Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1903
- Issue
- Heft 23 (12.6.1903)
- Date
- 1903-06-12
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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©r- Seit<? v Die WLhrheit. Nr. 23 von den Martern des Todes zu befreien, sondern weil sie das blieben, was sie waren, glaubenstreue und glaubensfeste Juden, und weil sie es blieben bis zum letzten Athemzuge zur Ehre Gottes und zur Verherrlichung seines heiligen Namens. Und so liefert denn die TheiLname, die sich seit Wochen unter unseren Glaubensgenossen sowohl durch die Trauerkundgebungen für die unglücklichen Ki-chinewer Opfer, als auch durch Sammlungen von Liebesgaben für die Hinterbliebenen kundgibt, den deutlichsten Beweis Kol jisroel . arewim se böse, daß Israel ein miteinander eng verbundenes Volk, eine miteinander innig verknüpfte Nation ist; daß wir Juden, obwohl über die ganze Erdenrunde und unter den Völkern zerstreut, dennoch eine Körperschaft, eine Gemeinschaft bilden, daß wir für einander fühlen^ und empfinden und dies zu allen Zeiten und in allen Lagen zu bethätigen bestrebt sind. Und darum, wenn auch zuweilen der Horizont über uns sich verfinstert und schwere Wolken an demselben heraufgezogen kommen; wenn auch zu Zeiten der wilde Haß und die blinde Wuth unserer Feinde und Gegner in Thätlichkeiten ausarten und sich seine Opfer ans unseren Reihen holt, so verzagen und verzweifeln wir doch nicht — denn bo haschemesch wesorach haschemesch die Sonne der Wahrheit und Gerechtigkeit, die schon manche dunkle Schleier, manche dichte Nebel längst vergangener, kritischer Zeiten gelüftet und durchbrochen hat, sie wird auch die dunklen Schatten der Reaktion, die gegenwärtig über unsere Zeit lagern und uns die freie Aussicht trüben, durchbrechen und verscheuchen, sie wird überallhin Licht und Aufklärung,- Erleuchtung und Erkenntnis verbreiten und uns endlich doch zu dem Genuß jener Menschenrechte verhelfen, auf welche wir nach dem fortschrittlichen Geist unseres Jahrhunderts vollen Anspruch erheben dürsin. Daniel S k u t e z k y. Kischinew im österr. Neichsrath. In der Sitzung des österreichischen Abgeordnetenhauses vom 9. d. M. richteten die Abgeordneten Dr. Ofner und Dr. Straucher wegen des Judenmaffacres in Kischinew eine Interpellation an den Ministerpräsidenten, in der es unter. Anderem heißt: . „Wochenlang hatte der „Bessarabetz« wüthende Hetzartikel geschrieben, Ritualmoldlügen verbreitet und dem Volke eingeschärft, während der Ostertage Heiligenbilder und Osterkuchen als Erkennungszeichen in die Fuister zu geben. Offen hatte man in der Nachbarschaft verkündet, man solle in den Ostertagen nach Kischinew, man dürfe den Juden Alles nehmen, der Czar erlaube das. Augenzeugen berichten, daß unter der Bande Beamte waren, daß Sicherheitsleute über ihrer Uniform Civilkleider trugen und die Banden anführten. Die Zahl der zerstörten Häuser beträgt in runder Zahl 700, außerdem sind 600 Geschäfte zerstört. Die Zahl der Menschen, die obdachlos sind, ist auf 10.000 Personen oder 2000 Familien zu schätzen. Auf der Stelle wurden bei den Maffacrcs 45 Personen getödtet, 84 schwer, mehr als 500 leichtverwundet. Die Zahl der Personen, die mittelbar von den Ausschreitungen betroffen wurden, weil sie ihre Erwerbsquellen verloren haben, ist aus 20.000 zu schätzen. Die Interpellanten verkennen nicht, daß die Kritik einer in einem fremden Lande begangenen That in enge Schranken gebunden ist, aber sie ist trotz dieser Grenzen berechtigt, wenn ein gewisses Maß der Unmeuschlichkeit überschritten ist, und schon in einigen Präcedenzfällen haben befreundete Mächte Vorstellungen gemacht, die auch in der epidemischen Natur von Unruhen begründet sind, welche durch Fanatisirung bildungsloser, gewaltthätiger, hungriger Massen entstehen. Im vorliegenden Falle ist die Gefahr dringend, weil die russischen Pfingsten bevorstehen, und dieses Fest ebenso wie das Osterfest von Niederträchtigen benützt zu werden pstegt, um den Fanatismus der Menge zu Ausschreitungen zu Hetzen. Es wird daher die Anfrage gestellt: Ist Se. Exellenz geneigt, sich mit dem Minister des Aeußern in Verbindung zn setzen, daß dieser die russische Regierung auf die Verletzung alles menschlichen Gefühls durch die Kischinew'er- Blütthaten und auf die hohe Gefahr derseben für den allgemeinen Frieden aufmerksam mache und sich bei ihr für kräftige Maßnahmen zur Verhütung weiterer derartiger Greuel einsetze?" verschiedene Nachrichten. Wien. (Zionistencongreß.) Das zionistische Actionseomitä hat den sechsten Zionisten-Congreß für den 23. August d. I. und die folgen * den Tage nach Basel einberufen. Die^Tagesordnung wird später bekanntgegeben werden. Zkien. (Sammlung