Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1903
- Issue
- Heft 25 (26.6.1903)
- Date
- 1903-06-26
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4 Die Wahrheit. Nr. 25. aufschwung, Civilisatiou und Humanität besaßen, Plötzlich, ja über Nacht verloren gegangen ist, um sich in wüster Leidenschaftlichkeit, Barbarei und Mordgier zu verwandeln?! Was aber den Ereignissen von Belgrad und Kischinew, so grundverschieden dieselben in ursächlicher Beziehung auch sein mögen, ein geradezu charakteristisches Gepräge verleiht, das ist die Art und Weise, wie die beiden Äffairen seitens auswärtiger Mächte und Regierungen aufgefaßt wurden. Als die Schreckenskunde von Kischinew in die große Oeffentlichkeit drang und alle Welt mit Schaudern und Entsetzen erfüllte, als die Regierungen darüber interpellirt und um ihre Intervention ersucht wurden, da hieß es im Allgemeinen — allerdings weil es sich nur um Juden, um Bekenner des jüdischen Glaubens handelte —> daß die Affaire als eine interne Angelegenheit des russischen Reiches zu betrachten fei und solcherart nicht das Dazwischentreten auswärtiger Regierungen erheische. .Nun wurde aber die Welt mit dem Belgrader Ereignisse überrascht, mit einem blutigen Schauspiel, dem diesmal Bekenner der katholischen Kirche, Sprößlinge des christlichen Glaubens, ja sogar hohe Sprößlinge in der Gestalt einer Königsfamilie zum Oper sielen. Wieder richteten sich aller Augen nach den maßgebenden Faktoren Europas, von derselben im Interesse und zum Schutze des allgemeinen Meschenrechtes die erwünschte Intervention erhoffend, und siehe da, mit Ausnahme von Oesterr.-Ungarn und Rußland fand es keine der übrigen Negierungen für opportun, zu der Affaire, die gleichfals als interne serbische Angelegenheit bezeichnet wurde, officiell Stellung zu nehmen und in Protestkundgebungen ihre Mißbilligung Ausdruck zu geben. Mögen die Judenmassacres in Kischinew und der Königsmord in Belgrad von welcher Seite immer als interne Sachen der betreffenden Länder hingestellt werden, für das gesittete und gebildete Europa bleiben diese Ereignisse immer eine gemeinsame Angelegenheit, der die öffentliche Aufmerksamkeit in besondertM Maße zugewendet werden sollte. Wie immer, wenn es sich um die Erhaltung des Weltfriedens, um die Wahrung und Förderung der allgemeinen Völker- und Menschenrechte handelte, hat der Doyen unter den Herrschern Europas, Kaiser Franz Josef, unser glorreicher und erhabener Landesherr, auch in diesem Falle aller Welt das erleuchtende Beispiel edelster Gesinnung und humansten Empfindens gegeben. Das Wort „verabscheuungswürdig", womit .unser Kaiser in einem offenen Schreiben die blutigen Vorgänge in Serbien in der Nacht vom 11. Juni bezeichnete, ist ein Machtwort, ein erlösendes Morrarchenwort, das nicht allein den Verschwörern von Belgrad, sondern allen reactinären Elementen und Gewalten unserer Zeit, in u elchem Lande immer sie ihr loses Spiel treiben, Nationen und Confessionen gegeneinander hetzen und erbittern, verbürgte Völker und Menschenrechte mit Füßen treten und den allgemeinen Weltfrieden zu untergraben suchen, ernüchtern, zur Einsicht und Einkehr gemahnen, dem vom Rassen- und Klaffenhaß und coufeffionellen Hader so tief unterwühlten Europa denH ihm dringenden socialen Frieden und dem 20. Jahrhundert, das das Jahrhundert der Aufklärung und der Civilisatiou genannt wird, jene Achtung und Anerkennung tviedergeben sollte, woraus es mit stolzer Berechtigung Anspruch erhebt. Daniel S k u t e z k y. König Alexander. (Persönliche Erinnerungen.) Der frühere Landesrabbiner von Serbien, Dr. S. Bernfeld, veröffentlicht unter obigem Titel im Berliner „General- Anzeiger für das Judenthum" nachfolgende, höchst interessante Reminiszenzen: Der unglückliche Serbeukonig, der so tragisch geendet hat, war bei weitem bester als sein Ruf. Auch sein Vater Milan, den man in der europäischen Presse Jahre hindurch weidlich durchgehechelt hat, war nicht so schlimm, wie er für gewöhnlich geschildert wurde. Die Familie Obreuowitsch, die erloschen ist, zeichnete sich in allen ihren Gliedern durch ungewöhnliche