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Die Wahrheit · 1903-07-03 · Heft 26 (3.7.1903) · page 7

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1903
Issue
Heft 26 (3.7.1903)
Date
1903-07-03
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Seite 7. Nr. 26 Die Wahrheit Die Luden und der Talmud. xx. Gegenüber der Behauptung Professor Huber's, daß Jesus in alte Schläuche neuen Wein gegossen habe, verweise ich aus Matth. 9. 17, wo es heißt: Jesu sprach: Man gieße nicht neuen Wein in alte Schläuche, sonst bersten die Schläuche und der Wein wird ausgegossen. Demnach hat Jesu seine von den Pharisäern übernommenen Lehren nicht umgestaltet gelehrt. Auf die weitere Behauptung, daß die Pharisäer Lehren von Jesu in ihren Schulen durch mehrere Generationen anonym gelehrt und sie erst später einem andern Rabbi zugeeignet haben, möchte ich folgendes erwidern: So wie später mußten sie auch zu Anfang einen Autor nennen, denn jeder mußte seine Lehre im Namen seines Lehrers mit dessen Wortausdruck mittheilen (Tr. Ediot, 1. 3.) und er mußte gefaßt sein, daß die Hörer nach dem Namen des Autors fragen werden. Weiters hatte jener Lehrer, der die von Jesu gehörte Lehre vor seinen Schülern anonym lehrte, zu fürchten, daß auch einer von diesen Schülern diese Lehre von Jesu oder von dessen Ohrenzeugen auf der Gasse gehört hat oder hören wird — es war nämlich damals Brauch, die Schüler nach dem in der'Schule Gelernten zu fragen — (Gittin 56.) dann wäre er ja als Plagiator und zugleich als geheimer Verbreiter der Lehre des angeblich verhaßten Jesu entlarvt worden. Die Jünger und Getreuen Jesus haben gewiß die Lehren ihres geliebten Meisters in seinem Namen zu verbreiten gestrebt, so daß sein Name von seinen Lehren niemals abgewaschen werden konnte. Bei den Talmudlehrern galt der Grundsatz: die Wahrheit wird von Jedermann angenommen. (Psochim 84.) Sehe nicht auf den Krug, sondern auf das, was darin ist. (Ab. 4. 15.) Sehe nicht auf den Sprechenden, sondern auf das Gesprochene. (Jerüsch. Schekol.) Demnach konnten die Ohrenzengen Jesus seine mit der mosaischen Lehre nicht kollidirenden Lehren in seinem Namen offenkundig weiterlehren. Der Talmud (Tr. Kiduschin 31) nennt einen Heiden, Ben Dama, als Musterbild der kindlichen Verehrung. Ja, der Talmud selber teilt uns eine beifällig aufgenommene Lehre Jesus mit. Es heißt daselbst (im Tr. Ab. Sarah, 17) folgendermaßen: Rabbi Elieser (135) erzählte seinem Schüler, dem Rabbi Akiba, daß er von Jakob (aus dem Dorfe Sechanja) einem Inden-Christen, (s. Tosafot daselbst) eine Lehre von Jesum über die Verwendungsweise eines von einer Prostituirten dargebrachten Opfers (das laut Y. M. 23. 10 im Tempel nicht geopfert werden durfte) gehört, die ihm wegen seiner logisch richtigen Motivirung gut gefallen habe. Diese Mitteilung eines der größten Mischnahlehrers hat sich über 300 Jahre im Volke mündlich erhalten, bis Rabbi Aschi, Redacteur, des Talmud sie im Jahre 450 ausgezeichnet hat. Der Talmud enthält viele inhalts- und umfangreiche Sittenlehren auch über solche Dinge, von denen im Neuen Testamente sehr wenig oder gar nichts zu lesen ist. So z. B. über gegenseitige Pflichten zwischen Kindern und Eltern, zwischen Lehrern und Schülern, zwischen Diensigebern und Dienstnehmern; auch über Thierquälerei findet sich im N. T. gar nichts. Aber im Talmud ist hierüber so viel enthalten, daß manche moderne Gesetzgebung manch heilsame Lehren daraus entnehmen könnte. Die Ohrenzeugen, die nach Huber's Hypothese von Jesus Lehren übernommen haben, die nachher in den Talmud übergegangen sind, können blos auf die Parallelstellen mit dem palästinischen Talmud sich beziehen, der im 4. Jahrhundert in Palästina von Rabbi Jochanan angelegt wurde, aber nicht auf die im babylonischen Talmud (dieser ist im 5. Jahrhundert in Babylon abgeschlossen worden) vorkommende größere Menge von Parallelstellen; denn diese Lehrer konnten keine Ohrenzeugen der Vorträge Jesus gewesen sein, weil er dort nicht lehrte. Sehr wenige Rabbiner wunderten aus Palästina nach Babylon wie auch von Babylon nach Palästina; und