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Die Wahrheit · 1903-07-03 · Heft 26 (3.7.1903) · page 5

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1903
Issue
Heft 26 (3.7.1903)
Date
1903-07-03
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Die Wahrheit Seite 5 Nr. 26. einen großen Grad persönlicher Sympathie für diese und persönlicher Empörung über die furchtbare Tragödie und versichere Sie, daß meine Gefühle dieselben sind wie die Ihrigen, meine Herren. Gerade so, wie ich erwarten darf, daß Sie die gleiche Empörung beseelen würde bei einer Tragödie, die ein christliches Volk betreffen würde, so würde ich mich für unwürdig der Stellung halten, die ich einnehme, wenn ich nicht den gleichen Schmerz, die gleiche Entrüstung empfinden würde bei der Vergewaltigung, die dem jüdischen Volke in irgend einem Weltteile angetan wird. Ich bin sicher, daß die Sympathiekuudgebnngen im ganzen Lande ohne Unterschied des Glaubens bereits viel Gutes erzielt haben- Es ist eine Genugtuung anznnehmen, daß die ruüische Negierung die Gefühle des Entsetzens und der Entrüstung über die Gräuel in Kischinew mit dem amerikanischen Volke teilt und daß sie Maßregeln trifft, um Wiederholungen zu verhindern und die Anstifter zu bestrafen. Die russische Regierung betrachtet jene Ausschreitungen im selben Lichte, wie unsere Regierung die. Kravalle und Lynchaffairen, die hier vorgekommen sind und die weder unsere Negierung noch unser Volk charakterisieren. Der russische Gesandte hat mich aus eigenem Antriebe besucht und mich persönlich benachrichtigt, daß der Gouverneur von Kischinew seines Amtes entsetzt worden ist, daß 300 bis 400 Teilnehmer au den Greueltaten verhaftet worden seien, die strengstens bestraft werden würden. Ich werde die Anregungen, die Sie mir unterbreitet haben, aufs sorgfältigste prüfen und erwägen, ob unter den gegebenen Umständen es ratsam und von Vorteil für die unglücklichen Ueberlebenden, mit denen wir so tiefes Mitgefühl haben, ist, weitere offizielle Schritte zu tun. Kein Ereignis der letzten Zeit hat meine Aufmerksamkeit mehr in Anspruch genommen und wird meine Aufmerksamkeit weiter in Anspruch nehmen, als dieses hier. Jede Maßregel, die Erfolg verspricht, wird ergriffen werden, um die Aufrichtigkeit der historischen Stellung Amerikas zu betätigen, daß jedermann nach seinen Verdiensten beurteilt wird, ohne die geringste Rücksichtnahme auf seinen Glauben, seine Rasse oder seinen Geburtsort." Wie bereits erwähnt wurde, hatte Präsident Roosevelt beschlossen, die Petition des „B'uai Brüh" dem Zaren zu übermitteln. Sobald diese Absicht des Präsidenten bekannt wurde, begab sich der russische Botschafter in Washington ins Weiße Haus, um dem Präsidenten mitznteilen, daß die Petition von der russischen Regierung zurückgesendet werden würde. Der Korrespondent drr „Times" in New-Aork meint, der Vorfall habe zunächst den praktischen Erfolg, eine große Vermehrung der Unterschriften, mit denen die Petition versehen wird, zu veranlassen. Bürger aller Rassen und Confessioneu beeilen sich, nachträglich ihre Unterschrift zu geben. Die „Times" selbst schreibt über die Angelegenheit: „Die Aktion der Vereinigten Staaten ist ungewöhnlichen Charakters, aber ungewöhnlich sind auch die Umstände. Der Zustand der Juden in Rußland ist längst eine Schmach für eine Großmacht gewesen, die: sich christlich und europäisch nennt, namentlich in den vielen Fällen, in denen sie sich als privilegirte Schirmherrin unterdrückter Nationalitäten im Kampfe gegen politische Unduldsamkeit und religiösen Fanatismus ausspielt. Wie groß auch die Schwierigkeiten sein mögen, welche die jüdische Frage in Rußland anfwirst, so können sie nimmer die grausame Politik des Ostrazismus und der Unterdrückung rechtfertigen, welche offenbar das Alpha und Omega russischer Staatsknust in dieser Sache darstellt. Noch weniger können sie die scheußlichen Szenen von Mord und Raub mildern, die jüngst in Kischinew vorgingen. Herrn von Plehwes umständliche Dementis und gewundene Erklärungen können nicht die Tatsache abändern, daß diese Ausschreitungen das direkte Resultat einer langwierigen antijüdischen Agitation waren, welche unter dem vollen Schutze der russischen Behörden