Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1903
- Issue
- Heft 25 (26.6.1903)
- Date
- 1903-06-26
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Kesterr.-ungar. Cantoren-Zeitung. M- 25. Beilage zur Zeitschrift „Die Wahrheit." 23. Ial,rg. Aviso! Zie geehrten Kerren Kantoren werden ebenso Höflich als dringend ersucht, sowot den restlichen Aöonnewentsöetrag als auch das Abonnement für das beginnende Huartat einsenden zu wollen und zu diesem Zwecke die beigefügte Postanweisung zu benühen. Zum hundertsten Geburtstag Zatomon Lutzens.?V o n Obercantor Singer in Wien. Eine überaus bedeutungsvolle synagogal-gesangliche Epoche liegt abgeschlossen vor uns. Die Schöpfer und Herausgeber großer Ehorgcsaugswerke, sowie syuagogaler Necitative und Cantilationeu, ebenso die Organisatoren einer zeitgemäßen Ausgestaltung des jüdischen Gottesdienstes waren redlich bemüht, - in Ton und Wort die mehr oder minder bedeutsamen Bausteine zur Fertigstellung dieses für uns jüdische Cantoren so heiligen monumentalen Werkes zu liefern, und man kann es wol behaupten, daß ungezählte Hunderttansende von betenden Glaubensbrüdern in den geläuterten Klängen und Einrichtungen dieses ueugeschaffenen jüdischen Gottesdienstes Trost und Seelenerhebung fanden und daß auch Andersgläubige vor den Gesäugen und Einrichtungen der aus l>er Juveuschule um gestalteten modernen Synagoge anerkennend, wenn nicht auch andachtsvoll ihr Haupt neigten. So viele Namen nun auch angesichts dieser vollendeten Tatsache als treue und hingebungsvolle Pionniere der V o repoche, wie als treue und hingebungsvolle Mitarbeiter nach der Inangriffnahme des die synagogale Welt bewegenden Werkes zu nennen wären; ein Name ist es, der allen jüdischen Cantoren insgesammt als der Inbegriff, zedes resormalorischen Ausgangspunktes auf synagogal-gesauglichem Gebiete aus den Lippen schwebt; ein Name ist es, der mit Flammenschrift aus den hellerleuchteten modernen Gotteshäusern. Israels hinausstrahlt in die Gegenwart und sicherlich die Zaubermacht seiner Leuchtkraft üben wird auch für künftige Geschlechter: es ist der Name S a l o m o n S u l z e r. Was der Sulzer'scheu Epoche vorausgieng,- liegt in tiefe Schatten gehüllt, was derselben nachfolgte, war nichts Anderes als ein vollinhaltlich zu würdigender und anerkennenswerter Ausbau des Sulzer'scheu Gedankens. Daß jedoch Salomon Sulzer als Pfadfinder der modernen synagogal-gesanglichen . Richtung erachtet und allenthalben gewürdigt erscheint, braucht . nicht erst nachdrücklich betont zu werden, darüber hat die Welt entschieden. Und wenn auch die etwas gereizte Phantasie eines ausländischen Fachgeuossen den absonderlichen Gedanken in die Welt hinausschleudert, daß er im Zweifel sei, ob Sulzer — bei aller Verehrung, die er ihm, gleichsam wie ein abgerungenes Zugeständnis, entgegeubringe — „Schöpfer" oder „Geschöpf" seiner. Epoche gewesen, und daß der „Sulzerismus" den gänzlichen Verfall des Wiener Synagogengoltesdienstes in sich berge, so kann dieses, wie bereits erwähnt, absonderliche und durch nichts 'gerechtfertigte Vorurteil das bezüglich Sulzer und dessen Schöpfungen gewonnene herrliche Gesammtbild ebensowenig verdunkeln, wie wir es es geradezu anerkennen, daß der Wiener Cultusvorstand, in gerechter Würdigung der unsterblichen Verdienste Sulzer's, an der Stätte seiner einstigen Wirksamkeit vorläufig die Aufführung sulzerischer Gesänge zum Ge- ' setze erhoben hat. Was den von dem obenerwähnten Herrn erträumten Verfall des Wiener Synagogengoltesdienstes betrifft, möge mau sich gütigst bescheiden: man steht seit Jahrzehnten auf der Aussichtswarle der „E »t w i ck e l u u g des S y n a zogeng e s a u g e s" und man wird mit Gottes Hilfe auch ferner seine