Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1903
- Issue
- Heft 23 (12.6.1903)
- Date
- 1903-06-12
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nedaction und Administration: Wien, II/,. Novaragafse 27. K. k. österr. Postivarcasia Edeck-Sonto Nr. 846.251" Jufrratc 20 Heller per Sloupareille-Zeile. Abonnements- und JnserationSbeträge sind in Wien zahlbar und klagbar. ^abhängige Heitfchrift für Mische Erscheint jeden Freitag. Motto: „Das Siegel Gottes ist Wahrheit!" Berugsprris: Ganzjährig. . . ft 12.— Halbjährig .... ff. 6.— Für Cultusbeanite: Ganzjährig.... ff. 10.— Für Ausland: Ganzjätirig . . .8 Mark. 8 Rubel oder 18 Je» Nr. 23. Wien, 12. Zum 1903. Inhaltr Prager Briefe. — Jüdische Orient-Kolonisations-Gesellschaft. — Der Gedenktag für Kischinew. — Kischinew im österr. Reichsrath. — Verschiedene Nachrichten. — s'Bärenhäusel. — Mährischer Cantoren-Verein. Wir ersuchen um gefässige Einsendung der restlichen Aöonnementsöeträge. Kteichzeitig Sitten mir unsere geehrten Kerren Abonnenten, uns ihre Adressen in Sommerfrischen und Kurorten rechtzeitig bekannt zu geben, damit die Zusendung des Wlattes keine Unterbrechung erleide. Aie Administration. Prager Griefe. Vor Kurzem hat der vornehmste czechische Wahlbezirk, die Altstadt in Prag, den Dr. Baxa als ihren Abgeordneten in dcn Wiener Reichsrat entsendet. Wer sich erinnert, welche Rolle Baxa im Kuttenberger und Piseker Hilsner-Prozeß als Vertreter der Privatpartei gespielt hat, dem braucht wohl nicht erst gesagt zu werden, gegen wen. sich hauptsächlich diese Wahl richtet und wem sie am meisten zu denken geben sollte. Der zweite Vertreter der Stadt Prag im österreichischen Parlament ist der bekannte Brezenovsky, der sich bisher nur als Antisemit bemerkbar gemacht hat. Seine letzte Großtat war die Verlesung der Namen all jener jüdischen Kaufleute in Prag, welche bei der letzten Volkszählung sich zur deutschen Umgangssprache bekannt hatten. Diese Verlesung geschah in einer Interpellation im Reichsrat, um dadurch den czechischen Blättern die Möglichkeit zu verschaffen, die Namen abzudrucken und Verzeichnisse derselben auch in Sonderabdrücken unter der ganzen czechischen Bevölkerung des Landes zu verbreiten. Herr Brezenovsky war nämlich Mitglied der Zählungskommissiou und bei dieser Gelegenheit Hit er sich ein Separatverzeichnis zum eigenem Gebrauche angelegt. Obgleich das unstatthaft und ein Mißbrauch der Amtsgewalt ist, hat die Interpellation dennoch die nötige Zahl von Unterschriften im Jungczechenklub gefunden. Einige'.', erklärten allerdings hinterher, daß. sie bei Beisetzung ihrer Unterschrift der Sache nicht näher nachforschten und irregeführt worden sind, auch offiziell wurde der Vorgang des Abg. Brezenovsky . vom Czechenklub getadelt, nicht aber etwa, weil sein Vorgang ein ungesetzlicher war und weil dadurch zum Boykott gegen Hunderte von Familienvätern aufgereizt wird, sondern weil es noch Wahlbezirke gibt, wo die Stimmen der Juden den Ausschlag geben. Die Juden in ihrem Erwerbe zu schädigen, sei wohl nationale Pflicht, nur müsse man dabei mit „Schlauheit" und nicht so plump wie Brezenovsky zu Werke gehen Der Czechenklub hätte wegen der jüdischen Stimmen unbesorgt sein können. Die czechischen Juden werden sich der Wahl nicht enthalten' und selbst einem Brezenovsky, wie das schon einmal geschehen, bei der nächsten Wahl wieder ihre Stimmen geben; denn kurz nach Bekanntwerden seiner Interpellation und der Erklärung des Klubs hat ein czechisch-jüdischer Verein ein Konzert zu Gunsten der Errichtung eines czechischen Theaters in — Brünn veranstaltet. Zwei oder drei Tage vorher waren die Schreckensnachrichten über die in Kischinew an den Juden verübten Greueltaten eingelaufen. Während das Herz aller Juden des ganzen Erdenrundes im tiefsten Weh erzitterte. und allenthalben Sammlungen eingeleitet wurden, um die Not und das Elend derer, denen ihre Ernährer in bestialischer Weise ermordet wurden, zu lindern, haben Prager czechische Glaubensgenossen musikalischen und anderen Genüssen sich hingegeben und ihr Scherflein aus den Altar der nationalen Verhetzung und Zwielracht niedergelegt. Das bedarf keines Kommentars. Als vor einigen Jahren der bekannte Dr. Kahn aus Wien hier einen Vortrag über die Judennot in Galizien und Rumänien halten wollte, da haben sich auch viele czechische Inden im Bortragslokale eingefunden, um den Vortrag, von dem sie voraussetzten, daß er eine jüdisch-nationale Färbung tragen werde, zu stören, und kaum hatte der Vortragende zu sprechen begonnen, wurde ihm von den im Saale zerstreut sitzenden und stehenden czechischen Inden unmono zugerufeu: „Mluvte cesky!-4 (ö. h. böhmisch sprechen!) Es entstand ein derartiger Tumult, daß der anwesende Polizeikommissär sich genötigt sah, die Versammlung noch vor Abhaltung des Vortrages aufzulösen. Eine solche Gesinnung und ' ein solches Betragen, könnte man sagen, war nicht allein ganz unjüdisch, sondern auch schon etwas mehr als czechisch, nahezu russisch. Wie ganz anders geartet sind doch die nationalen Zionisten, die doch auch manchmal ein lebhaftes Temperament bekunden! Alle hiesigen zionistischen Vereine haben Ansruse zu Sammlungen für die Kischinewer Opfer erlassen. Auch Herr Dr. Arnold Rosenbacher, der Präsident der Kultusgemeinde-Repräsentanz und Vertreter der Wiener „Allianz" in Prag, nimmt Unterstützungsielder entgegen. Hoffentlich werden auch die czechischen Inden, sobald sie die haarsträubenden Details der Kischinewer Greuel erfahren, zur Besinnung kommen und ihr j jüdisches Herz entdecken.! Am Sonntag, den 17. v.. hat auch eine vom jüdischen Balksi verein einberufeue Volksversammlung im „Hotel Central" statt-