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Die Wahrheit · 1903-06-26 · Heft 25 (26.6.1903) · page 5

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1903
Issue
Heft 25 (26.6.1903)
Date
1903-06-26
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Rr. 25. Die Dahrhett Seite 6 überhaupt ein durchaus tolerantes Volk. So oft ein jüdischer Leichenzug über die Straße zog, entblößten alle Vorübergehenden, Juden wie Christen, ehrfurchtsvoll das Haupt. Militärzüge pflegten stillzuhalten und das Gewehr zu präsentieren. Eines Tages kam nach Belgrad eine sogenannte Schauspielertruppe, die das Judentum durch rohe Spässe verhöhnte. Es genügte eine mündliche Rücksprache mit dem Polizeipräfekten, dies sofort zu verbieten. Die einheimischen Serben fanden dies durchaus in Ordnung. Auch König Alexander war von den toleranten Traditionen drs Hausses Obrenowitsch beherrscht. Zur Zeit seiner Minderjährigkeit war General Protilsch zweiter Regent. Es war dies ein Mann von edlen Prinzipien und großer Gerechtigkeitsliebe. Sein Einstuß aus den jungen König war der möglichst beste. Den Religionsunterricht erhielt Alexander durch Monsignore Firmiliau, damals Rektor des Priesterseminars in Belgrad, zur Zeit Metropolit in Uesküb. Ich wohnte in seinem Hanse und wir unterhielten die beste Nachbarschaft. Selten habe ich einen so toleranten, milden Geistlichen gesehen wie meinen Freund Firmiliau. Natürlich wirkte er auf den König im Sinne der religiösen Toleranz und der Menschenliebe. Eines Tages, ich war eben von einem schweren Jnfluenzafall einigermaßen wieder hergestellt, ließ bei mir General Protitsch anfragen, ob ich ihn empfangen wolle. Ich antwortete gleich, daß ich es mir zur Ehre anrechnen werde, wenn es ihm gelegen käme, ihn zu besuchen. Er schickte darauf eine Hofequipage, mich abzuholen. Der König, sagte mir General Protitsch, habe den Wunsch, sich auch über das Judentum belehren zu lassen. Ob und wann ich ihm darüber Auskunft geben wollte? Natürlich übernahm ich dies sofort, und die Unterhaltung dauerte über zwei Stunden. König Alexander wollte vor allem die jüdischen Feste und ihre Bedeutung kennen. Meine Aufklärungen gefielen ihm außerordentlich. General Protitsch sagte später zum ersten Regenten, Jowan Ristitsch, scherzend: „Na, wenn Sie nur bei der Unterredung zugegen gewesen wären — Sie hätten sich gleich mir für das Judentum gewinnen lassen." Das praktische Resultat war auch, daß gesetzlich die Befreiung der jüdischen Soldateil vom Dienst während aller jüdischen Feiertage ausgesprochen wurde. Wo es nur anging, wurden die jüdischen Soldaten rituell gespeist. Zum letzen Mal habe ich König Alexander im April 1893 gesprochen, als er sechzehn Jahre alt, selbständig die Regierung übernahm. Ich kam, um ihm Glück zu wünschen. Die Aufnahme war eine überaus freundliche, und die Aeußerungen, die er über Juden und Judentum tat, waren anerkennend und herzlich. In der , Tat ist Serbien von der antisemitischen Seuche bis heute verschont geblieben. Der Verkehr zwischen Inder», und Christen ist ein harmloser und herzlicher. Man findet es natürlich, daß Juden an christlichen Feierlichkeiten teilnehmen und umgekehrt. Jeder Versuch, das gute Einvernehmen zu stören, wird stets streng zurückgewiesen. Ohne mich hier über die politische Tragweite dieses erschütternden Ereignisses anszusprechen, will ich doch der mm ausgestorben eu Dynastie Obrenowitsch auch in der jüdischen Geschichte ein Blatt der Anerkennung und der Dankbarkeit widmen. Das Weib Hiob's. Studie von Dr. M. Lewin, Rabbiner, Malaczka. Das für alle Bekenntnisse gleich heilige, durch seinen ethischen Gehalt, seine herrliche Poesie einzig in den Literaturen aller Völker dastehende Buch Hiob ist bereits in allen Phasen zum Gegenstände eingehender Forschung von Seiten jüdischer und nichtjüdischer Gelehrter gemacht worden. Positive Ergebnisse haben jene Forschungen nicht gebracht, aber Immerhin einiges Licht in das Dunkel der Szenerie, des Ortes, der Ab fassungszeit und der Charakteristik der Personen des Buchee Hiob geschaffen. Bei allen heiligen