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Die Wahrheit · 1903-07-03 · Heft 26 (3.7.1903) · page 4

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1903
Issue
Heft 26 (3.7.1903)
Date
1903-07-03
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 Die Wahrheit. Nr. 26. Diese Sachlage muß man sich im Ausland vor Augen halten, wenn man russische Verhältnisse beurtheilt. Man gelangt dadurch nicht nur zur richtigen Kenntnis, der wirklichen Machtsaktoren in Rußland, sondern nimmt sofort auch wahr, daß die Stärke und Allgewallt des Czaren doch nur eine Illusion ist. Wohl stützt sie sich aus 3 Mill Bajonette — aber diese Bajonette werden nicht aus den Wink des Czaren in Bewegung gesetzt. Wohl stützt sie sich aus 100 000.000 Menschen aber diese Masse gehorcht nicht seinen Befehlen. Einerseits tritt zwischen den Czar und seine Untergebenen das verlotterte Tschinownikthum, anderseits ist er nicht Herr der Bestien, die ihren Leidenschaften die Zügel schießen lassen, wenn sie wie ein Rudel Wölfe von den Tschinowniks losgelasseu werden. In Rußland gibt es allerdings auch genug erleuchtete Männer, welche die Gefahr ahnen, die aus einem solch verkommenen Zustande der Bevölkerung dem Reiche droht; außerhalb Rußlands aber erhält dieser scheinbar so furchtbare Staat doch wieder von Neuem und mit vollem Rechte die Bezeichnung „der Coloß mit thönernen Füßen". Heute kehrt sich die Bestie gegen die armen Juden — lasse man nur ihren Leidenschaften freien Lauf, so wird sie morgen oder übermorgen gegen Andere ihre Wuth richten. Hat sie einmal Blut geleckt, so fragt sie nicht mehr viel, ob es Judenblut ist, sie lechzt nach jedem Blut und das Strafgericht, das man heraufbeschworen hat, vollzieht sich dann an denjenigen, die ruchlos die Bestie entfesselt haben. Der Czar ist weit und Gott ist hoch! Weder um des Czaren noch um Gottes Befehle bekümmert sich die russische Bestie. Sie fühlt sich stärker als der Crar und die Religion setzt ihr keine Schranken. Ihrem Schicksal wird sie dennoch nicht entgehen. Gottes Mühlen malen langsam aber sicher! Yeritas. Präji-ent Roosevelt über die Judenverfolgung in Kischivew. Noch ist die Erinnerung an die energische Protestnote des amerikanischen Staatssecretärs Hay gegen die rumänischen Judenverfolgungen nicht verblaßt und wieder kommt von jenseits des Oceans die erfreuliche Kunde, daß unseren armen verfolgten und unterdrückten Glaubensbrüdern in Rußland ein mächtiger Schützer in der Person des Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika, Herrn Roosevelt, erstanden ist. Am 15. Juni überreichte ein von dem Orden „B'nai Brith" ernanntes Comile, bestehend aus den Herren Leo N. Levi, Julius Bion, Jakob Furth, Salomon Sulzburger, Josef D. Coons, Simon Wolf und Adolf Moses in Washington dem Präsidenten Roosevelt eine Denkschrift an den Zaren, in welcher die Vermutung ausgedrückt wird, daß dem Zaren nicht bekannt fei, bis zu welch hohem Maße die russischen Juden unterdrückt werden. Der Präsident sagte seine vollste Unterstützung zu und erklärte, diese Denkschrift durch den amerikanischen Vertreter in Petersburg dem Zaren überreichen zu lassen. Wol hat die russische Negierung, als sie von dieser Absicht Kunde erhielt, die Annahme der Denkschrift abgelehnt, aber dennoch wird die Stimme des mächtigen Amerika nicht ganz ungehört verhallen und aller Welt wird es offenkundig sein, daß von nun ab die primitivsten Menschenrechte nicht mehr ohne Widerspruch verletzt werden dürfen. Nicht minder bedeutsam als die momentan vielleicht wirkungslose diplomatische Intervention sind aber die Worte, die Präsident Roosevelt über die Kischinewer Ereignisse sprach. Gelegentlich des Empfanges des erwähnten Comues hielt er eine Rede, welche nach der »Franks. Ztg." folgendermaßen faiitete: „Ich habe wol nicht nötig, der weitverbreiteten Entrüstung Ausdruck zu geben, mit der das ganze amerikanische Volk die fürchterlichen Ausschreitungen gegen die Juden in Kischinew aufgenonimen hat. Es ist mir in meiner ganzen Erfahrung kein Fall bekannt, bei dem sich in diesem Laude eine raschere Chmpaihie-Kuudgebung für die Opfer, und ein tieferer Ausdruck des Abscheues über die Greuel der entsetzlichen