Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1903
- Issue
- Heft 22 (5.6.1903)
- Date
- 1903-06-05
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4 Die Wahrheit. Nr. 22. wolle. Die Bevölkerung von Kischinew und Umgebung glaubte wie bei der Judenhetze von .1881, während deren Herr von' Plehwe Chef der Polizeiverwaltung war, an ein goldenes' Manifest desZaren>, das in den Gemeiudekanzleien eingetroffen sei. und das befähle, die Jüden zu Ostern zu erschlagen. Nachträglich ist der Gouverneur v. Raaben, der lediglich den Instruktionen des Ministers folgte, ja bestraft worden. Aber, sagt die Zuschrift, nur deshalb, weil er die Ausschreitungen zu weit gehen ließ, so weit, daß sie den Zaren empörten, internationale Schwierigkeiten erregten und Plehwes Stellung i gefährdeten. Der Zar habe die Absicht gehabt, einen Adju^ tauten zu seiner persönlichen Information über die Vorgänge nach Kischinew zu entsenden. Das habe Herr von Plehwa zu Hiutertrciben gewußt, er seinerseits habe einen Beamten nach Kischinew entsandt, der einen sehr mild gefärbten Bericht erstattet habe. Selbst dieser Bericht sei dem Minister noch, zu. kraß gewesen, Und er habe ihn erheblich umredigiert, ehe er ihn dem Zaren vorlcgte. - Petersburg und Kischinew. Das Jubiläumsfeft der Kaiserstadt, zu dessen Feier außer den Vertretern fast sämmtlicher Städte des Reiches auch Abordnungen vieler hervorragender Großgemeinden des Conti nents sich eingesnnden hatten, ist entgegen den vielseitig gehegten Befürchtungen ungestört und in vollster Ruhe verlaufen. Allein trotz der festlichen Stimmung, die sich scheinbar bei den mannigfachen kirchlichen Ceremonien und feierlichen Empfängen kund gab, lagerte dennoch über dem Weichbild der großen Petersstadt, ein dunkler, trüber Schatten, den selbst bie kräftigen Strahlen der Maiensonne, die am Jubeltage vom klaren Himmel herabfielen, nicht zu durchbrechen vermochten. So manch Einer der Festteilnehmer mag beim Betreten der festlich geschmückten Stadt und beim Anblick der großen Volksmenge, die scharenweise die Hauptverkehrsadern der Residenz durchwogre, au die traurigen Ereignisse in Kischinew sich erinnert und, von dem Gefühl der Bangigkeit und Unsicherheit überwältigt, inmitten des Festesjubels ein gewisses Unbehagen empfunden haben. Bilden doch die Ereignisse von Peterburg und Kischinew thatsächlich einen Gegensatz, wie er nicht schroffer und greller gedacht werden kann. Nachdem im Süden des Landes in einer reichbevölkerten Provinzstadt öffentlich und vor den Augen der Behörde ein blutiges Volksdrama aufgeführt worden und Raub- und Mordgier frank und frei wüste Orgien feiern durften, findet fast unmittelbar darauf im Norden desselben Landes, in der Metropole des Reiches, in freudiger Festesstinimung, eilte Jubiläumsfeier statt, die aller Welt davon Zeugnis ablegen sollte, auf welch hoher Culturstnfe das Czarenreich seit der Begründurig der Petersstadt sich emporgeschwungen und welche Errungenschaften es sich seither aus dem Gebiete der Civilisation und des Fortschrittes erworben hat. Ist es möglich, daß Rußland mit der Veranstaltung dieses Concertes der gesammten gebildeten Welt und Insbesondere dem cnltirirten Europa, das die Gleichberechtigung aller staatlich anerkannten Coufessionen zum Grundprinzipe feiner Gesetze erhoden har, etwa den Glauben beibringen wollte, daß man eine nach Millionen. zählende Landeseinwohnerschafl, die im Großen und Ganzerl gute Patrioten, treue Ullterthanen und der Dynastie in Liebe und Ehrfurcht ergeben sind, die man aber-, weil sie sich zum Judeuthume bekennen, bedrücken, verfolgen und der Brutalität und Willkür einer verhetzleri Bolksichichte preisgeben kann, ohne dabet inhuman gehandelt, bas Menschenrecht verletzt und dem humanen Z.itgcist des 20. Jahrhunderts einen derben Faustfchlag versetzt zu haben? Nein, unmöglich' Eine der artig grundfalsche Politik kann eine Großmacht wie Rußland nicht treiben, derartige Theorien kann ein Staat, der — wie dies das Jubiläumsfest dargethau .