Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1903
- Issue
- Heft 24 (19.6.1903)
- Date
- 1903-06-19
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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, Seite 4 Die Wahrheit. Nr. 24. kränken oder - zu beleidigen. Und ich spreche gewiß aus der Seele aller jüdischen Unterthaneu dieses Reiches, wenn ich diese Zeilen mit den Worten und deui tiefgehegten Wunsche schließe: ,^Gott erhalte und beschütze unseren Kaiser Franz Loses I. bis an die äußerste Grenze menschlichen Daseins!" N. CH. Die Correclheit der Bibel. Es ist immer etwas Mißliches, wenn >man als Laie in gelehrten Tagessragen das Wort nimmt. Das hat sogar der mächtige Monarch erfahren müssen, der da geglaubt hat, im Streite um Babel und die Bibel mit seiner Meinung nicht hinterm Berge halten zu dürfen. Bei uns Juden liegt die Sache anders, günstiger, wenn man so sagen darf. Im jüdischen Lehrhause galt jede Ansicht, von wem immer sie laut wurde, solange der sie vortrug auf dem Boden der Ueberlieferung blieb oder ihr nicht schmähend entgegentrat. Wenn ich — wie ich das in meinem Lchev^uoth-Artikel (Nr. 21 d. Bl.) erwähnte — ein Wort aussprach, das im ersten Augenblicke vermessen klingt; wenn ich davor warnte, in die Bibel hinein- oder aus ihr heraus-zu-interpretiren — so glaubte ich gerade als Laie dazu ein Recht zu besitzen. Denn ^nicht für Engel ist die Thora gegeben worden, sondern für Menschen von Fleisch und Blut", lautet ein ebenso treffliches wie treffendes Weisenwort. Aber gerade darum auch sollen die jüdischen Gelehrten recht vorsichtig sein in der Jnterpretirung der Schrift. N i ch tverstehen schadet viel weniger als M i ßverstehen. Und gerade in der Discussion über jüdische Temata werden bisweilen Ansichten laut, bei denen die Antwort ganz nahe das „weda ma schetoschiw" streifen muß. Daß man als Laie hie und da ob seiner Ansichten ausgelacht wird, ist ja nicht zu verwundern. Als ich ein paar Wochen vor dem Feste mit einem gelehrten Freunde über die „Tagesfrage" mich unterhielt und da auch jener Ansicht Ausdruck verlieh, die ich — vorsichtiger Weise — nur in Fragestellung aufgeworfen, konnte ich nicht ahnen, daß, zur selben Stunde vielleicht, ein Manu der Wissenschaft genau die gleiche Meinung aussprach. Allerdings nicht zurückhaltend, sondern getragen von innerster Ueberzeugung und gestützt auf den Schatz seines reichen Wissens. Dr. D. Leimdörffer in Hamburg gehört zu den glänzendsten Vertretern der jüdischen Prediger-Hirarchie. In seiner soeben erschienenen Schrift vertritt auch er die Ansicht, daß die bis heute nicht erklärte Stelle I. B. M. 4, 26, vs huchal likrau usw. auf Monotheismus hindeute. Und nun frage ich — der Laie den Gelehrten: Warum denn wieder in die Bibel — ich will nicht gerade sagen hineininterpretiren — aber warum nicht die betreffende, so ü b e ra u s wichtige Stelle übersetzen, wie sie lauten muß. Koro heißt gewiß ebensosehr „rufen" wie „nennen". Aber „Korobeschem“ heißt nur „verehrend" oder „rühmend" nennen, aussprechen oder ausrufe::. Dafür gibt es in der Bibel un zählige Beispiele, so wie schein auch Bedeutung, bedeutend oder mannhaft heißt (ansche-schein). Möglich, wahrscheinlich sogar, daß Babel in der Eultur soweit fortgeschritten war, um ein höheres, die Geschicke leitendes Wesen zu kennen und anzubeten; daß dieses aber mit dem Gotte, den die jüdische Bibel lehrt, identisch war, dafür bedarf es doch noch anderer, überzeugenderer Beweise, als Professor- Delitzsch sie bringt. Der vierbuchst.rbige jüdische Gottesname basirt aus der A n erkennung eines höheren Wesens, das war, ist und sein wird, so lange die Welt besteht; diesen Zusammenhang hat uns Delitzsch noch nicht erbracht. Die Bibel spricht nicht von einem Gotte, den man nur kennt und nennt, sondern den man anerkennt und , verehrt als den Schöpfer und Leiter der Welten und ihrer Bewohner. Darum, nicht den Namen .Gottes nennen, sondern im Namen Gottes aurusen. Gott