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Die Wahrheit · 1903-06-12 · Heft 23 (12.6.1903) · page 5

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1903
Issue
Heft 23 (12.6.1903)
Date
1903-06-12
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 23. Die Oahrhett Sette 5 Um diesem Uebel zu steuern, hat sich eine Jüdische Orient- Kolonisations - Gesellschaft (eingetragene Genossenschaft mit beschränkter Haftung) mit dem Sitze der Centrale in Berlin gebildet, die es sich zur Aufgabe macht, durch eine wohlgeleitete Kolonisationsthätigkeit jüdischen Auswanderern zur dauernder Selbständigkeit unter gesunden sozialen Verhältnißen zu verhelfen. Der Gegenstand des Unternehmens ist: Genosienschaftlicher Landwirtschaftsbetrieb im Orient *), in Verbindung mit industrieller und kommerzieller Verwertung landwirtschaftlicher Produkte. Hauptsächlich ist intensive Landwirtschaft in Aussicht genommen, besonders Baumzucht, Seiden- und Tabakbau, Gemüsekultur, Geflügelzucht rc. Um Jedem Gelegenheit zu geben, sich an diesem Kolonisationswerke großen Stiles zu beteiligen, ist die Höhe des Geschäftsanteils aus 100 Mark festgesetzt worden, welche auch in monatlichen Raten von mindestens zwei Mark eingezahlt werden köunen. (Jeder Genosse kann bis zu 100 Anteilen erwerben.) Hauptzweck der Gesellschaft ist die Anwendung einer namentlich in Kalifornien häufig mit glänzendem Erfolge durchgeführten Metode der Kolonisation, die darin besteht, daß eine Anzahl städtischer Arbeiter und Gewerbetreibender, die beabsichtigen, zu einem spätern Zeitpunkt auszuwandern, mittelst kleiner Ratenzahlungen das Kapital aufbringt, um eine käuflich erworbene oder in Erbpacht genommene Fläche Landes durch besoldete Arbeiter, die ebenfalls Genossen sein dürfen, mit Fruchtbäumen oder gartenmäßig beflanzen zu lassen. Sobald die Anpflanzungen zu ihrem vollen Ertrage gekommen sind, siedeln die Genossen auf die Kolonie über, beziehen die dort errichteten Häuser und verteilen das Fruchtland nach irgend einem verabredeten Modus unter einander. Der ungeheure Vorteil dieser Methode im Vergleich mit einer überstürzten Massenansiedlung liegt darin, daß erstens keine wirthschaftliche Existenz auf eine neue Grundlage gestellt wird, ehe diese unerschütterlich aufgebaut ist; und — zweitens: daß die schweren, groben Arbeiten der ersten Pflanzungszeit von daran gewöhnten Feldarbeitern vollzogen werden, während dem späteren Ansiedler nur die viel leichteren Arbeiten der Pflege und- Ernte zufallen, denen auch der muskelschwache und ungeübte städtische Handwerker ohne weiters gewachsen ist. Da die Kolonisation der osteuropäischeil Judenschaft es im wesentlichen mit derartigen, körperlich oder doch landwirtschaftlich wenig leistungsfähigen, städtischen Elementen zu thun hat, so ist diese Methode der Kolonisation sicherlich die vorteilhafteste, wenn nicht die einzig mögliche. Die Ausführung ist folgendermaßen gedacht: Die Gesellschaft will in Palästina oder in seinen Nachbarländern ein Terrain von zunächst beispielsweise 300 La käuflich oder in Erbpacht erwerben, jedoch nur an einer Stelle, wo der Erwerb von viel größeren anschließenden Flächen möglich ist und vertragsmäßig gesichert wird. Dann wird mittels einer so großen Anzahl von Arbeitern, wie es die Mittel der Genossenschaft gestatten, eine entsprächende Fläche jährlich mit Frnchtbäu'nen und Gemüse bepflanzt. 20 Arbeiter sind beispielsweise ausreichend, um jährlich eine Olivenpflanzung von 100 La anzulegen, wobei ihnen schon im ersten Jahre noch Zeit genug bleibt, um ihren Bedarf an Gemüse durch eigenen Anbau zu decken. Nach kurzem wird dann dieser kombinierte Anbau, wie unsere Rentabilitätsberechnung am Schlüsse des Prospektes zeigt, einen Ertrag von jährlich mindestens 500 Mark per Hektar ergeben. (Bon diesem Betrage kann eine Bauernfamilie im Orient leben.) Sobald die in den ersten Jahren angelegten Pflanzungen einen entsprechenden Ertrag bringen, werden an auswandernngsluftiZe Mitglieder der Genossenschaft Heimstätten von solcher Größe abgegeben, daß die Familie von dem Ertrage der Pflanzungen auskömmlich zu leben