in den vom Ministerium des Innern subventionirten Blättern betrieben wurde. Auch die Tatsache bleibt aufrecht, daß zwei Tage laug die jüdische Gemeinde von Kischinew auf Gnade und Ungnade organisierten Banden von Strolchen auszeliefert wurde, und zwar unter den Augen einer großen Polizeimacht, welche aktiv mithaif, und einer Garnison von 10.000 Mann, deren verspätetes Eingreifen den künstlichen Charakter der Unruhen klarlegeu half. Schließlich hat die amtliche Untersuchung bloß eine groteske Travestie der Justiz zutage gefördert, die fast häßlicher ist, als eine offene Erklärung der Straflosigkeit. Der Beschluß der Uuiousregierung. die Petition au Rußland zu befördern, ist nach reiflicher Erwägung und nach der Kundgebung seitens Rußlands, daß es jede Vorstellung zurückweiseu werde, erfolgt. Die jetzige Ablehnung ist also ein Umstand, auf den die Unions- Regierung vorbereitet war. Schwer anzunehmen ist, daß selbst die mächtige russische Bureaukratie riskieren könnte, die Petition in den ministeriellen Mappen verstauben zu lassen. Wenn sich ein Mann wie Roosevelt nach reiflicher Ueberlegung zu einem solchen Schritte entschließt, so verleiht seine Aktiou der Petition ein Gewicht, das weit über ihre ursprüngliche Bedeutung hinausgeht und verbietet, die Petition unerledigt ad acta zu legen. Die amerikanische Diplomatie kann das Ohr des Zaren erreichen, dem einige seiner Minister offenbar die Wahrheit voreuthalten wollen, und außer den Juden können noch andere russische Untertanen Grund zur Dankbarkeit hiesür haben." Die Verschämten. Wie sehr die Absallbeweguug im ungarischen Judenthum überhand nehmen muß und welch' häßliche Blüten dieselbe zu Tage fördert, geht schon aus dem Umstande hervor, daß nicht nur jüdische Blätter, sondern auch schou Tagesblätter, die confessionellen Fragen sonst gern aus dem Wege gehen, sich mit diesen bedauerlichen Erscheinungen beschäftigen, und so lesen wir im „Neuen Pester Journal" nachfolgende Ausführungen, die ebenso zeitgemäß als lehrreich erscheinen: Politische und gesellschaftliche Strömungen verleihen' den einander ablöseudeu Zeitaltern die wechselnde Physiognomie. So ziemlich vorüber sind die Epochen, wo die moralischen, kulturellen und sonstigen Fortschrittsbestrebungen der Menschheit durch die Triebfeder religiöser Auffassung, konfessioneller Schwärmereien gelenkt wurden. Die Debatten und Disputationen über Mehr- oder Miuderwerthigkeit von Religionsdogmen sind vom Forum der Oeffentlichkeit verbannt und ins Exil der verschiedenartigen theologischen Fakultäten geschickt worden. Wer heute in einem Buch oder auch nur in einem Zeitungsartikel Fragen der letzteren Kategorie aufrolleu möchte, verfiele dem Fluche, welcher dem überwundenen Standpunkt und noch' mehr der noch besser tödtenden Lächerlichkeit anhaftet. Also möge in den nachstehenden Zeilen, die einem heiklen, aber endlich einmal dennoch zu berührenden Thema gewidmet sind, von den- Sachen der wesentlichen Glaubeusunterschiede keine Rede sein. Auch von der mehr die Neugierde als das Herz der Massen bewegenden Staatspolitik soll gleichfalls keine Erwähnung geschehen in der nun folgende Meditation, die uns eine nur allzu' stärk bemerkbare Erscheinung im gesellschaftlichen Leben Ungarns und namentlich in der großen Kapitale unseres Vaterlandes aufzwiugt. Wir bedurften einer solch verklausulirten Einleitung, um eventuellem Mißverstände vorzubeugen. Und nun in medias res. Es handelt sich um ein absurdes, um nicht zu sageih perverses Symptom in der gesellschaftlichen — wohlgemerkt/ nicht in der politischen oder konfessionellen — Entwicklung des Landes und seiner Hauptstadt. Da leben und streben und erfreuen sich unter dem freisinnigen Regime einer von aller Welt geachteten bürgerlichen Gleichberechtigung die Besolger einer positiven Religion, die das Privilegium besitzt, den Monotheismus, den Glauben au einen Gott geschaffen zu haben. Man thut ihnen nichts Besonderes zuleide; ihre besseren Leute kommen zu Vermögen, zu Titeln und Würden — sie dürfen Eoelleute werden und Kommerzieuräthe, und daß sie unter die Offiziere des Generalstabes, unter die Profefforen der von k atholischen Fonds

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