erkennen, begann man damals, und auch nur Wenigen erst war diese Erkenntnis geworden. Ich möchte zunächst nochmals auf das Hinweisen, was ich schon in meinem letzten Artikel sägte. Währeitd in dm ersten 3 Eapiteln der Bibel n u r „Elohiih“ oder dieses Wort in Verbindung mit dem Tetragramm steht, kommt im 4. Eapitel nur' der vierbuchstäbige Gottesname vor. Im 5. Eapitel wird die Schöpfungsgeschichte des Menschen wiederholt. Während aber im ganzen Eapitel nur im ersten Verse von „Elohim"' gesprochen wird, (und dann der Gottesname überhaupt nicht mehr darin vorkommt) treffen wir im 6.. Eapitel da, wo von Gott die Rede ist, nur das Tetragramm. Und nun zu einem merkwürdigen Widerspruche: Im Schlußvers der Sidra erzählt uns die heilige Schrift, daß Noah Gunst in den Augen des Ewigen gesunden habe; im nächsten Vers, daß Noah mit Gott wandelte. Dort den vierbuchstabigen Gottesnamen, hier Gott als „Elohim". D i eser Widerspruch ließe sich noch erklären. Noah — so könnte man sagen -— habe die Erkenntnis des einig-einzigen Gottes erst im Laufe seines langen Lebens und aus den überreichen Erfahrungen desselben geschöpft. Wie aber soll man jenen Widerspruch erklären, der darin besteht, daß die Erzväter nur einen El-schaddai kannten, und ihne n Gott als das ewig-seiende Wesen nicht zu Bewußtsein gekommen war, wie die heilige Schrift klipp und klar. (II. B. M. 6. 2 und 3) erzählt? Liegt nicht zwischen dieser Erzählung der Tora und dem 08 buobal likrau ein Widerspruch, der unüberbrückbar scheint? Sollte da die Eorrectheit der Bibel Schiffbruch gelitten haben? Und nun möchte ich einmal — nicht fragen, auf die Gefahr hin, unbescheiden zu scheinen. Man kann füglich davon absehen, als Schöpfungsdauer den Zeitraum von sechs Tagen anzusehen. Wir können ruhig von sechs Zeitperioden sprechen, wie dies ja schon die alten jüdischen Weisen gethan haben. Daß zur Entwicklung der Menschheit bis zu jener Höhe der Anschauung, die unsere jüdische Bibel lehrt, ein sehr, sehr langer Zeitraum nötig war, wer wollte das noch bestreiten? Wir brauchen ja nur die Ethik der über dreitausend Jahre alten jüdischen Gesetze und Lehren mit jenen unserer Zeit zu vergleichen. Wir finden kaum einen Fortschritt, kaum Besseres. Wenn nun tatsächlich zur Zeit Abrahams die Erkenntnis des einzigen Gottesals das höchste Wesen schon eingedrungen war in die Sinne denkender Menschen — und daß solche damals schon lebten,, lehrt ja die Bibel Eap. 14. V. 18 — wie viele Jahre muß man da wol zurückgehen, bis zum Beginne dieser Epoche? Wir haben nicht einmal nötig, zwischen den Zeilen der Bibel zu lesen. Schon der erste Mensch der Bibel, Adam, hat ein höheres Wesen erkannt. Und etwa Kain nicht auch? Und Abel — wem brachte er sein Opfer? Und nun kommt die Bibel und erzählt in ihrer bekannten lapidaren Kürze von jener Epoche des Beginnes der Gotteserkenntnis: „0o huchal likrau beschem ad . . ., damals war es, als man begann, ein höheres Wesen anzurusen." Herr Dr. Leimdörffer übersetzt: damals fing man an zu nennen den Namen JHWH. Nein, das sagt die Bibel nicht, und kann sie auch nicht sagen wollen! Zunächst steht nicht likrau e s oder likrau schein, sondern b e schein, nicht der Accusativ sondern der Dativ; das Vorhandensein eines höheren Wesens hatte bereits von einigen erleuchteten Köpfen Besitz ergriffen. Voll und ganz zu der Erkenntnis — so weit war man noch nicht gekommen, dazu bedurfte es erst eines Mannes, eines Lehrers, wie Moses. Und war denn das ein so gar langer Zeitraum? Was sind denn zwei Jahrtausende in der Entwicklung der Menschheit? Nichts, ein Gestern, wie der Psalmist singt! Von seiner sittlich hohen Vollkommenheit war der Adam zum Enosch geworden, herabgesunken, wie S. R. Hirsch sel. treffend bemerkt. Nur wenige Lichtpunkte sind sichtbar. Dann, nach der Sündfiulh, begann der Aufstieg. Zwischen jener Zeit, ,.os huchal likrau" und der mit den Worten „waera" beginnenden, liegt der Abstieg und Aufstieg der Menschen. Und