Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1903
- Issue
- Heft 24 (19.6.1903)
- Date
- 1903-06-19
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 24. Beilage zur Zeitschrift „Die Wahrheit." 23 I,chrg. Zur Geschichte der Cantoren-Organisation. Wer die Geschichte der Cantoren-Organisation in Oesterreich-Ungarn, die von Wien aus durch Herausgabe der „Cantoren- Zeitung" und Gründung des „Oest.-ung. Cantoren-Vereines" ihre erste Anregung erhalten hat, in allen ihren Erscheinungen mit Aufmerksamkeit verfolgt, wird sich der Erkenntnis nicht verschließen können, daß nicht so sehr nach außen hin zu überwindende Schwierigkeiten, sondern viel mehr noch innerhalb der Berufsgenosienschaft zu Tage tretende Strömungen und Hemmniffe den Fortschritt der Organisationsbewegung jederzeit gehindert haben Mangel an Solidaritätsgefühl, das vom politischen Leben auf das Vereinsleben übertragene Streben, die einzelnen Interessensphären nach Kronländern oder nationalen Bezirken abzugrenzen, und nicht zum geringen Teile auch unbefriedigt gebliebene oder übermäßig austretende persönliche Aspirationen haben zunächst zwischen den Collegen dies- und jenseits der Leitha eine künstliche Scheidewand ausgerichtet, dann eine stramme Angliederung lebensfähiger Zweigvereine innerhalb der österreichischen Monarchie an den Mntterverein in Wien unmöglich gemacht und schließlich auch zur Gründung des mährischen Cantorenvereines geführt. Was Wunder, wenn bei einer derartigen Zersplitterung der Kräfte die cantorale Organisation keine Fortschritte machen konnte, und die Klagen über zunehmende soziale und materielle Mißstände in der Berussgenossenschast immer häufiger und lauter wurden? Die Verschlimmerung der Verhältnisse hatte jedoch ein Gutes im Gefolge: Langsam wol, aber stetig rang sich die Erkenntnis durch, daß es auf diesem Wege nicht mehr weiter fortgehen könne, das Bedürfnis nach Einigung erfaßte immer weitere Kreise, und so kam es zu jener imposanten Kundgebung auf dem vor zwei Jahren in Wien abgehaltenen „Allgemeinen Cautorentage", der in einer enthusiastisch begrüßten und einstimmig angenommenen Resolution die einheitliche Organisation der cantoralen Berufsgenosseuschaft beschlossen hat. Der Vorstand des Oesterr.-ungar. Cantoren-Vereines, dem die Durchführung' der Gesammtorganisation übertragen wurde, hat weder persönliche noch materielle Opfer gescheut, um die Beschlüsse des Cantorentages zu verwirklichen, und das Bestreben, auch die mährischen Collegen corporativ für die geeinte Organisation 511 gewinnen, führte dessen Präsidenten und Vicepräsidenten in die vorjährige Generalversammlung des mährischen Cantorenvereines nach Brünn, woselbst vereinbart wurde, daß der mähr. Cantorenverein Delegirte nach Wien entsenden werde, um über den Anschluß an die Organisation Berathungen mit dem Vorstande des Oesterr.-ungar. Cantoren- Vereines zu pstegen. Diese Delegirten erschienen denn auch in Wien, wobei allerdings constatirt werden muß, daß dies nicht aus eigener Juitiative sondern auf eine neuerliche von Wien aus erfolgte dringliche Einladung geschah, und nach mehrstündiger Berathung, in welcher beiderseits anerkannt wurde, daß der Bestand des mähr. Cautoren-Vereins durch die neue Organisation nicht beeinträchtigt werden soll, gaben sämmtliche Herren, und voran der Präsident des mähr. Cantoren-Vereines, Herr Obereantor Heller, die bündige Zusicherung, daß sie sich persönlich gerne der Organisation anschließen und auch gewillt seien, für den corporativeu Anschluß der mährischen Collegenschaft in der nächsten Generalversammlung, die hierüber -schlüssig werden sollte, mit aller Energie einzutreten. Freilich mußte es etwas befremdlich erscheinen, daß in Ler Folgezeit wohl zahlreiche Cautoren aus Mähren aber keiner Von den Herren Delegierten ihre Mitgliedschaft anmeldeten, aber dennoch sah der Vorstand des österr.