Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1903
- Issue
- Heft 23 (12.6.1903)
- Date
- 1903-06-12
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 8 Lire Wahrheit. - Nr. 22. in beredten Worten das verdienstliche Wirken des Verstorbenen im heiligen Dienste der Gemeinde und beklagte in erschütternder Weise dessen srühen Heimgang. Dok' vierspännige Leichenwagen brachte die entseelt- Hülle des verklärten Cantors nach der israel. Abtheilung des Zentrale sriedhofes, allwo Eantor Joses Keller das Ll inols rachmim verrichtete. Am offenen Grabe sprach Rabbiner Dr. M. Weiß Worte der Trauer, womit die erbebende Leichenfeier endete. 8. . «Lemverg, 8. Juni. (Neuerliche Judenunruhen in Rußland.) Beim „Slowo Polskie" lief heute Nachmittags von der Grenze die Meldung von neuerlichen Gewalttätigkeiten gegen die Juden in Rußland, nahe der österreichischen Grenze, ein. Nach der Depesche find die Exzesse gestern in dem russischen Städtchen Berestezko, das cirka vier Kilometer von der Bezirkshauptmanschaft Brody entfernt liegt, ausgebrochen. In der Stadt wurde gerade Jahrmarkt abgehalten und es hatten sich zirka 20,000 Bauern aus der Umgebung eingefunden, die mit einem Vorgehen gleich dem in Kischinew drohten. Es entstand in Folge dessen eine große Panik. Die Juden haben sich drahtlich an den Gouverneur um Hilfe gewendet. Gestern und heute blieben in der Stadt sämtliche Laden geschloffen. Hunderte von Juden sollen die Stadt verlassen haben und eine große Anzahl von ihnen kam auch nach dem galizischen Grenzorte Uzyn im Brodyer Bezirk. Nähere Einzelheiten liegen noch nicht vor. ZLertiu. Ein junger, strebsamer jüdischer Arzt, Dr. Sachs, der an hiesigen bakteriologischen Institute wissenschaftlichen Studien oblag, ist als Opfer seines Berufes durch eine Infektion mit Pestgift gestorben. Die an der Leiche vorgenommene Obduktion ergab Lungeupest. Die Leiche wurde in große karbolisierte Tücher eingewickelt, in einen Zinksarg gelegt und sofort in einem verschloffenen Leichenwagen nach dem Friedhose Weißensee überführt und hier ohne Zeremonien beerdigt. An der Trauerfeier, welche Sonntag, den 7. d. M. Morgens um 8 Uhr stattfand, nahmen teil die Eltern und der Bruder des Verstorbenen, zwei der Familie befreundete Berliner Damen und Aerzte, darunter ein Marinestabsarzt und zwei uniformierte Militärärzte. Rabbiner Eschenbacher hielt eine ergreifende Gedächtnisrede. s'Wrenhausel. Eine Erzählung von D. Hersch, Z naim. (Schluß.) In der letzten Schlacht hatte ich das Unglück verwundet zu werden und mußte längere Zeit im Lazareth liegen. Da der Friede geschlossen war, habe ich, um die Aufgabe meines Lebens zu erfüllen, den Todt meines Vaters zu rächen um Urlaub angesucht, welcher mir auch gewährt murde. Während meiner Krankheit hat mein Diener einen jungen Bären eingefangen ' und in der Zeit meiner Rekonvaleszenz brachte er ihn mir zum Zeitvertreib. Ich habe ihn gezähmt und abgerichtet und er sollte mir zum Gelingen meines Planes mithelfen. Auf meiner Reise hieher habe ichmich in der letzten Garnison dem Commandirenden vorgestellt und um einige Mann zur Begleitung gebeten. Dieses Ansuchen wurde mir willfahrt. Ich wußte es so einzurichten, daß ich gestern zur Nachtzeit hier ankam. In kurzer Entfernung vor dem W.rthshause ließ ich meine Begleitung zurück und verabredete mit ihnen, daß sie sobald ein Schuß fällt, in das Wirtshaus eiudringen sollten. Den Bären ließ ich in eine hiezu verfertigte Kiste, die ich mituahm, legen. In der Verkleidung eines alten Mannes fuhr ich vors Wirtshaus. Ich ließ mir eine Stube anweisen, Wagen und Pferdeversorgen und unter dem Vorgeben, daß in der Kiste Wertgegenstände seien, die ich gerne unter meiner Aufsicht habe, ließ ich sie dorthin schaffen. Da ich mein Reiseziel in weite Ferne verlegte und augab, daß ich zeitlich am Morgen weitersahren möchte, beglich ich die Rechnung, wobei ich absichtlich einen größeren Geldbetrag sehen ließ. Allein in meiner