die wenigen, die auswanderten, taten dies, laut Bericht, blos um die traditionellen Gesetze, die Halacha, zu vernehmen, aber nicht die Sittenlehre, die Allen so bekannt war, daß man sie nicht aus fernem Lande holen mußte, weil jeder dieselben sich aufzeichnen und öffentlich lehren durfte. Die angeblichen Ohrenzeugen konnten von Jesum höchstens die in den vier Evangelien im Namen Jesu mitgetheilten Sittenlehren gehört und übernommen haben, aber nicht die zahlreichen Sittenlehren, die in den übrigen neutestamentlichen Schriften Vorkommen, die fast alle dem Apostel Paulus zugeschrieben werden. Von ihm konnten die Pharisäer keine Sittenlehren übernehmen, denn sie ließen ihn gar nicht einmal zu Worte kommen, weshalb er sprach : da ihr (die Juden) mich nicht anhören wollet, so wende ich mich an die Heiden; deshalb wird er der Apostel der Heiden genannt. (Apostg. 13. 45—47.) Die Ursache, daß die Pharisäer gegen Paulus mehr als gegen Jesu demonstrirten, ist, weil er das mosaische Zeremonialgesetz als aufgehoben erklärte und dafür nur den Glauben an Jesum, als den Erlöser, setzte. (Apostg. 21. 27; Röm. 1.12, und 6. 13.) Aber Jesus sprach: Denket nicht, daß ich gekommen bin, die Lehre Mose aufzuheben, sondern zu erfüllen. Eher wird der Himmel zur Erde fallen, als ein Jota vom mosaischen Gesetze aufgehoben werden wird. (Matth. 5.17—19.) Ferner sprach er: die Pharisäer sitzen auf dem Thron Moses, was sie euch befehlen, das tuet. (Jb. 23. 1.) Mit dem Angeführten glaube ich nun die Unrichtigkeit vorgeführter Hypothese genügend nachgewiesen zu haben und dem gelehrten Professor mit Recht zurufen zn dürfen: Du hast dich in tiefe Gewäffer — des Talmud-Meeres — versenkt, um Perlen heraufzubringen, brachtest aber einen Scherben^in deiner Hand. (B. Kama, 91.) Obwol nach Widerlegung der Hypothese kein Grund vorliegt, die Talmudlehrer betreffs der ihnen zugeschriebenen Sittenlehren eines Plag ialismus zu verdächtigen, wollen wir noch überdies ihre diesbezügliche Priorität an unwiderlegbaren Facten direkt Nachweisen. Im ersten Abschnitte der Sprüche der Väter — auch die Ethik der Rabbiner genannt — werden im Namen von zwölf Rabbinen allgemeine erhabene Sittenlehren gelehrt, die alle speziellen Sittenlehren des Neuen Testamentes in sich fassen, und sämmtliche 12 Rabbiner lebten noch vor Jesus, nämlich von Simeon dem Frommen 211, bis Hillel 70 I. vor der jüblichen Zeitrechnung. Für Kenner der neutestamentlichen Sittenlehren dürfte die Nennung einiger der Sittenlehren gedachter Rabbiner zur Bestätigung unserer Behauptung genügen. Ich folge ihrer Reihenfolge daselbst: Sanftmut, Mildtätigkeit* Uneigennützigkeit, Demut, Gastfreundschaft, die Armen ins Haus ziehen, jeden Menschen nach der guten Seite beurteilen. Fernhalten von bösem Nachbar, von böser Gesellschaft, Liebe zur Arbeit, Haß zu herrschen, den Frieden lieben, nach Frieden jagen, die Menschen lieben, für die menschliche Gesellschaft tätig sein, wenig versprechen aber viel tun, und jeden Menschen freundlich zu empfangen. Auch die nachfolgenden 5 Abschnitte enthalten eine große Fülle spezieller erhabener Sittenlehren. von welchen viele auch im Neuen Testamente gelehrt werden. — Franz Delitzsch in seinem Buche: „Falsche Wage ist nicht gut", (gegen Dr. Rohlings Lügenwerk „Der Talmndjude") sagt: von diesem Tractat, der eine Perle der Ethik ist, die sonst keine andere Konfession besitzt, meldet Rohling daselbst gar nichts. Die ganze Siltenlehre Jesus conzentrirt er in seinem Ausspruche: „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst" (Levit. 19. 18.) Dies ist die ganze Lehre, und die Profetie — und er fügte hinzu: „Was ihr wollet, daß die Menschen euch tun sollen, das tuet auch ihnen"! (Matth. 7. 12.) Dasselbe sprach schon viele Jahre früher Hillel zu einem Heiden, der von ihm ein ekurze Belehru g über den Inhalt der mosaischen Lehre verlangte, unter welcher Bedingung er zum Judentum übertreten wolle. Nur fügte Hillel hinzu die Worte: Was dir mißfällt, das tue auch deinem Nebenmenschen nicht. (Tr. S. 31.)

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