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Die Wahrheit · 1903-07-03 · Heft 26 (3.7.1903) · page 6

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1903
Issue
Heft 26 (3.7.1903)
Date
1903-07-03
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Sette 6 Die Wahrheit. Nr. 36 subventionirten Hoch- und Mittelschulen und auch unter die Mitglieder des Athletic-Klubs erst dann sich einreihen können, wenn sie den alten Glauben von sich abstreifen, so ist das eben nur das letzte Ueberbleibsel von Traditionen, deren totale Ausrottung späteren Zeiten Vorbehalten ist. Allerdings mag es auch solche Glaubeuswechsler unter ihnen geben, die weder aus Sucht nach einträglichen Posten, nach Amt und Würde, nach gesellschaftlicher Höherstelluug, sondern wirklich ans religiöser Ueberzeugung eine „höhere" Sprosse erklimmen auf der Konfessionsleiter. Was immer der Beweggrund des Changements sein möge, er bleibt schon in Folge der individuellen Aktionsfreiheit zu respektiren. Aber — und nun soll's heraus, was wir für's Wesen der Sache zu sagen haben — warum gerade jetzt, warum in einem der freiheitlichsten und tolerantesten aller Länder, warum in einem Staate, wo es nie eine Inquisition, nie einen TorqueMada, nie ein — Kischinew gab, warum gerade hier in solchem Maße und' in solcher Masse die eilige Flucht von einem Reliaionslager ins andere? Anethische, an Ueberzeugungsmotive glaubt säst Niemand, .wie denn diese Beweggründe faktisch am allerseltensten .existiren. Folglich bleibt die fast zu unlöslichem Problem sich znspitzende Frage offen: „Warum?" Und noch eine viel verfänglichere Frage: Warum die den gegenwärtigen Zeilen als Spitzmarke dienende Geheimthüerei in der Vertauschung, in dem meist nur ohne Erfolg unternommenen Wechsel? Warum die Scham, das neue Credo öffentlich, vor aller Welt zu bekennen? Ist es wirklich eine vom Charakter der Epoche bedingte Tendenz, gehört es zur Einhaltung der letzten Mode, eine Flankenbewegung zu machen von den schönen Zelten Jakob's in eine andere Gott? anbetungs-Kolonie? Ist dem wirklich so, so habe mau auch den dazugehörigen Muth, frank und frei einherzusteuern unter der neuen Flagge. Denn entweder war das Gethane einwandfrei, und dann hat man sich seiner nicht zu schämen, oder es war, ein unschönes Thun, und dann hätte man's eben vermeiden sollen. Man that, man thut, was man will, wenn es anson- ^ders nicht gegen die zu Recht und Kraft bestehenden Gesetze verstößt. Diese sind, was unsere These betrifft, äußerst zuvorkommend. Einfache Anmeldung beim Matrikelamte, nach vorher- Mgangenem dreimaligem Erscheinen beim Seelsorger genügt zum Austritt aus der Glaubensgenossenschast, die Einem unbequem und lästig geworden. Entgegen den Vermächtnissen aus früheren . Zeiten kann man seines Glaubens viel leichter ledig werden, als -sonstiger ins Leben schneidender, unter Eid übernommener -^Verpflichtungen. Nun, man hat's gethan, man that's, weil -man die freie Kundgebung des eigenen Willens bethätigen möchte oder mußte. Man ist ausgetreten aus dem Verbände der einen und eingetreten in eine andere Glaubensgemeinschaft. <Das wäre in Ordnung Aber weshalb sich hernach des Gethaneu schämen? Weshalb verschmeigt die „trauernde Familie" . nach der durch den unerbittlichen Tod bewerkstelligten Abberufung des Oberhauptes den Friedhof und den Ritus, in und nach welchem die Bestattung des „Verewigten" erfolgt? Warum darf es sich nicht einmal nachträglich Herausstellen, ob er als Jud' oder Christ, ob er als Muselman oder „konfessionslos" sein Leben ausgehaucht? Schämt man sich vor den alten oder vor den neuerworbeneu Gtaubensgenossen? Ist es eine Schande, in dem einen Glauben geboren und in dem anderen durch selbst' redende freie Wahl gestorben zu sein! Wozu die ängstliche, posthume Geheimnißthuerei! Wozu die Verwandlung der Tra gödie des Todes in eine durchs Familieuparte angekündigte Fregoli-Farce, in das Errathenlaffen von ehemaliger und neuer Religionsbekennung? Von Friedhof und Friedhof, von Pater und Rabbiner? ... Eine Änklage. Zn der vorletzten Nummer unseres Blattes wurde mitgetheilt, daß der „Budapester Ungar. Zionisten-Verein" bei der.Budapester köuigl. Staatanwalischaft eine Anklage gegen die schwarzen Helden eines in Budapest erscheinenden Blutblattes erhoben hat und daß der Verein seine auf diese Angelegenheit bezügliche Petition durch den Reichstagsdeputirteu Ludwig O l a y dem Abgeordnetenhause überreichte. Es war schon Zeit!