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Die Wahrheit · 1903-06-05 · Heft 22 (5.6.1903) · page 8

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1903
Issue
Heft 22 (5.6.1903)
Date
1903-06-05
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Seite 8 Die Wahrheit. Nr. 22. gaffe 4 : von Herrn Julius Schlesinger für die israelitische Allianz K. 100.—, für das israesitische Blinden-Jnstitut K. 50.—, für die Chewra-Kadischa K. 50.—, für den israel. Frauen-Woltatigkeitsverein K. 50.—; von Herrn Alexander Nirenstein für den israelitischen Volksküchenverein K. 50.—, für den israelitischen Waisenverein K. 50.—; von Herrn Gustav Stiaßny für die israelitische Armenanstalt K. 10.—. Im Gemeindebethause, XV., Turnergaffe 22: von Herrn Adolf Markus für das Bethaus K. 1.—, von Herrn Samuel Rechnitzer für die Chewra Kadischa K. 5.—, für die Talmud-Thora K. 5.—; von Herrn Adolf Sachs für das Bethaus'K. 1.—. Wien. Sonntag, den 7. Juni, 1-Uhr Nachmittags, findet im „Hotel de France", I., Schottenring 3, die Trauung des Fräulein Adele Lazarus. Tochter des seinerzeitigen Almoseniers im Hause Königswarter, Herrn Max Lazarus, mit Herrn Jacob Pollak, Sohn des sel. Rabbiners Pollak, statt. - Zören. Donnerstag den 11. d. M., 3 Uhr, findet im Stadttempel die Trauung des Herrn Otto Beck, Mitchef der Firma Wilhelm Beck & Söhne, Sohn des k. k. Hof- und Kammerlieseranten, Präses des Tempelvereines im VIII. Bezirke, Herrn Hermann Beck, mit Fräulein Grete Schwitzer, Tochter des Herrn Kammerrates Berthold Schwitzer, statt. Wie«. Donnerstag den 4. d. M., früh morgens, ist die Sängerin 'Frau Irma Golz, eine Tochter des verewigten Obercantor Josef Goldstein, nach längerer Krankheit im 29. Lebensjahre gestorben. Frau Golz, die den Tod herannahen fühlte, sprach nach Mitternacht den Wunsch aus, aus dem Bette in einen Lehnstuhl gehoben zu werden. Dann nahm sie von ihrem Manne und ihren Angehörigen rührenden Abschied und bat mit schwacher Stimme, man möge sie festlich schmücken und ihr die Prunkgewänder der .Traviata" anlegen. Die Angehörigen erfüllten ihren Wunsch, soweit sich die Toilette beschaffen ließ. Dann bat die Sterbende, man möge viel Licht in das Zimmer bringen, daß es taghell erstrahle. Der Raum erglänzte bald in vollster Beleuchtung. Nun ersuchte Frau Golz ihre Brüder, die Schriftsteller Emil und Arnold Golz, sie mögen sich ans Clavier setzen und Mendelssohns „Frühlingslied" spielen. Als die Brüder die Tasten anschlugen und die ersten Akkorde den Raum durchzitterten, erhob sich Frau Golz im Lehnstuhle und sang mühsam mit schwer zu schilderndem Ausdrucke die Melodie mit. Plötzlich "brach die Sterbende mitten im Gesänge ab und glitt mit den Worten: „Zur Erde, zur Erde!" langsam zu Boden. Als sich Aerzte und Verwandte um die Unglückliche bemühten, sahen sie, daß der Tod eingetreten war. Wir«.. Im VereinLöethause „Marpe lauefesch“ fand am ersten Tage des Schewuoth-Festes die Bar-Mizwah-Feier des Hugo Fried, des einzigen Sohnes des Herrn Adolf Fried, in feierlicher Weife statt. Der Bar-Mizwah hielt vor der versammelten Gemeinde eine schwungvolle, inhaltsreiche Rede, nach deren Beendigung seine Angehörigen auf das Herzlichste beglückwünscht würde». s'Mtenhäusel. Eine Erzählung von D. Hersch, Z naim. (Fortsetzung.) Was sollen wir nun lange erzählen von den Folgen der geschilderten Ereigniße. Sollen wir versichern, daß der Schmerz des Sohnes über den so grausam getödteten Vater grenzenlos war, oder von dem tiefen Mitleid, das die ganze „Khille" ergriff, oder ein Langes und Breites über die mangelhafte Gerichtspflege der damaligen Zeit, wo man überhaupt wegen eines erschlagenen Juden sich nicht viel Mühe nahm? Wohl untersuche das Gericht das Wirtshaus, aber da der Wirt und seine Leute leugneten, daß überhaupt jemand bei ihnen übernachtet habe und von den Erschlagenen und dessen Habe sich nichts vorsaud, wurden die Acten bald geschlossen. In Trübsinn und in Trauer waren die Tage der „Schiwa" und „Schloschim" dem in dumpfen Sinnen versunkenden Jüngling hingezogen, „Jßre chag schel Pesach" machte er sich auf und verließ die Heimat, seither blieb er verschollen. * * Fünfzehn Jahre waren seit dem Tode Neb Mosches dahingegangeu und in jedem Juden des Städchens lebte noch die Erinnerung au