Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1903
- Issue
- Heft 23 (12.6.1903)
- Date
- 1903-06-12
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4 Die Wahrheit. Nr. 23. gefunden, in welcher M. U. Dr. Kohn mit flammenden Worten die Kischinewer Untaten, welche ein Hohn auf die europäische Zivilisation und christliche Nächstenliebe sind, schilderte, wobei der Redner auch an die schmachvollen Prager Ereignisse des Jahres 1897 erinnerte. Selbstverständlich hat die ganze Versammlung den Ausfübrungen des . Redners zugestimmt. Was nützen uns aber alle Zornes- und Entrüstnugskundgebungeu, solange die Schmerzensruse der Juden nicht auch in den christlichen Herzen einen Widerhall finden; solange nicht alle Bekenner des Christentums die Schmach empfinden, welche durch solche unmenschliche Barbareien diesem angetan wird; solange ein großer Teil derselben sich im Stillen freut, wenn die Juden einen blutigen Denkzettel erhalten; solange selbst die Gelehrtesten und Edelsten unter ihnen daraus ausgehen, den Juden auch, das letzte, was ihnen von der alten Herrlichkeit geblieben, den Nimbus ihrer Auserwähltheit zu nehmen und die dieselbe bezeugenden religiösen Schriften, selbst mit Preisgebung der eigenen Lehre, herabzusetzen! Aber ebensowenig wie der Mohr seine Hautfarbe ändern kann, werden die europäischen Völker, und namentlich die Germanen, von dem alten Testament sich losmachen können, so sehr sind dessen Gedanken und Sprechweise in ihr Denken und in ihre Sprache eingedrungen. Hier nur ein kleines Beispiel. Freitag Abend, gerade zur Zeit, als man in den Synagogen die Sabbathbraut mit dem bekannten Liede begrüßte, langte der berühmte Leipziger Gesangsverein „Riedel" hier an. Aus die Begrüßungsansprache des Theaterdirektors Angelo Neumann erwiderte der Führer der 280 Mann starken Sängerschaar mit den Worten des Hoheliedes: „Die Zeit des Gesanges ist gekommen" und schloß mit dem Psalmworte, das gerade zu der Zeit auch in der Synagoge gesprochen wurde: „Singet dem Herrn ein neues Lied" (der Sprecher sagte allerdings statt dem Herrn, oder gar dem Ewigen — dem Herrlichen.) Unter den Leipziger Sänger ist gewiß kein einziger jüdischer Kantor und wahrscheinlich kein Jude überhaupt, denn Leipzig ist eine Burg des Antisemitismus und die Sänger sind deren wehrhaftest? Verteidiger. Welche Ironie des Zufalles! Freitag Abend, Hohelied und Psalm 96! Bei der Verbindung dieser drei Dinge denkt man unwillkürlich an einen alten frommen Juden, der vor Ledm-neranneno Schir-haschirim sagt. Bekanntlich beharrte der von Brezenovsky beherrschte antisemitische Prager Stadtrat bei seinem Beschlüsse, einen Teil des berühmten alten jüdischen Friedhofes, der eine der interessantesten Sehenswürdigkeiten Prags ist, als Straßengrnud zu verwenden. Der Judenhaß hat über alle Petitionen, Reklamationen und Proteste den Sieg davon getragen, da die höheren In stanzen keine gesetzliche Handhabe fanden, diesen Beschluß auszuheben. Vorige Woche wurde nun mit der Exhumirung der in dem abgeschnittenen Teile begrabenen Leichen begonnen und Freitag fand deren Neubestattung an einer anderen Stelle statt. Bei dieser Gelegenheit wurde ein vom Obmanne des Beerdigungsbruderschaft, Herrn David Lieben, verfaßtes hebräisches Gebet, in welchen die vor Jahrhunderten Verblichenen um Verzeihung wegen der Störung aus ihrer Ruhe gebeten werden, gesprochen. Ja, den Juden, den man so oft das Leben verbittert und und zur Qual macht, gönnt man nicht einmal die Ruhe des Grabes. Diese Erkenntnis führt dem Zionismus immer mehrneue Anhänger zu. Der rührige und verdienstvoll wirkende jüdische Volksverein veranstaltet öfter Vorträge. Gestern hielt Herr David Trietsch aus Berlin einen von dem Vereine veranstalteten Vortrag über „Jüdische Emigration und Kolonisation" iw „Hotel Bristol", der gut besucht war und sehr beifällig ausgenommen wurde. Mittwoch, am 10. b. gibt die hochsinnige Künstlerin, Frau Lucy Böunecker, Gemhlin des christl. Pros. Bönnecker, ein Konzert zu Gunsten der unglücklichen Opfer von Kischinew im Spiegelsaale des Deutschen Kasino. Die Einladung zum Besuche desselben