Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1903
- Issue
- Heft 26 (3.7.1903)
- Date
- 1903-07-03
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Seite 8. Die N)ahrheit Jhv 26. Daß Hillel eine negative Lehre erteilte, die leichter zu erfüllen ist, geschah aus dem Grunde, weil er zu einem Heiden sprach, der vom Gebote der Nächstenliebe noch nichts gehört hatte und erst zum Iudentume übertreten wollte. Aber Jesus sprach zu Juden, die das Gebot der Nächstenliebe schon kannten, diesen konnte Jesus schon eine schwerer zu erfüllende Erläuterung hinzufügen. Auch die Kindererziehung soll erst negativ, dann positiv vor sich gehen. Uebrigens glauben wir, nebenbei zu bemerken, daß zur gedeihlichen Lehre Jesu, wenn sie soll betätigt werden können, noch hinzuzusügeu sind die Worte: untergleichen Umständen oder Verhältnissen. (Fortsetzung folgt.) Verschiedene Nachrichten. Wien. In der am 25. Juni d. I. unter dem Vorsitze des Präsidenten kais. Rat Klinger stattgefundenen, der Erledigung von Steuerangelegenheitcn gewidmeten Plenarsitzung gelangte auch eine an den Cultusvorstand gerichtete Zuschrift des österreichischen Landescomitös des Verbandes „Zion" mit der Einladung zur Teilnahme an dem in Wien siattsindenden zionistischen Parteitage zur vollinhaltlichen Verlesung. Der Vorstand hat diese Zuschrift dahin beantwortet, das; er sich nicht in der Lage erachte, zu dem am 28. und 29. Juni siattsindenden Parteitage Delegierte zu entsenden. Wien. (Dritter österreichischer Zionistentag.) Hundertzehn Delegirte aus allen Teilen Oesterreichs, darunter auch Damen, haben sich eingesunden, um an den Beratungen des dritten österreichischen Zionistentages, der am 28. und 29. Juni im Saale des Hotels „zur Post" stattfand, teilzunehmen. Der Obmann des Distriktscomitvs der Zionisten Inner österreichs, Herr Dr. Max Bernhardt, eröffncte die Verhandlungen mit der Begrüßung der Vertreter der rcichsdeutschen, ungarischen,. russischen und ägyptischen Landesorganisation, lieber den hieraus vom Obmann des österreichischen Verbandes „Zion", Herrn Dr. Krenberger, erstatteten Rechenschaftsbericht entspann sich eine Debatte. Der öfter- \ reichlichen Parteileitung wurde dabei insbesondere der Vorwurf gemacht,! daß sie sich in Angelegenheit des Kischinewer Blutbades bloß auf lmiuaui-! täre Eeldsammlungen beschränke und die Einberufung allgemeiner Ent-! rüstungsmeetings verabsäumt habe. Schließlich wurde auf Antrag des j Directors Weber (Wien) der Parteileitung einstimmig das Absolutorium! erteilt. Zu Beginn der sonntägigen Aachmittagssitzung wurden die aus! aller Welt eingelangten Begrüßungstelegramme verlesen und beschlossen,! Telegramme an die gleichzeitig tagenden Conserenzen der Schweizer j Zionisten und der jüdischen Handelsangestellten in Galizien zu senden. Dann referirte Dr. Egon Michael Zwe-g (Wien) über die Gestaltung j und Zukunft der österreichischen Cultusgemeinden und das zionistische | Programm für dieselben. Er forderte die Einberufung eines Judentages; behufs Vorlage einer Neichsverfassung der österreichischen Judenschaft - an die Legislative und die Ausgestaltung der Cultusgemeinden zu l Volksgemeinden. Dieses Ziel sei nur durch die Verdrängung der gegen-; wärtigen Machthaber zu erreichen. Im Gegensatz hiezu trat Correserent! I. Bondy (Horowitz) für die Gewinnung der Cultusvorstchtingen durch j friedliche Aufklärungen ein. Den Tag beschloß ein Commers, der im; Ronacher-Saal abgehalten wurde. Bei demselben hielt Dr. Theodor i Herzl eine Ansprache, in der er sich voll und ganz den Ausführungen j Dr. Egon Zweig's betreffend das Verhältnis der Zionisten zu den! Cultusgemeinden anschloß. Zu Beginn der Montagssitznng referirte; Dr. I. SS*. Marmorek über die Stellungnahme zum allgemeinen Zionisten-; congreß und zu seinen