-uugar. Cantoren- Vereines, im Vertrauen auf die ihm ertheilte Zusage, der diesjährigen Generalversammlung in Brünn beruhigt entgegen, und wie wenig sein Vertrauen erschüttert war, beweist nachfolgendes Begrüßungstelegramm, das er am Tage der Generalversammlung nach Bräun richtete: Generalversammlung des mährischen Cantoren-Vereines, Brunn, Sitzungssaal Basteigasse. Innige Glückwünsche für ersprießliche Arbeit sendend, erwarten wir endgültiges Resultat bezüglich des in Wien und Brünn zuversichtlich in Aussicht gestellten corporativen Anschlusses des mährischen Bruderbundes au unseren Verein. Vorstand des österr.-uugar. Cantoren-Vereines in Wien. Der ganze Verlauf der Generalversammlung, besonders aber der von der Leitung des mährischen Cantoren-Vereines der Redaktion dieses Blattes zugesandte und somit als offiziell geltende Bericht, der in voriger Nummer veröffentlicht wurde, mußte nun jeden Collegen, dessen Solidaritätsgefühl nicht vollkommen erstorben ist, höchst peinlich berühren und neuerlich die alte Erfahrung bestätigen, daß die Hinderer der Organisation immer in den eigenen Reihen zu finden sind. Wir wollen davon nicht sprechen, daß die primitivsten Anforderungen der Courtoisie und Collegialität dadurch verletzt erscheinen, daß das Begrüßungstelegramm des Vorstandes des Oesterr.-ungar. Cantorenvereines, das ohne jede Erwiderung blieb, in dem Berichte gar keine Erwähnung fand und vielleicht der Generalversammlung gar nicht zur Kenntis gebracht wurde; wir wollen uns nicht allzusehr darüber ausregen, daß die Leitung des mähr. Cantoren-Vereines es bis heute noch nicht für notwendig gesunden hat, offiziell und in der gebührenden Form über die Beschlüsse der Generalversammlung bezüglich der in Wien gepflogenen Beratungen an den Vorstand der. Oesterr.- ungar. Cantoren-Vereines zu berichten — aber was wir nicht so ruhig hinnehmen können, ist die geradezu bagatellmäßige und leichtfertige Behandlung, welche der fürdie Gesammtheit des Cautorenstandes so bedeutsamen und ernsten Frage der Organisation in der Brünuer Generalversammlung zu Teil wurde, indem der Bericht, der recht weitschweifig sich über andere, minder wichtige Angelegenheiten ergeht und den geselligen Genüssen, die den Teilnehmern der Generalversammlung beschiedeu waren, einen ziemlich breiten Raum eiuräumt, mit verletzender lapidarer Kürze über die Organisation mit drei Zeilen hinweggeht und gar nichts zu sagen weiß, als daß die Verhandlungen ein „negatives Resultat" ergeben haben. Die scharfe Mißbilligung, die der Vorstand des. Oesterr. Ungar. Cantoren-Vereines in seiner am 16. d. M. stattgehabten Sitzung über die hiedurch documentirte Mißachtung allgemeiner Standesinteresseu seitens einer beruflichen Vereinigung und deren Leitung ausgesprochen hat, wird gewiß in den weitesten Kreisen Zustimmung finden, und es verdient auch für alle Zukunft festgenagelt zu werden, an wem die Schuld lag, wenn, um mit den Worten des Berichtes zu sprechen, ein „negatives Resultat" erzielt wurde. Mühen und Arbeit hat der Vorstand des Oesterr.-ungar. Cantorenvereines gewiß nicht gescheut und er bat es auch nach der gegebenen Schilderung der wahren Sachlage an dem nötigen Entgegenkommen nicht fehlen lassen; allein der Vorstand des mähr. Cantoren-Vereines hat auch nicht den Schein eines Beweises erbracht, daß er die in Wien gegebenen Zusagen ernstlich zu erfüllen bestrebt war. Zur Liebe kann freilich niemand gezwungen werden, aber wir hätten in