Vorgänge geltend gemacht hätte. Es ist natürlich, daß die Gefühle, die die ganze zivilisierte Welt beherrscht Haben, in den Vereinigten Staaten am stärksten und intensivsten zum Ausdrucke kommen, denn die Vereinigten Staaten sind von allen großen Mächten gerade das Land, in dem von Beginn seines nationalen Bestehens das Meiste geschehen ist, um das an der jüdischen Rasse begangene Unrecht gutzumachen und den amerikanischen Bürgern jüdischer Abstammung und jüdischen Glaubens Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Eines der rührendsten Gedichte unseres größeren Dichters Longfellow ist dem jüdischen Friedhofe in New-Iork gewidmet, und wer immer die alten Begräbnisstätten unserer Städte besucht, die Zeugnis ablegen von den alten Kolonialzeiten, wird dankbar viele Namen von Amerikanern jüdischer Nasse lesen, die im Frieden, wie im Kriege in vollem Maße zur Begründung dieser Nation beigetragen haben. Von den vielen Versammlungen der Kriegervereine, denen ich beigewohnt habe, bleibt mir - eine besonders unvergeßlich. Es war dies eine Versammlung, die von Kriegsveteranen jüdischen Glaubens im Tempel Emanu-El in der 44. Straße zu New 8)ork zur Begrüßung der heimkehrenden Krieger aus dem spanisch-amerikanischen Kriege abgehalten wurde. Als ich selbst dem Heere angehörte, focht neben mir einer der besten und tapfersten Hauptleute des Regiments, ein Jude. Einer der Schiffskommandanten, der sich bei der Blokade der cubanischen Küste rühmlich hervortat, war. ein Jude. In meinem eigenen Regiment beförderte ich fünf Leute wegen Tapferkeit in der Schlacht zu Offizieren. Zufälligerweise ergab es sich — denn ich hatte keine Ahnung, welcher Religion die Leute angehörten — daß davon zwei Protestanten, zwei Katholiken und einer Jude war. Obgleich dies, wie gesagt, ein großer Zufall war, so ist die Sache doch bezeichnend für die religiöse Zusammensetzung unserer Nation und für die Tatsache, daß alles, was von einem Mann hier verlangt wird, ist, daß er ein guter Amerikaner sei, einerlei, welchen Glaubens er ist, noch wo seine Wiege gestanden hat. Lassen Sie mich Ihnen eine kleine Begebenheit erzählen, die Bezug hat auf die Frage der Rassen- und Religionsverfolgungen Vielleicht erinnern Sie sich — sicherlich werden sich einige meiner New-Aorker Freunde daran erinnern — daß während der Zeit, als ich Polizeikommiffär in Neu» 2)orf war, ein Geistlicher von Europa kam, um in New-Aork eine antijüdische Agitation ins Leben zu rufen und daß er seine Absicht kund gab, Versammlungen abzuhalten, in denen die Inden angegriffen werden sollten. Die Angelegenheit wurde mir unterbreitet, ich hatte aber natürlich kein Befugnis, die Versammlungen zu untersagen. Nach reiflicher Ueberlegung wählte ich einen jüdischen Polizeisergeanten und vierzig jüdische Schutzleute aus, um den Agitator in den Versammlungen zu schützen, so daß er in seinen Hetzreden gegen die Inden ausschließlich von Juden beschützt wurde. Meiner Idee nach war das die beste Antwort, die ihm gegeben werden konnte, und gleichzeitig war das eine Aeußerung, wie wir Amerikaner dergleichen Sachen behandeln. Einen Schutzmann stellte ich unter folgenden Umständen an: Bei einem Besuche des christlichen Jungen Männer« Vereines wurde mir von einem jungen Inden erzählt, der bei einem Brande unter großer Lebensgefahr Leute aus dem brennenden Hause gerettet habe. Die allgemeine Ansicht svar, daß dieser junge Mann das richtige Zeug für einen tüchtigen Polizisten in sich habe. Ich ließ ihn zu mir kommen und riet ihm, sich zum Examen zu melden. Er tat es, bestand die Prüfung und wurde nicht nur ein vorzüglicher Schutzmann, sondern benützte seinen Gehalt auch dazu, seine jüngeren.Brüder und Schwestern etwas lernen zu lassen. Für seine Ersparnisse ließ er außerdem seine alten Eltern aus Rußland kommen und sorgte für sie hier. Ich habe Ihnen einige Beispiele von Männern gegeben, die unter mir in meinem Regiment und in der New-Iorker Polizei gedient haben. Aber außerdem sind einige meiner besten Freunde, einige, mit denen ich im engsten Kontakt im politischen Leben verkehre, Juden. .Ich empfinde daher natürlicherweise

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