Organen. Ten Kern seiner Ausführungen bildete die schroffe Ablehnung aller Sonderverbände innerhalb des Zionismus; als Schädigung der Disciplin und Spannkraft. Seine Anträge gej langten nach dreieinhalbstündiger erregter Debatte zur Annahme. Die! gegenteilige Ansicht wurde von den Culturzionisten vertreten, die ihren! Bestrebungen innerhalb des zionistischen Programms Raum gegeben! wissen wollen. Nachmittags wurde über die .taktischen Fragen bei der! Eroberung der Cultusgemeinden gesprochen. Vertreter aller österreichi-! scheu Kronländer fanden scharfe Worte gegen die jetzigen Machthaber, z Die Anträge der Referenten wurden einstimmig angenommen. Das! Referat des Herrn A. Weißberger (Wien) über die Presse erregte eine sehr lebhafte Debatte. Ein Zusatzantrag, das zionistische Centralorgan „Welt" betreffend, dem allzu.unfreie Haltung nachgesagt wird, wurde stürmisch abgelehnt. Der Rest des Tages war Debatten über culturelle Fragen, die Parteiorganisation, Agitation und den Wahlen in die österreichische Parteileitung gewidmet. Nach Absingung des zionistischen Liedes „Auf, mein Volk!" wurde der Pa rteitag in später Nachtstunde geschloffen. Wien. In dem mit reichem Blumenschmuck decorirten Tempel in der Seitenstettengasse fand Sonntag, den 28. Juni, 1 Uhr Mittags die Trauung des Fräulein Melanie K-ohn, Tochter des II. Vicepräsidenten der Wiener Cultusgemeinde, Landesschulrath Dr G u st a v K o h n, mit dem Hof- und Gerichtsavvokaten Dr. Josef Jeger statt. Die außerordentliche Beliebtheit, deren sich der Brautvater in allen Kreisen der Wiener Judenschaft ohne Unterschied der religiösen und politischen Richtung erfreut, documentirte sich durch die ungewöhnlich große Zahl der Hochzeitsgäste. Unter * den Anwesenden bemerkten wir fast sämmtliche derzeit in Wien weilende Mitglieder des Cultusvorstandes, unter Führung des Präsidenten, Herrn kais. Rath Heinrich Klinger, die Vorsteher der meisten Wiener Tempel-, Bethaus- und humanitären Vereine, die Beamten der Wiener Cultusgemeinde, zahlreiche Rabbinen und Cantorcn, die Inspektoren -und- Religionslehrer der Volks- und Mit'elschulen und viele Andere. Die Hochzeitsgesänge wurden durch. Obercantor Singer und den unter Leitung des Chormeisters Professor Sulzer siehe; den Chor mit besonderer Weihe und Celebrität executirt und Oberrabbiner Dr. Güdemann leitete die Trauungsceremonie mit einer aus-, gezeichneten Ansprache an das Brautpaar ein. Die große Schaar der Gratulanten, die sich bei demnach der Trauung im „Hotel Central" abgehaltenen Empfang einfand, konnte kaum überblickt werden, und nach Hunderten zählten die eingelaufenen Gratulationen. Wien. Fräulein Grete Beck, Tochter des Chefs der Firma Wilhelm Beck L Söhne, Herrn Adolf Beck, hat sich mit dem Gutsbesitzer Herrn Ernst Langfelder verlobt. Wien. Zur 'Richtigstellung der Notiz über die Einweihung einer Thoralle im Vereine „ Alrliva-^vsrsus" („Freundschaft und Brüderlichkeit") sei bemerkt, daß das Sefer-Thora ausschließlich vom Sofev des Lemberger Oberrabbiner Schmelkes, Herrn Cheskel Berger, versertigtlwu rde. Das Cl-miio bestand aus dem Obmann S. A. Freund, Isidor Jägerndorf und Alexander Pollak. Um die Verherrlichung dieser erhebenden Feier hat sich besondere Verdienste das Ehrenmitglied Herr Josef Wünsch erworben, was auch in der Rede des Obmannes hervorgehoben wurde. Unter den Festgästen wurde der Vorstand des Tempelvereines vom XX. Bezirk mit dem Präsidenten Hermann Eltbogcn bemerkt. Koü'esäiau Selten wol hat eine Trauung hier so viel Aufsehen erregt, wie die am l6. Juni stattgehabte Vermälungsfeier des Fräulein I a n k a B r a u u f e l d, Tochter des Cantors und Sekretärs der hiesigen Cultusgemeinde, Herrn A d o l s B r a u u s e l d, mir dem Chorsänger der Wiener Cultusgemeinde, Herrn M i ch a e l S t r i k s. Lange