ist von Dr. L. Bendiner gezeichnet. Voraussichtlich wird dasselbe ein bedeutendes Erträgnis liefern. Indische Orie»t-Colonisatio»s-Gesellschaft. Die Leitung dieser jüngst in,Berlin gegründeten Gesellschaft versendet nachfolgenden Ausruf: Die letzten Ereigniße in Südrußland haben wieder einmal in erschreckender Weise gezeigt, in wie unhaltbarer Lage die große Masse der Juden lebt. Ohne die außerordentlich dringende, momentane Hilfs-Aktion auch nur im mindesten beeinträchtigen zu wollen, möchten wir doch bei dieser beklagenswerte Gelegenheit auf eine Bestrebung aufmerksam machen, welche geeignet ist, künftigen Katastrophen ähnlicher Art als ein Notanker zu dienen, denn wir glauben, daß es angebracht wäre, sich nicht mit der Linderung der momentanen Not genügen zu laßen, sondern gleichzeilig für künftige Fälle vorzubauen. . Unserer Ansicht nach spricht nichts dafür, daß die gegenwärtige Katastrophe die letzte gewesen sein wirv, und nichts kann falscher sein, als sich darauf zu beschränken, nach jedem solchen Unglück — soweit als möglich — helfend und lindernd einzugreifen. Wir müssen unbedingt Vorsorge zu treffen suchen, daß in künftigen ähnlichen Fällen, wie sie leider mit Sicherheit zu erwarten sind, schon Einrichtungen getroffen sein werden, um prompte Hilfe zu leisten. Wir erhalten es auch für erforderlich, die Auswanderung von Juden aus so überaus gefährdeten Positionen durch geeignete Organisation zwar nicht zu veranlassen, aber doch zu erleichtern. Diesen Zwecken soll die kürzlich begründete und im April dieses Jahres handelsgerichtlich eingetragene „Jüdische Orient - Eolonisations - Gesellschaft"*) dienen, deren Prospekt es klar werden läßt, daß' es sich um ein sorgfältig vorbereitetes und mit den Verhältnißen der Auswanderer sowohl als des Orients rechnendes Kolonisations- Unternehmen handelt. Mit bloßer Wohltätigkeit läßt sich nach jahrzehntelangen Erfahrungen weder eine große Kolonsation, noch auch eine durchgreifende Abhilfe für den grauenhaften Notstand schaffen, welcher auf einem so großen Teil der Judenheit lastet, aber ebenso falsch wäre es nach unserer Ansicht, auf eine kaltherziggeschäftsmäßige Weise das Problem anzupackenund etwa Vorfälle, wie die in Süd-Nußland, für eine Geschäfts-Spekulation zu verwenden. Die Leiter des Unternehmens sind vielmehr der 'Ansicht, daß es sich hier um ein großes jüdisch-soziales Werk handelt, welches zwar geschäftsmäßige Methoden braucht, weil anders eine gesunde Entwicklung nicht möglich ist, für dessen Begründung aber allein das soziale Moment maßgebend^ war. Die neue Gesellschaft will durch Vorbereitung von Heimstätten im Orient die Auswanderung derer erleichtern, welche in der Auswanderung ihr Heil sehen, indem sie ihnen durch Fachleute und geschulte Arbeiter Kolonien mit Bau- und Gemüse- Pslanzungen rc. vorbereiten läßt, sodaß die Kolonisten bei ihrer Uebersiedlnttg sich viel besser und schneller in diese am wenigsten rohe Kraft erfordernde Form der Landwirtschaft hineinfindeu können, als es bei der bisherigen Kolonisation auf unvorbereitetem Boden der Fall war. Weiter ist Vorsorge getroffen worden — wie aus dem Prospekt und Statut ersichtlich —’ daß die Kolonisten in kürzester Zeit in der Lage sein sollen, der Gesellschaft ihren Kolonienbesitz zu leichten Zahlungsbedingungen abzunehmen, so daß die Kolonisten möglichst bald zu einer Selbständigkeit gelangen. Ueber die Ausführung des großangelegten Projektes gibt folgender Prospekt umfassende Aufklärung: Die sich stets verschlimmernden politischen und'^ökonomischen Verhältnisse gerade in denjenigen Ländern, in denen die Hauptmasse der Juden ansässig ist, zwingen eine von Jahr zu Jahr steigende Anzahl unserer Stammesgenossen zur Auswanderung. Zu Zehntausenden zerstreuen sie sich plan- und ziellos nach allen Windrichtungen und gehen nicht nur zum größten Teil dem Judentum verlo en, sondern verfallen auch im neuen Lande der alten Not, da sie dem Kämpfe ums Dasein unter den veränderten Verhältnißen nicht gewachsen sind. *) „Jüdische Orient-Colonisations-Gesellschaft", E. G. m. b. H., Berlin. Großbeerenrrstraße 75.)