Büchern didaktischen Inhalts tritt die Verschiedenheit der Auffassung der jüdischen und und nichtjüdischen Erklärer in der Behandlung jüdischer Motivs offen zu Tage. Dies ist auch in der Auslegung mancher Phasen in unserem Buche der Fall. Eine Ausnahme jedoch macht die Charakteristik des Weibes Hiob's. Als Exempel eines scheinbar vollkommen gottlosen und lieblosen Weibes tritt ihre Gestalt aus dem Rahmen des Hiobbildes hervor. Sie spricht ausnahmsweise wenig und doch mehr mit ihren wenigen Worten als die langen Reden der Freunde ihres Mannes. Die Worte der letzteren sind verschwommen und bieten kein zuverlässiges Bild für die Beurteilung ihres eigenen Characters. Das Weib jedoch bekennt offen und frei, wie sie für Gott und was sie als Gattin für ihren Mann fühlt. „Lasse Gott fahren und stirb!" Diese Worte charakterisiren das Weib Hiobs. Was sie künden, soll weiter erörtert werden, vorerst eine andere Frage zur Vervollständigung der vorliegenden Abhandlung. Wer war das Weib Hiobs? Das Buch selbst bietet keinen Anhaltspunkt zur Beantwortung, während doch der Verfasser in der Verzeichnung der Namen der austretenden Personen, zumal der Frauennamen, keine besondere Sparsamkeit verrät. Nur der Talmud und einige arabische Ueberliesernngen haben auch diese Frage in den Kreis ihrer Betrachtung gezogen. Nach Talmud — Baba Bathra 15b — und Targum Jon. z. St. wäre Dinah, die Tochter Jakobs, das Weib Hiobs gewesen. Nach der halbsyrischeu Fabel der Araber über Hiob sagt uns Jsmael-ibn-Ali in seiner Chronik, die im Maräccio S. 457 seiner Anmerkungen zum Koran angeführt sind: „Sein Weib hat Rachma geheißen". Desgleichen lesen wir in einer Darstellung der Hiobslegendeu — Catal arab. Manuse. in Damask. gesammelt von Wetzstein Berlin 1863, Nr. 46, p. 56 —: „Nach dem Tode seines Vaters reiste Job nach Egypten, um Rahme, die Tochter Efraims zu freien, die von ihrem Großvater Joseph das Gewand der Schönheit geerbt hatte und nachdem er sie in seine Heimat gebracht, erhielt er von Gott die Mission, als Prophet seiner Landsleute, nämlich der Bewohner Hanrans und Vetanaeas." Nach einer anderen, offenbar arabischen Quelle hätte er eine Araberin zum Weibe gehabt. Wir würden den Rahmen unserer Abhandlung überschreiten, wollten wir den Wert und die Bedeutung der Verbindung Hiobs mit Jakob nach dem talmud. Ausspruche und die Verbindung mit Egypten nach der arab. Auslegung erörtern. Dies gehört in ein anderes Capitel über das „Zeitalter Hiobs". Die Behandlung der Frage über die Charakteristik des Weibes Hiobs tritt in ein deutlicheres Stadium durch die Parallele mit Anna, dem Weibe des Tobias. Diese scheint eine Copie des Weibes Hiobs zu sein, nur mit dem Unterschiede, daß sie die Rechtgläubigkeit ihres Mannes offen bezweifelt. Sie sagt dem erblindeten Tobias, als sie für den Unterhalt der Familie Lohnarbeiten übernehmen muß: „Man sieht aus deinen Schicksalen, daß es mit all deinen Tugenden nicht weit her sein kann" — siehe Sengelmann „Buch Tobith" 1857 und Fritsche: „Handbuch zu den Apokryphen", 2. Liefer. p. 36 —. Deutlicher tritt dieser Vergleich im Texte des Hieronymus hervor, der dem Tobias und seinem Weibe die gleichen Worte des Hiob und dessen Weibes in den Mund legt. Das Weib Hiobs war daher von den ältesten nichtjüdischen Commentatoren der heiligen Schrift zum Gegenstände der vernichtendsten Kritik gemacht worden. Augustinus nennt sie: „Adjutrix diaboli“; Calvin: „Organum Satanae“ oder „Proserpinam et furiam infernalem“; Ebrand: „Des Verführers Werkzeug". Viel schärfer noch ist die satyrische Art, in welcher das Verhältnis Hiob's zu seinem Weibe geschildert wird. So manche Epigrammendichter haben sich dieses Stoffes bemächtigt und in tragikomischer Weise bearbeitet. So von Alters her in dem Epigramm vom Jahre 1696 in Serpilius „Personalia Jobitt; auch in der neueren Zeit von Kästner, ferner Tendlau: „ Sprichwörter und Redensarten deutsch-jüd. Vorzeit" 1860, S. 11. Durch den Umstand — sagen sie —, daß Satan dem Hiob aller seiner Güter beraubte, ihm jedoch

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