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Die Wahrheit · 1903-07-03 · Heft 26 (3.7.1903) · page 3

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1903
Issue
Heft 26 (3.7.1903)
Date
1903-07-03
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nedaction und Administration: Wien, TI/,. Novaragasie 27 K. k. österr. Postkoarcuffa Check-Como Sir. 846.251" Inseratr 20 Heller per Nonpareille-Zeile. Aboimemeuts- und JnserationSbeträge sind in Wien zahlbar und klagbar. Zugige Heitschrift für jüöische Iniereffeu. E v f ä) e i n t jeder; reitir g. Molto : ,,Das Siegel Gotte» ist Wahrheit!“ Nr. 26. Men. 3. Snli Den:tls;irrrs: | Ganzjährig . . . 12.— I Halbjährig .... it. 6.— Für Cultusbeamte: Ganzjährig.... ff 10.— Für Ausland: Ganzjährig . . .8 Mark. 6 Rubel o^er 16 IW3. Inhalt: Rußlands Schwäche. — Präsident Roosevelt über die Judenverfolgung iu Kischiuew. — Die Verschämten. — Eine Anklage. — Die Juden und der Talmud. — Verschiedene Nachrichten. — Notiz. — Aus dem „Oesterr.-ungar. Cantoren-Verein". -- Die echten hebräischen Melodien. Kie geehrten Kerren Abonnenten werden um umgehende Erneuerung deH Abonnements für das am 1. Juki begonnene III. Huartat ersucht, damit die regctmü'ßiee Zusendung des Mattes keine Nnterörechung erleide. Gleichzeitig bitten wir nnjere geehrten Kerren Abonnenten, uns ihre Adressen in Sommerfrischen und Kurorten rechtzeitig bekannt zu geben. Are A dm in i stration. Rußlands Zchwäche. „Gott ist hoch und der Czar ist weit" — das Sprich- . wort ist tu Rußland imb außerhalb Rußlands allgemein bez kauut. Zn Nußland handelt man darnach — im Ausland j muß man darnach die Beziehungen zwischen den Negierenden! und Negierten in Rußland bemessen. Wie mau in Rußland! darnach handelt, davon haben die Tage von Kischinew ein schauerliches Zeugnis abgelegt. Die Tinte war noch kaum j getrocknet, mit welcher das kaiserliche Ostermanifest geschrieben! wurde, das allen Bewohnern des weiten russischen Reiches! Toleranz zusicherte — in kürzester Frist hat es sich gezeigt, wie! der kaiserliche Wille zur Ausführung gebracht wird. Daß ihn i das verthierte Volk von Kischinew gerade ins Gegentheil ver-; kehrte, läßt nicht nur erkennen, wie groß der Abstand ist von j einem kaiserlichen Befehle und dem Verständnis der Bevölkerung,! sondern mehr noch, wie wenig wirksam eine solche kaiserliche Anordnung ist. Dieser Maugelchat aber nur zum Theile seinen Grund in der Volksrohheit, und zum Theile darin, daß einem großen Bruchstück des russischen Volkes, ohne Unterschied der Stände, vielfach der Sinn für Menschlichkeit abgeht, oder darin! daß das iu größter religiöser und cultureller Unwissenheit j erhaltene Volk seinen Thätigkeitsdrang, der nicht durch ethische i Bildung gezügelt ist und sich im öffentlichen Leben nicht kund-! geben darf, aus allen jenen Gebieten zum Ausdruck bringt, wo es nur blinder Leidenschaft die Zügel kann schießen lassen, im . Spiel, im Trunk, in sexuellen oder religiösen Exzessen, in Haß und Gewaltthateu, — vielmehr muß man ztnu großen Theile . den Erklärungsgrund für Schandthaten, wie die von Kischinew, darin suchen, daß die Behörden von oben bis unten wohl als Vollstrecker des kaiserlichen Willens erscheinen — aber doch nur thun, was sie selbst wollen. Der Czar ist weit! .Zn seinem Auge kommt nicht das Bild von den Scheußlichkeiten von Kischinew! Der Czar ist weit! Zn seinem Ohr dringt nicht die Klage der Unterdrückten, das Webgeschrei der Gemarterten, der Hilferuf der Mißhandelten, der Jammer der Geschändeten. Der Czar ist weit! Gr erfährt nur, was iiiin gewisse Beamte sagen wollen, wie sich dies setzt offenbart hat, da der Czar von dem Urheber der Kischinewer Schandthaten ein Buch aunahm und dafür dankte, und seine Beamten verbergen sorgfältig vor seiner Kenntnisnahme Alles, woraus er die Wahrheit, ivorans er die Schändlichkeit,nt erfahren könnte, die .in seinem Namen verübt wurden. Wohl heißt der Czar „AaniocksrLsr-', Selbstherrscher aller Reußen, — aber er ist es doch nur soweit, als seine Beamten wollen. Von ihm dürfen sie sagen : „Und der König absolut, wenn er u u s e r eit Willen thnt." Der Czar hat gut befehlen, es soll im seinem Reiche Toleranz herrschen. Seine Beamten wollen nicht, weil sie von der Intoleranz ihr Dasein fristen. Was wären denn' die großen Tschinowniks, wenn es eine Macht gäbe, welche ihrem Treiben Einhalt gebieten, wenn eine solche sie nur zu controlieren vermöchte! Nicht um die Macht des Kaisers, nicht um die Größe Rußlands, nur um ihre eigene Willkür ist es diesen Tschinowniks zu thun, und um die Schranken derselben nicht enger ziehen zu lassen, führen sie die kaiserlichen Erlässe so aus, wie es ihnen beliebt, halten sie den „Gefangenen" in Winterpalais oder in Carskojeselo in Unkenntnis von den Geschehnissen, oder legen ihm Berichte vor, durch die seine Anschauung und sein Unheil irregeführt werden. Der Czar ist weit! Zn ihm gelangt auch nicht die Stimme der ehrlichen öffentlichen Meinung innerhalb und außerhalb Rußlands. Es gibt in Rußland ehrenhafte Männer, die sich mit Abscheu von dem Treiben der bekannten Tschinowniks abwenden, die das unwissende Volk ans dem Pfuhl, der sittlichen und geistigen Verkommenheit erheben möchten, aber ihre Stimmen verhallen im weiten Reiche oder sie werden gewaltsam unterdrückt. Dem Throne gegenüber werden sie als die Stimmen von. Unruhestiftern denunzirr, und als Gefahren für die „kaiserliche Autorität" — so das diejenigen, die ehrlich den Czar berathen wollen, verbannt oder ins Gefängnis gesetzt werden, diejenigen aber, die ihn belügen, „festi Ohr besitzen.*

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