Begabung aus. Sie waren Menschen von Temperament, im Guten wie im Schlimmen. An edlen Regungen hat es ihnen nicht gefehlt. König Alexander war sogar ein gutherziger und milder Mensch, was ihn freilich nicht verhinderte, auch große Fehler zu begehen, die er nun mit seinem Leben bezahlen mußte. Ich habe sowohl König Milan wie auch König Alexander persönlich gekannt und bin mit ihnen mehreremale in meiner Eigenschaft als Landesrabbiner von Serbien in Berührung getreten. Unglücklichen Menschen, die für ihre Fehler schon genug gebüßt haben, soll man das Gute, das man von ihnen weiß, uneingeschränkt nachsagen. Dies erheischt die historische Gerechtigkeit. Am 6. März 1887 bin ich zum erstenmal im königlichen Konak gewesen, um im Namen der serbischen Judenheit die besten Glückwünsche — es ist der Tag der Proklamierung Serbiens zum Königreich — entgegen zu bringen. Milan war überaus freundlich und versicherte mir in warmen Worten, daß er den Juden sehr wohlwolle. In seiner Jugend hatte er anfangs antisemitische Neigungen, von denen er sich jedoch gründlich lossagte. Als aber 1885 der bekannte ungarische Antisemit Zerboni nach Belgrad kam, um da zu agitieren, erfuhr dies der König auf privatem Wege., In einem Ministerrat zeigte er sich darüber ungehalten, daß man ihm davon keine Mitteilung gemacht hatte, und befahl entschieden, den wackeren Alltisemiten über die Grenze zu bringen. Am 6. März 1888 wurde ich wieder von König Milan empfangen. „Das ist doch schön", bemerkte er scherzend zu mir, „daß. Sie nicht davon laufen; ich hoffe, daß es Ihnen bei uns gefallen wird." Ich war damals etwas leidend, was er mir ansah. Ein Minister erzählte mir später, der König habe es übel bemerkt, daß man mich so lange habe warten lassen, zumal ich noch am selben Tag zu predigen hatte. Er meinte, man hätte mich ganz gut gegen die Vorschriften des Zeremoniells vorlaffen können. Am Tage, an dem er ab dankte (6. März 1889), unterschrieb er noch ein Dekret, durch welches er mir einen hohen Orden verlieh. Während seiner Regierung zeigte er oft Gerechtigkeitssinn für die Juden. Als im Jahre 1888 die neue Konstitution ausgearbeitet wurde, war es Zeit, die bürgerliche Gleichberechtigung der Inden, die bis dahin nur äs kasts bestand, auch äs jurs durchzusetzen. In die neue Verfassung sollte eine Bestimmung ausgenommen werden, durch die die Gleichberechtigung aller Bürger ausgesprochen wurde. Der König war Vorsitzender der Kommission, die mit der Ausarbeitung der neuen Verfassung betraut war. Einen mir befreundeten Minister bat ich, Milan daran zu erinnern, die Rechte der Inden gesetzlich festznstellen. Einige Tage daraus erzählte er mir mein Gewährsmann, der König, sei beinahe ungehalten darüber gewesen, daß man es für nötig gehalten, ihm solches in Erinnerung zu bringen. Eines Tages besuchte mich ein hochstehender Jude aus England; er war auf der Durchreise, mußte aber in Belgrad bleiben, weil er den Todestag seines Vaters durch den Synagogenbesuch begehen wollte. Mein Gast besucht auch den König und erzählte ihm, daß er von mir komme. „Wollen Sie unserem Rabbiner und auch mir eine Freude machen?" äußerte daraus der König, „so beschenken Sie die Armen der.hiesigen Gemeinde." Bei der Proklamation Alexanders zum Könige (6. März 1889) war ich neben allen Würdenträgern mit im Schloß anwesend. Meine offizielle Stellung war eine vom Staat anerkannte, zumal ich einen beträchtlichen Theil meines Gehalts vom Staar bezog. Eines Tages sollten die ersten 6 jüdischen Offiziere in der serbischen Armee feierlichst vereidet werden. Ich hielt es für angebracht, diesen Eid persönlich abzunehmeu, um auf die Bedeutung des Ereignisses besonders hinzuweisen. Als ich in das Lager kam — während des Sommers befindet sich die Garnison in Zelten im Freien — wurde ich vom Kommandanten mit bischöflichen Ehren empfangen; das ganze Heer defilierte vor mir. Ich erzähle dies nicht etwa aus persönlicher Eitelkeit, da die Ehrenbezeugungen nicht mir, sondern meiner Stellung galten. Es geht daraus hervor, welche bürgerliche Stellung die^ Juden in Serbien einnehmen. Die Serben sind