Schuldigkeit tun. Nachdem wir, wie geziemend, auch diese absonderliche Richtung der sulzerseiudlichen Beurteilung registrjrt, bekennen wir ohne Heuchelei, daß Salomon Sulzer als der Pfadfinder' einer Richtung auf synägogal-geianglichem Gebiete anerkannt werden muß, wie dieselbe keiner vor ihm, trotz mannigfach günstigerer lokaler und künstlerischer Vorbedingungen, zu Stande gebracht hat. Was nach dieser Periode kam, möge es bedeutungsvoller oder minder bedeutend gewesen sein, es vermag gleichfalls die künstlerische Tatsache nicht zu beeinträchtigen, daß Salomon Sulzer, beziehungsweise seiner Initiative das umfassend große Werk, „die Schöpfung des modernen Synagoaengesanges", zu verdanken sei. Gedanken und Vorschläge rc. mögen ja im Seelenleben einzelner Vorgänger vorhanden gewesen sein, doch die praktische Betätigung, namentlich die Einführung des modernen Synagogen-Recitativs durch feine eigene, für die nachstrebenden jüdischen Cantoren allesammt muftergiltig gewordene Vortragsweise muß als ausschließliches Werk Sulzer's anerkannt lveroen. Wir würdigen auch den gegnerischen Standpunkt, daß Salomon Sulzer bei Veröffentlichung seines Loliir Zion I bezüglich des traditionellen Recitativ etwas zu wenig Vorsicht walten ließ; allein in dem Zugeständnisse dieser scheinbaren Versültdigung Sulzer's. dem Hergebrachten gegenüber ist ganz eclaranl auch sein künftlcrisch-zielbewußtes Walten gezeichnet. Dem Meister schwebte ausschließlich der eine große Gedanke vor, inmitten der verworrenen Zustände Wandel schaffen zu müssen, und wenn er dann bei Auflockerung des urbar zu machenden Bodens nebst dem Unkraute auch die Wurzeln manch' herrlich duftender Blumen vernichtete, so mußte sein künstlerischdurchdringender Kennerblick ganz offenbar erkannt haben, daß inmitten dieser barbarischen Zustände erst dann irgend etwas Mustergiltiges zu erreichen sei, wenn mit dem Gesammtmateriale tabula rasa gemacht, um dann die poetische Gewalt des modernen Recirativs desto eindringlicher zum Bewußtsein gelangen zu lassen. Wie dem Meister seine Absicht gelungen, haben wir ja an der Machtfülle und der selbständigen Bedeutung des im Schir Zion I aufgestellten Recitativs Ma godlu maasecho k. erschöpfend erfahren. Dieses Recitativ hat als modernes Muster in gutem wie in bösem Sinne die Reise um die Welt gemacht, und manch noch unreifer Cantorcandidat fühlte, nachdem er mit vieler Mühe dieses Recitativ, wenn auch nur mechanisch, einstudirte, den Flügelschlag einer modernen, synagogalgesanglichen Epoche und opferte willig seine ihm von Jugend her so lieb gewordenen Klänge, indem er wieder und wieder dieses neue Sulzer'sche Na goäln-Recitativ sich und Anderen vorsang. Wie ideal Salomon Sulzer übrigens über die Bedeutung des traditionellen Synagogengesanges in geläuterter Form dachte, finden wir als heiliges Vermächtnis in seinem Scliir Zion II verzeichnet?) i) Nicht aus persönlicher Eitelkeit sondern ausschließlich zur' Bekräftigung der Tatsache, daß der traditionelle Synagogengesang dem Herzen Sulzer's sehr nahe lag, wollen und müssen wir eines persönlichen Gedankenaustausches aus dem Jahre 1885 Erwähnung tun. 'Es war vor Veröffentlichung meiner Theorie über jüdische Tonarten, als ich eines Winterabends, wie ich es so oft tat, den Meister aufsuchte, um den Vereinsamten ein Stündchen zu unterhalten. Unter Anderem kamen wir auch aus die „Jüdischen Tonarten" zu sprechen, und als ich über die Läonos molaoli-Tonart mit der obligaten kleinen '.Septime, der dominirenden Quinte rc. sprach, da unterbrach mich der Meister, indem er sagte.- „Du! das ist etwas! — Nu, nu, wir Kisvdouiüi habest ja auch etwas gethan, warum sollen die ^.vdro'üioi "nicht auch etwas schaffen? (Sulzers eigene Worte.) -'