— nach 200 Jahren noch mit Stolz und Triumph auf den Zeitpunkt zurückblickt, wo er der Bande und Fesseln der asiatischen Corrüption und Barbarei heldenhaft sich entledigt hat, .unmöglich in die Praxis kleiden und an seinen Völkern, an sein eigen Fleisch und Blut zur Geltung bringen wollen. Man möchte vielmehr zu der Annahme hinneigen, daß die zufällige Ättfemanderfölge - der Petersburger Jubiläumsfeier auf die Kischinewer Ereignisse instinktiv eine günstige Wendung in die tristen Verhältnisse der jüdischen Bevölkerung von Rußland bringen dürfte, und man gibt allenthalben der Hoffnung Raum, daß Kaiser Nikolaus, der ob seiner Menschen- und Friedens - liebe M'vielMühmt>-Herrscher des Reiches aller Neusten, im Sinne-seines freiheitlichen Vorkämpfers, tut Sinne Peters des Großen,. > anläßlich der Begründungsfeier'Petersburgs seiner Regierung vorstellig machen wird, daß es sein hoher Wunsch sei, den^Frieden und die Eintracht unter den Völkern seines Landes ohne Unterschied des Glaubens ungestört erhalten zu sehen, und daß' Ereignisse von solch großer Tragweite und erschütternder Nachwirkung, wie sie sich jüngst im Süden des Reiches abgespielt, niemals wiederkehreu und sich wiederholen mögen. Sollte diese Hoffnung in Erfüllung gehen und das Los unserer bedrängten Glaubensgenossen im Czarenreiche künftighiu sich besser und erträglicher gestalten, dann wird das Fest, das jetzt in Petersburg gefeiert wurde, nicht blos ein lokal-historisches Landesfest für Rußland, sondern ein allgemeines europäisches Culturfest gewesen sein, und die Früchte, die es gezeitigt, sie werden mit zu den großen Errungenschaften gezählt werden, die unsere Zeit, trotz der reaktionären Strömung, von der sie ergriffen, auf dem Gebiete der Civilisation und des fortschrittlichen Aufschwunges sich erworben hat. Daniel Skutezky. Die Juden in Rußland. Die Exzesse in Kischinew haben das öffentliche Interesse in dem Grade ans die Verhältnisse der russischen Juden hingelenkt, daß sich auch der kürzlich erschienenen neuen Auffage des ohnehin sehr bemerkenswerten Errerascheu Werkes „Les Juifs Busses“ (Bruxelles, Librairie Falk Fils) eine ungewöhnlich lebhafte Beachtung zuwendet. Damit rechtfertigt es sich wohl, wenn wir die jüngst in unserem Blatte veröffentlichte kurze Besprechung des genannten Buches durch die nachstehende ergänzen, die m erster Reihe den Bericht der beiden amerikanischen Regierungskommissare Weber und Kempster über die russische Jnüenfrage behandelt. Das Berliner Tagblatt schreibt darüber: Die entsetzlichen Greuel, deren Schauplatz jüngst die Haupstadt Bessarabiens Kischinew gewesen, haben von neuem die gesä umte gesittete Welt tief erschüttert und zugleich die allgemeine Aufmerksamkeit auf die furchtbare Lage gelenkt, in welcher sich die unglücklichen russischen Inden seit beinahe einem Vierieljahrhnndert befinden. Selbst in der Jahrtausende alten Leidensgeschichte des sogenannten „auserwählteu" Volkes ist dieses russische Martyrium ohne Beispiel. Denn selbst die spanische Katastrophe unten Ferdinand dem Katholischen und Jsabella von Aragonien war im Vergleich mit der Leidenskette jener russischen Juden eine milde. Damals war es ein Ende mit Schrecken. Jetzt ist es ein Schrecken ohne Ende, unter dem nunmehr einige Millionen Menschen in Rußland unbeschreiblich leiden, und zwar ans gar keinen anderen Grunde, als eben weil sie Juden sind und keine orthodoxen Christen. Diese für die Civilifation unseres Zeitalters tief beschämende Tatsache außer allem Zweifel festgestellt zu haben, ist das große Verdienst zweier Commissare. der Herren Werber und Kempster, welche die Regierung der Vereinigten Staaten nach Rußland entsandt hatte,' um den Gründen nachzuforfchen, aus denen eine so. überraschend große Einwanderung, namentlich armer Leute, von. dorther in die Bereiniglen Staaten erfolge. Der Bericht über disee merkwürdige Aufklälullgswei.se liegt in dem amtlichen Berichr vor. den die genannten Kommissare erstattet haben. (Report of the Commissioners of immigration upon tiie causes, which inrite immigration to the United States.