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Die Wahrheit · 1903-06-19 · Heft 24 (19.6.1903) · page 3

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1903
Issue
Heft 24 (19.6.1903)
Date
1903-06-19
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nedaction und Administrativ'!: Wien, n/,. Novaragasse 27. ft. k. österr. Postkv-rcasta Check-Conlo Nr. 846.'2ö1' Inserate 20 Heller per Nonpareille-Zeile. Abonnements- und Jnserationsbeträge sind in Wien zahlbar und klagbar. Bezugspreis: Ganzjährig . . . & '12.— Halbjährig .... ft. 6.— Für Cultusbeainte: Ganzjährig.... ft. 10.— Erscheint jeden Fre itng. Uotto: „Da» Lie^el 6otts» ist Wahrheit!" Für Ansland: Ganzjährig . . .3 Mar?. 6 Rubel ooer 16 FcS Ar. 24. Wien, 18. Zinn 1983 Inhalt: Die Brutalität des „Deutschen Volksblatt." — Die Correctheit der Bibel. — Eine Anklage. — Jüdische Orient-Kolonisations-Gesellschast. -- Eingesendet. — Neue Grabungen in Palästina. — Verschiedene Nachrichten. — Danksagung. — Zur Geschichte der Cantoren- Organisaiion. — Aus dem Oesterr.-ungar. Cantoren-Bereine. — Litteratur. Wir ersuchen um gefällige Einsendung der restlichen AöonnemenLsketräge. Kteichzeilig bitten wir unsere geehrten Kerren Abonnenten, uns ihre Adressen in Sommerfrischen und Kurorten rechtzeitig bekannt zu geben, damit die Zusendung des Blattes keine Unterbrechung erleide. Aie Administration. Die Srutalität des „Deutschen Volksblatt". Wie nicht anders zu erwarten war. hat das „Deutsche Volksblatt" in Wien, welches dem Kischinewer „Bessarabetz" zum Muster diente, ans dem traurigen und bedauerlichen Zwischenfall auf der Mariahilferstraße gelegentlich der Ausfahrt des Monarchen sofort entsprechendes Kapital geschlagen und am nächsten Tage der Welt mit gesperrten Lettern verkündet, daß ein Jude es war, der ein Attentat auf die geheiligte Person des Kaisers allsznüben versuchte. Und dieses corrripte Hetzblatt ging sogar so weit, die vermessene Behauptung auszusprechen, daß der Jacob Reich ein geistig ganz normaler Mensch sei, daß er eine bewußt böse That zu verüben sich ansüjickte, und daß nur die Judenpresse ihn zum Irrsinnigen stemple. Daß die Wiener Bevölkerung, welche doch ziemlich stark antisemitisch angekränkelt ist und die conventionellen Lügen und Verleumdungen ibres Leiborganes zumeist für Wahrheit hält, trotzdem düsen böswilligen und eminent anfhetzenden Bericht mit ruhigem Blute ausgenommen hat, gereicht derselben nicht nur zur besonderen Ehre, sondern zeigt auch, daß ihr gesunder Sinn trotz der mannigfachen verheerenden Wirkungen der modernen Volkskranlheit sich von so offenbarer Bosheit nicht bethören läßt. . In einem anderen Staate, wo die Bevölkerung auf einem intellectuell und culturell tieferen Niveau steht, hätte ein solcher Zeitungsbericht zweifellos viel Unheil angerichtet. In einer Zeit, wo die Gemüther im höchsten Grade erregt sind, wo in Kischinew und Belgrad die schändlichsten Barbareien, die allergemeinsten und schimpflichsten Morde und Schändungen verübt worden sind, wo das Blut unzähliger hingeschlachteter Menschen laut zum Himmel schreit und die ganze civilisirte Menschheit unter einer seelischen Depression sondergleichen stehl, in solch frivoler, der Wahrheit und Gerechtigkeit hohnsprecheuder rZeise die bösen Instinkte der Bevölkerung zu entfachen, ist ein erbärmliches journalistisches Beginnen, das mit größter Empörung und Entrüstung zurückgewiesen werden muß. Die psychologische Seite des Falles zu erörtern, ob es in der Absicht des constatirtermaßeu unzurechnungsfähigen Jacob Reich gelegen war, sich gegen die geheiligte Person des Monarchen zu vergehen, oder ob derselbe durch seine Gestikulationen mit erhobenen Händen und dem Stocke blos den Lenker der kaiserlichen Equipage zum „Stehenbleibeu" zu veranlaffen vermeinte, da es sich in seinem Gehirne einmal festgesetzt hatte, er müsse den Kaiser sprechen, wollen wir unerörtert lassen; jeder unbefangen Denkende wird der ganzen Sachlage nach der letzteren Ansicht zuueigen. Als der auf der Straße von Passanten arg mißhandelte Reich sich einigermaßen erholt hatte, sagte er am ganzen Körper zitternd: „Warum hat man mich denn so geschlagen, ich habe ja nichts gethan?" Das ist nicht die Sprache eines Anarchisten, sondern eines bedauernswerten Menschen, der sich gar nicht dessen bewußt ist, daß er etwas Verdammerwerthes und Strafbares begangen habe. Ein wirklicher Attentäter wird gewiß auch nicht der kaiserlichen Equipage mit erhobenem Stocke und schreiend nachlausen. Was aber für den Fall wichtig erscheint, ist die seitens der gesammten Presse ausgesprochene Ansicht, daß ein Mangel in der Gesetzgebung über unzurechnungsfähige Personen nach der Richtung besteht, daß solche, die nicht als gemeingefährlich erkannt sind, frei herumgehen dürfen, während man doch bedenken müßte, daß bei Individuen mit einem geistigen Defekt sehr leicht jeden Augenblick Geineingefährlichkeit eintreten könnte. Beispiele und Beweise könnte man unzählige hiefür bieten. Es ist keine Uebertreibung, wenn wir nun sagen, daß der Zwischenfall auf der Mariahilferstraße uns Juden am schmerzlichsten berührte. Bevor unser edler, guter Kaiser nur einen Augenblick sich beunruhigt fühlen sollte, würden Hunderte Juden freudig und freiwillig ihr Leben hingeben. Es kann aber auch mit ruhigem Gewissen gesagt werden, daß kein einziger Jude dieses Reiches, der geistig normal ist, fähig wäre, unseren erhabenen Schutz- und Schirmherru nur durch ein frivoles Wort, viel weniger aber durch eme böse Handlung zu

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