Stube, warf ich den Mantel, der mich umhüllte, ab, riß den falschen grauen Bart von der Wange, öffnete die Kiste, hieß den Bären auf das für mich bereitete Lager legen und bedeckte ihn mit einer Decke. Dann schnallte ich meinen Degen um und legte zwei Pistolen zur Hand. Fünfzehn lange Jahre lechzte ich' darnach, meinen Vater zu rächen. Im Gewühle der Schlachten hatte mein Auge starr und unverwandt geblickt, ich fürchtete den Tod nicht, ich wußte , ich werde leben, hatte ich noch eine so heilige Aufgabe vor. mir. Ich hoffte immer jene wieder zu finden, die ihn so grausam gemordet, und hatte nur Furcht, sie nicht mehr beisammen zu treffen. Als ich ins Wirtshaus ein fuhr und sie alle wiedersäh, da schlug mein Herz in wilder Freude, ich war so glücklich in meinem Hasse, wie noch nie im Leben. So schlichen mir langsam die Stunden bis Mitternacht dahin, jeden Augenblick des. Angriffs gewärtig und kampfbereit. Da hörte .ich leise Tritte näher kommen, ein von kräftiger Hand geführter Stoß öffnete die Thüre und mit erhobenem Messer schritten sie auf das Lager zu. „Bür ans, faß au/ rief ich. Der Bär sprang sofort vom Lager auf und umklammerte einen d-r Mörder. Erschreckt wollten die Andern zur Thüre eilen, aber schon hatte ich ihnen den Rückzug verlegt, auf meinem Schuß drangen die Soldaten und meine Diener in die Stube und umringten die drei Mörder. In meinem Innern schien die entfesselte Leidenschaft zu wüthen und ich rang einen Augenblick nach Worten. „Ich bin," sprach ich endlichdumpf, und jedesWat klang wie ein Donnerschlag den erschreckten Mördern, „der Sohn jenes Mannes, den ihr vor fünfzehn Jahren teuflisch gemordet und beraubt, ich bin derjenige der euch damals entronnen und heute gekommen ist) um euch dem strafenden Arm der Gerechtigkeit zu übergeben Ihr glaubtet wieder,, au einem alten Manne ein wehrloses Opfer zu haben, und seid mir in die'Falle gegangen. Nun hilft euch kein Leugnen." Den Soldaten gab ich Auftrag, die Mörder zu binden. Sie starrten mich an, als wäre ich ein grauenhaftes' Gespenst. Willenlos ließ n sie sich binden, denn sie fühlten, daß sie verloren seien. Der Richter wurde sofort geweckt und nicht lange darauf kam er mit seinem Schreiber und mehreren Gerichtsdienern in das Wirtshaus. Die Mörder haben sofort den begangenen Mord gestanden und den Ort, wo sie meinen armen Vater begruben, angegeben. Das Weitere, Herr Vorsteher, ist ihnen bekannt." SDer Roseh hakohol erhob sich von seinem Sitz', drückte seinem Gaste die Hand und sp.'ach: „Mees haschem hoisso 8088, hi nifloaus beenenu4. Auch Rachel hatte sich erhoben, um dem Obristen ihre!heilnahme auszusprechen, und als dieser Thränen in ihren Augen sah, konnte er sich nicht enthalten, einen Kuß auf ihre Hand zu drücken. Am nächsten Tage büßten die Mörder ihre Unthat, gerade zur selben Stunde, als die Gebeine Reb Mosches auf den „Beth hachajim" „zur Kwure" übertragen wurden. Die ganze Kille gab ihm das Geleite. Die Tage, die nun kamen, waren für dem Obristen die glücklichsten seines Lebens. Die schöne Rachel hatte auf ihn einen tiefen Eindruck gemacht, der Reiz einer ersten Liebe erfüllte sein ganzes Dasein und als er sichauch von Rachel geliebt wußte, hielt er bei ihrem Vater um ihre Hand an, die ihm mir Freuden gewährt wurde. Oer Obrist suchte bei seiner Vorgesetzten Behörde um den Abschied an, und acht Tage, nachdem er denselben erhalten hatte, , feierte er Hochzeit mit der schönen Tochter des Rosch hakohol. Die Armen der Kille wurden reich beschenkt, aber das Hochzeitsmahl wurde still und prunklos gefeiert. Am Tage der Hochzeit schenkte der Obrist seinem Diener für seine langjährigen treuen Dienste das ihm vom Gerichte zugesprochene Haus außerhalb des Thores, wo dieser das Wirtshaus weiter führte. Der Bär war noch lange Jahre in einenm Käfig bei dem Wirte zu sehen und bot eine Anziehung für das Publikum. Das Wirtshaus bekam dadurch den Namen „s'Bärenhäusel/ und so wird es noch heute genannt.