nicht ein Wort an jenen Zeitungsmeldnngen wahr sei. Er knüpfte aber auch daran die entschiedene E r k l ä r u n g, oaß er derartige Erscheinungen oder auch nur deren Vorbereitungen mit aller Energie lind allen staatlichen M i t l e l n Niederkämpfen io erde. Eine solch entschiedene Erklärung von so autoritativer Seite mllß allerdings ernst genommen werden und ist jedenfalls geeignet, die durch die Ereignisse in Kischinew und eigene trübe Erfahrungen aufgeregten Gemüter unserer Glaubensgenossen in Galizien zu beschwichtigen; allein fast in vollem Gegensätze zu diesen beruhigenden Versicherungen des Statthalters steht eine andere Ennnciation, die gleichfalls von einem ausgezeichneten Kenner der galizischen Verhältnisse herrührt nnd die die Dinge nicht so sehr in rosigem Lichte erscheinen läßt. Der Ruthene Ron ran Sembratowic; veröffentlicht nämlich folgendes Situationsbild: „Es gehört einiger Mut dazu, auf eine Agitation hinznlveifen, wie sie jetzt in Galizien anzufachen versucht wird und die gleich verhängnisvoll für uns Rnthenen wie für die Jaden, in Galizien werden kann. Der Terrorismus der Polen und Antisemiten ist bekannt genug, wie ihre Methode, die Gegner i inzuschüchtern und unschädlich zu machen. Wer den Mat hat, gegen die kulturfeindlichen Bestrebungen jener anszutreten, wird als Stipendiat der Alliance Israelite bezeichnet — ja, es wird ganz genau angegeben, wieviel er jährlich angeblich bekommt. Es ist dadurch erklärlich, daß viele ehrliche Männer bei uns, die das Pöbelhafte in den heutigen Kämpfen verabscheuen, sich von dem politischen Leben zurückziehen und viele schwache Charaktere — meistens indifferente Elemente — sich der antisemitischen Bewegung halb widerwillig angliedern lassen. Dieses Treiben vollzieht sich in ganz Oesterreich, besondere Aufmerksamkeit aber verdient die neueste Wendung in Galizien.

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