vor Beginn der heiligen Handlung füllte ein zahlreiches distinguirtes Publikum den Tempel, und waren unter Anderen erschienen : der Bürgermeister und die Stadtvertretung, der Cultusvorstand und die Repräsentanz der israel. Gemeinde, das Präsidium der Chewra Kadischa, der Talmud. Thora, des Frauenvereines ec. Nach erhebendem Vortrag des Minchagebetes durch Cantor Edelmann aus Wien exccutirte Obercantor Guttmann aus Wien unter Assistenz seines Doppelquartettes und der Chordirigenten Heimann und Porth die Trauungsgesänge inausgezeichneter Weise und Rabbiner Dr. Freimann hielt eine überaus wirkungsvolle Ansprache an das Brautpaar. Beim Festmahle, das gleichfalls die Notabilitäten des Ortes mit den Gästen aus Wien und von anderwärts in harmonischer Stimmung vereinte, entzückten Opernsänger Jadlowka aus Riga und das Wiener Doppelquartett durch herrliche gesangliche Darbietungen. Die Tischrede hielt der bekannte Professor Nascher ans Wien, dessen lauuige und ernste Worte allgemeinen Jubel entfesselten, lieber Anregung des Herrn Max Schwager aus Wien, der gegen Ablösegebüyr die zahlreichen den: Brautpaare ans Nah und Fern zugekommenen Telegramme einsammelte, wurde ein namhafter Betrag einem würdigen Armen überwiesen. Washington. Die russische Regierung notifizirte der Regierung der Vereinigten Staaten, daß sic den Entschluß des Präsidenten Roosevelt, eine Bittschrift jüdischer Bürger über die Vorgänge in Kischinew der russischen Negierung zu übermitteln, ties bedauere. Sie hoffe, die Vereinigten Staaten werden sich mit ihren zum Ausdruck gebrachten Sympathieäußerungen zufrieden geben. Das Auswärtige Amt werde die Petition zurückweisen und auf Grund seiner Politik, sich jeder Einmischung, in die inneren Augelegeuheiieu fremder Mächte zu enthalten, für sich selbst auf der gleichen Behandlung bestehen. Ziciv-Hjork. Nach einer Mrldung der „New-Uork Times" ist der russische Botschafter in Washington, Cassini, über die Wendung der Dinge wegen der Haltung des Präsidenten Roosevelt in der Kischinew-Frage in Unruhe. Er erwäge ganz offen die Möglichkeit seiner Abberufung. ,,Atlas“, Lebens-, Militärdienst- und Reuteu-Versicheruugs- Actien-Gesellschaft, Wien, I., Goldschmidgasse 10. In der am 20. Juni abgehaltenen 3. ordentlichen Generalversammlung wurde der Jahresbericht pro 1902 vorgelegt. Aus demselben geht hervor, daß 5009 Anträge über eine Versicherungssumme von K. 13,533.300 Hurd K. 8614 Rente eingereicht wurden, 4452 Policen über K. 11,418.500 Versicherungssumme und K. 8614 Rente zur Ausstellung gelangten. Der Versicherungsbestand j am 31. Dezember 1902 belief sich auf 8125 Policen über K. 21,033.800 | Versicherungssumme und K. 8614 Rente. An Prämien wurden ins-! gesammt K. 827.258-40, d. i. um K. 179.294'47 mehr als im Vorjahre vereinnahmt. Die Prä.nienreserve ist gegen das Vorjahr um K. 457.179-04, d. i. auf. 1,134.730-16 gestiegen. Der Coursdifferenzfond hat eine Erhöhung auf K. 8039-25, d. i. um K. 2630-35 erfahren/ Die Orgauisations-! kosten wurden gänzlich aus der lausenden Rechnung getilgt. Nach Ge- I nehmigung des Rechenschaftsberichtes wurde gemäß dem Anträge der! Revisoren dem Verwaltungsrathe und der Direction das Absolutorium erteilt und beschlossen, von dem Ueberschuß von K. 63.277-41 eine Dividende von 4 Percent' des Actiencapitals zu vertheilen und den Betrag von K. 3277-41' aus neue Rechnung vorzutragen. Der Actien-Coupon gelangt ab 22. Juni 1903 an der Hauptcassa der Gesellschaft zur Auszahlung. Die statutengemäß ansgeschiedenen Mitglieder des Verwaltunzsrathes sowie des Revisions-Comitös wurden wiedergewählt, außerdem die Herren L. Fissenewert, Director der Süddeutschen Rückversicherungs- Actien-Gesellschast in München und Karl Racher, Fabriksbesitzer in Sarajewo, in den Verwaltunsrath coovtirt. . -