für Kischinew.) Die Sammlung der israelitischen Allianz zn Wien für die Opferndes Massacres von Kischinew hat bis heute einschließlich der avisirten Beträge circa 145.000, Kronen erreicht. Unter den außerhalb Wien veranstalteten und der Israelitischen Allianz zugeführten Sammlungen sind außer den bereits mitgeteilten folgende zu nennen: Prag (durch Herrn Dr. Arnold Rosenbacher) weitere Sendungen K. 587 und K. 585; Czernowitz weitere Sendung der Filiale der Israelitischen Allianz zu Wien K. 1000; Brünn, A. Witrofsky weitere Sammlung K. 1000«; Innsbruck, Sammlung W. Dannhauser K. 287; Zwornik (Bosnien), Alexander Fischer K. 50; Neubydzow Chewra- Kadischa und Verein Schomre Hatow je K. 50; Tobitschau, Beamte der Herrschaft K. 50; Proßnitz, Dr. Goldschmied, Rabbiner, weitere Sammlung K. 45; Cultusgemeinden (darunter teilweise Sammlungen) : Karlsbad K. 1417 : Aussig K. 1322; Jägerndorf K. 1279; Göding K. 600; Wr. Neustadt K. 545; Eibenschütz 5i. 478; Holleschau K. 435; Neubydzow K. 401; Brüx K. 400; Laun K. 360; Lobositz K. 309; Königinhof K. 302 und K. 72; Falkenau a. E. K. 298; Mistelbach K. 286; Bodenbach K. 266; Przibram K. 228; Domboritz K. 180; Drohobycz K. 173; Warasdin K. 137; Austerlitz K. 115; Ung. Ostra K. 106; Staab (Böhmen) K 80; Podersam K. 80; Zwittau K. 80; St. Georgen bei Preßburg K. 77; Hartmanitz K. 75; Oberhollabrunn K. 72; Selcan K. 70; Öttynia K. 65; Kassejowitz K. 64; Gewitsch K. 62; Daubrova K. 60; Freiberg K. 55; Neubistritz K. 51; Chrzanow K. 50; Sadska K. 50; Dürmaul K. 37; ferner Tempelvorstand Renern K. 200 und Tempelvorstand Deschenitz K. 40. Men. (Ausschmückung der Gräber am Centralfriedhofe.) Angesichts der gegenwärtigen Jahreszeit, in welcher die Ausschmückung, von Gräbern und Grüften im Zuge ist, hat die Friedhof-Commission der israelitischen Cultusgemeinde kürzlich die Glashäuser der mit der Blumen- Ausschmückung betrauten Unternehmung einer Besichtigung unterzogen; hiebei wurden genügende Vorräte an Blumen vorgefunden. Ebenso wurde am Friedhofe selbst der Stand der Ausschmückungen in Augenschein genommen, welcher ergab, daß entsprechend den angemeldeten Bestellungen der Parteien die saisongemäße Schmückung von Gräbern und Grüften zum größten Teile durchgesührt ist. Bei diesem Anlasse sei zur Information d'ks Publikums Folgendes in Erinnerung gebracht : Für die Pflege von Gräbern und Grüften auf der israelitischen Abteilung des Wiener Centralfriedhofes haben die diesfälligen Bestimmungen und der Tarif der Commune Wien Anwendung zu finden. Hiernach ist es im Interesse des Publikums selbst und behufs ordnungsmäßiger Durchführung der Ausschmückungen erwünscht, daß die Bestellungen für Ausschmückung von Gräbern und Grüften alljährlich rechtzeitig, d i. mindestens acht Tage vor Beginn der betreffenden Ausschmückungsperiode lFrühjahr. Sommer, Herbst) von den Parteien in dem Bureau der Friedhos-Verwaltung, I., Seitenstettengasse 4, oder in der Kanzlei auf der israelitischen Abteilung des Centralfriedhofes angemeldet werden. Die Ausschmückung wird sodann, insoferne es die Witterung zuläßt, innerhalb acht Tagen vom Tage der Bestellung an vorgenommen und für-deren gleichmäßige Erhaltung während der bestellungsgemäßen Dauer Sorge getragen. Für etwa eintretende Elementar-Schäden (Frost, Hagelschlag, Wolkenbrüche u. s. w.) trifft die Ansschmückungs-Unternehmung keine Haftung. In solchen Fällen wird jedoch von der Unternehmung aus Verlangen der Parteien die gänzliche oder teilweise Neuherstellung der Ausschmückung gegen eine mäßige Nachzahlung ausgeführt. Neclamationen betreffend nicht entsprechende Ausschmückungen wollen bei der Friedhosverwaltung der israelitischen Cultusgemeinde, I., Seitenstettengasse 4. eingebracht werden. Wien. (Wilbrandt-Baudius-Vorlesung in der israel. Bersorgungs - Anstalt.) Seit mehreren Wochen veranstalten Damen der Wiener Gesellschaft den Insassen des israel. Siechenhauses zu deren Zerstreuung und geistigen Erholung Vorlesungen ausgewählter Werke teils heiteren,! teils ernsten Inhaltes. Am 6. d. M. saß die vielgeseierte Künstlerin Frau! k. u. k. Hofschauspielerin Wilbrandt-Baudius am Vorlesetische. Die Vorlesung galt diesmal nicht blos den Siechen, sondern auch allen anderen Insassen der Versorgungs-Anstalt. Kranke und Gesunde, Junge und Alte, füllten schon lange vor Beginn der Vorlesung den Saal bis aufs letzte Plätzchen und mit strahlenden Augen, lächelnden und leuchtenden Mienen lauschten sie dem seltenen Genüsse, Scherz und Ernst, Poesie und Prosa, Wilbrandt und Salus, Ferdinand Groß und Andersen, zogen in bunter Folge, aufs glänzendste interpretirt, an ihrem geistigen Auge j vorüber. Reicher, aus dem Herzen kommender Beifall lohnte die Künst