jene Mordthat fort. Wieder war es Purim. Ein buntes, fröhliches Treiben herrschte in der oberen und unteren Judrngasse. Die Spezereiladen und die Kramstellen der Zuckerbäcker waren offen, man kaufte und verkaufte, aber nicht „Rewach's" wegen, sondern „Lechowed Purim“. Hier sah mau Knaben und Mädchen „Schlachmones“ tragen, vereinzelte Masken und solche in Gruppendie Scenen aus dem Volksleben darstellten; dort stand ein Haufe um einen als Profeten Maskirten, der den Umstehenden boshafte Sachen profezeite; da wieder ein Narr,, der durch seine Narrheit die Lachlust der Menge immer mehr und mehr anregte. Dieses bunte, lustigen Treiben erhielt einige Abwechslung durch einen eigenthümlichen Auszug, der eine Ründe hurch das ganze Judenviertel machte. An der Spitze mehrere Musiker, die Streichinstrumente spielten, dann Männer, die eine mit schwarzer Sammtdecke belegte Todtenbahre trugen, auf welcher ein schwarzgebundenes großes „Chewrabuch" lag. „Mesaskim" und „Melatschis" mit schwarz überzogenen Grabscheiten in den Händen gingen „Chewralieder" singend mit und hielten vordem Häusern der besser sitnirten „Balebatim" an. Wo sie eintraten, wurde ihnen Wein und Bäckerei offerirt und außerdem gab jeder nach Verhältnis sein Schärflein für Arme und Kranke. Plötzlich richtete sich die allgemeine Aufmerksamkeit nach dem Anfänge.der Gasse, wo ein anderer sonderbarer Zug sichtbar ward. Voran schritten ein Rath und sein Schreiber, dann kamen drei gefesselte Männer, umgeben von Soldaten und Gerichtsdienern, ihnen schloß sich ein hoher Officier an, dem ein Diener folgte, der einen lebenden Bären führte. Sie schritten dem Gerichlshause zu. Nicht lange darauf wurde der „Röschhakohol" zu Gericht gerufen. Die „Khille^ konnte sich das Ereignis nicht erküren, noch größer war aber das Erstaunen der Leute, als der Officier in Begleitung des „Rasch hakohol's" das Gerichtshaus verließ, in das Haus desselben eintrat und auch daselbst verblieb. Wie ein Lauffeuer hatte es sich in der „Khille" verbreitet, der Officier ein Obrift und kein anderer als der verschollene Schlome, der Sohn des vor vielen Jahren ermordeten Reb Mosche sei, daß die gefesselten Männer, in denen man den Wirt und seine Knechte erkannte, die Morrnhat gestanden und den Ort angezeigt, wo sie Reb Mosche vergraben, und daß die Nachgrabungen ihre Angaben vollauf bestätigt haben. Dis Gericht machte kurzen Prozeß, die Mörder wurden zum Tode verurtheilt und das Hans des Wirtes dem Officier als Ersatz für die geraubte Habe zugesprochen. Die aus dem Hause des „Rosch-hakohols" kommenden Masken wußten ihren neugierigen Zuhörereu noch zu erzählen, daß der Officier sich mit der schönen Rachel, der Tochter des Hauses, sehr gut unterhalte. Der Eine habe gesehen, daß sie gelacht, der Andere, daß sie geweint, und wieder andere wußten, wie er ihr die Hand geküßt habe und daß sie blaß und rot geworden. Wir aber wollen erzählen, ivas Wahres an der Sache war. Der „Rosch-hakohol" hatte den Gast seiner Frau und Tochter mit den Worten vorgestellt: „In der Person des Herrn Obristeu stelle ich euch ein Kind unserer „Khite", den Sohn des „Reb Mosche Schreiber Secher Zaddik liwroche" vor. Ich habe ihn gebeten, uns die Ehre zu erweisen und unser Haus als das seine zu betrachten. Und nun laßt uns zu Tische gehen." Nach beendigter Malzeit begann der Obrift seine Elebnisse I mitzutheilen: 1 „Als ich die Heimat verließ, kam ich nach langer Irrfahrt, aller Mittel entblößt in einer L>tadt Ungarns an. Im Wirts-! hause fiel ich Werdern in die Hände. Unbewußt wurde ich Soldat und unter den Namen Jroudi Samu der Reiterei eingereiht. Meiner Kenntnisse halber kan ich in die Kanzlei und da mich mein General lieb gewann, benützte er mich zu seinem iLecretär und ihm hatte ich's zuverdankeu, daß ich es in kurzer Zeit zum Wachtmeister brachte. Da kam die Nachricht, es sei Krieg ausgebrochen und unsere Reiter sollten den blutigen Reigen eröffnen. Mein kühnes, rasches Vorgehen in der Schlacht erregte die Aufmerksamkeit des Feldherrn, so daß ich zum Officier ernannt wurde. Im Kriege wird, auf Geburt und Abkunft nicht viel gesehen. Das Glück war mir günstig. Ich stieg von Stufe zu Stufe und so ward ich Obrift. (Schluss, folgt.)

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