-Warum? Dies besagt Folgendes an den Minister des Innern am 11. d. M. zu Z. 60791—1903 durch den hauptst. Advokaten Dr. Gaza Benkö überreichtes Gesuch. — Dasselbe lautet: „Euer Exzellenz! Der mitfolgende Beischluß A) beweist, daß gegen ein in Budapest erscheinendes Tageblatt dieser Tage wegen Aufreizung gegen die Juden bei der Budapester köuigl. Staatsanwaltschaft und beim Reichstage die Anzeige erstattet wurde. Daß die Intervention des die Anzeige erstattenden Humanitären Vereines nothwendig war, beweist ein an unser Blatt von unserem ständigen Berichterstatter gerichtete Mittheilung, welche folgendermaßen lautete: . „Die gefährlichen Folgen von Kischinew in Ungar n. In dem im Komitate Saros gelegenen Städtchen Zborö geschehen unglaublich erscheinende Dinge. Die dortige Judenschast lebt in der größten Furcht und Angst. Der griechischkatholische Pfarrer von Zboro, der ein geschworener Feind der Juden ist, schleudert schon seit Wochen von der Kanzel herab das Znnderwerk in Gestalt aufwiegelnder Kirchenreden unter das Volk. Dieser Seelsorger bezeichnet unter Beschimpfung der Juden die Kischinewer Judenmetzelei als gerechte Sache, verherrlicht die dortigen Mörder als Vollstrecker einer „heiligen Sache." Von der Kanzel herab wiegelt er das Zboröer Volk auf, auch hier so vorzugehen, wie die Russen in Kischinew.gegen die Juden vorgegangen sind. Die Worte des Pfarrers fallen hier auf dankbaren Boden, denn das Volk tritt bereits in drohender Weise gegen die Juden auf. Der dortige christliche Pöbel' bedroht die Juden bei jeder Gelegenheit mit Todschlag, stellt ihnen das Blutbad von Kischinew in Aussicht. Das kühne unternehmende „Uj Lap" ist hier sehr verbreitet und fördert bedeutend die gefährliche Situation. Die Angst der Juden erreichte jedoch ihren Höhenpunkt, als der Stuhlrichter einige Juden zu sich rufen ließ und ihnen strenge austrug, mit dem christlichen Pöbel schonungsvoll und vorsichtig umzugehen, weil der christliche Pöbel gegen s i e u n g e h e u e r e r b i t t e r t s e i. Die große Furcht der Zboroer Juden ist umsomehr begreiflicher, als bei ihnen das traurige Andenken an die blutigen Tage von Kischinew noch nicht verwischt ist, welches die ganze Welt mit Schrecken und Entsetzen erfüllt hat. Jedermann hat sich dort bisher damit getröstet, „daß wir ja in Ungarn, auf dem klassischen Boden der Freiheit und des Liberalismus leben, dessen treue Söhne wir sind; hier kann uns kein Leid zugefügt werden", und nun sehen wir auch hier entsetzt das Schrecklichste: den Menschen in seinem Wahne. In der ganzen Gegend gibt's hier kein Militär, und so steht zu befürchten, daß hier Niemand aus die Beschützung der Juden rechnen kann. Es steht jedoch zu hoffen, daß die Juden bei jenem Forum Erhörung finden werden, wo sie um Schutz für ihr Leben und Vermögen ansuchen werden. Eperjes, 7. Juni 1903. Adolf. Altmann." Euer Exzellenz! Diese Mittheilung stürzt uns, als die Leiter eines Organes der ungarländischen Judenschast, in Verzweiflung. Wir treten daher mit der dringenden Eingabe vor Euer Exzellenz, als Hüter über Recht, Gesetz und Gerechtigkeit und bitten , ergebenst, Euer Exzellenz geruhen,, infolge der erwähnten Mittheilung', für deren Echtheit und Glaubwürdigkeit wir die Verantwortung übernehmen, dringend st zu verfügen, die dortigen j kompetenten Behörden anweisen zu wollen, daß die Zboroer i Judenschaft der eventuellen Gefahr entrinnen. Hochachtungsvoll - die Redaktion des j „Független Magyar Hetilap“. I *) „Uug. Wochenschrift"- Die Red.

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