vermag. Dafür ist i) Unter Orient ist hier Palästina und seine Nachbarländer zu verstehen; — bei der Entscheidung, wo der Anfang zu bewerkstelligen sei, soll Palästina bei gleichen oder auch nur annäherend ähnlichen Verhältnißen der Vorzug gegeben werden. z. B. 1 La guter Oliveupflanzung bereits ausreichend. Es ist indessen jedem Ansiedler gestattet, innerhalb eines gewissen Maximums — das ja nach den klimatischen und Bodenverhältuißen verschieden sein wird. — so viel Land zu erwerben, als er zu bewirtschaften gedenkt. Diese angesiedelten Genossen sollen Erbpächter der Genossenschaft werden; d. h. sie haben das Land nicht bar zu kaufen, sondern nehmen es in ewige Pacht gegen eine die Selbstkosten .deckende Jahres Zahlung. Die Kosten der Anpflanzung aber und des Hausbaues haben sie der Genossenschaft zuzüglich der aufgelaufenen Zinsen bar zu erstatten, und zwar womöglich schon, durch ratenweise Abzahlung bezieheutlich durch Einzahlung von entsprechend vielen Geschäftsanteilen der Genossenschaft, vor der Uebersiedlung, jedoch wird in geeigneten Fällen gestattet werden, daß ein Teil der von der Genossenschaft anfgewendeten Pflanzllnd Baukosten erst nach der Uebersiedlung in vertragsmäßigen Raten getilgt inerden. Dasjenige mit Pflanzungen bestellte Land, das noch nicht in Heimatsstätten ausgegeben ist, soll inzwischen von der Genossenschaft im Gesamtbetriebe bewirtschaftet werden, und zwar wo möglich nicht mit Lohnarbeiten, sondern mit angesiedelten Genossen selbst. Auch die von der Genossenschaft besoldeten Arbeiter sollen zur Erwerbung der Mitgliedschaft zugelassen werden und zu dem Zwecke ihren Geschäftsantheil durch kleine wöchentliche Lohnabzüge ansammeln dürfen. Für den Bezug von Lebensmitteln und Hausbedarfsartikeln, von Sämereien, Stecklingen, Zuchttieren (Geflügel, Rindern) Produktionsbehelfen aller Art (künstlichem Dünger, Werkzeugen), sowie für den Absatz der Produkte solle» genossenschaftliche Einrichtungen geschaffen werden, z. B. Oelsabriken, Fruchtdarren, Konserven- und Präservenfabriken, Versandt frischer Gemüse, Eier und sonstiger Produkte rc. rc. Der Beitritt zu diesen Einrichtungen steht jedem Genoffan offen, wodurch Arbeit und Absatz gefördert und der Gewinn wesentlich erhöht wird. Das Endziel der Kolonisation ist. das gesamte Landgut einer aus den daselbst angesiedelten Kolonisten und Arbeitern zusammengeschlossenen eigentlichen Siedelungsgenossenschaft käuflich zu einem niedrigen Preise und günstigen Zahlungsbedingungen zu übertragen, um einerseits den Ansidlern das volle Eigentumsrecht zu gewähren, und anderseits die vorgeschossenen Kapitalien der Orient-Kolonisations-Gesellfchaft für Anlegung weiterer Kolonien frei zu bekommen, die dann immer größeren Massen von Juden Nahrung und Selbständigkeit gewähren sollen. (Schluss folgt.) Der Gedenktag für Mfchinew. So oft ein Fest wiederkehrt, an dem ein Tag der Erinnerung an unsere theuren Dahingeschiedenen gewidmet ist, erwacht in den Herzen unserer Glaubensgenoffeu das ihnen angeborene und niemals erlöschende Gefühl der Pietät und es mahnt und drängt jeden einzelnen von uns, an der öffentlichen Trauerandacht im Gotteshause theilzunehmen und für das Seelenheil der unvergeßlichen Todten zu beten. Am Seelentage des soeben oerfloffenen Schewuothfestes aber waren es nicht allein unsere Eltern und Verwandte, deren wir in liebevoller Weise gedachten, sondern auch jenen Glaubensbrüdern und Glanbensschwestern galt unsere Andacht, die erst jüngst im fernen Osten durch grausame Hand auf barbarische Weise ihr Leben eiugebüßt haben. Und wahrlich, die Todten von Kischinew, sie waren der traurigen Erinnerung, die man ihnen in den Gotteshäusern Israels, in feierlicher Versammlung Widmete, vollauf wert und würdig. Al acbemoaru naf» schom al Keduachaa haachem, war ja doch ihr Lebensabschluß kein gewöhnlicher, weil sie ihren Geist als Märtyrer ihres Glaubens aufgaben, weil sie keinerlei Versuche anstelllen durch Verlängnung ihrer Religion, durch Abfall vom Glauben bei ihren Verfolgern Gnade zu erwirken und sich solcherart

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