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Die Wahrheit · 1903-06-05 · Heft 22 (5.6.1903) · page 3

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1903
Issue
Heft 22 (5.6.1903)
Date
1903-06-05
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nedactlo» und Sllmmtiflratto»: Wien, II/i. Novaragasse 27. K. k. österr. Postkv2rcassa . §heck-Como 9!r. 846.251" Inserate 20 Heller per Nonpareille-Zeile. Abonnements, und JnserationSbeträge sind in Wie» zahlbar und klagbar. Mkhängige Heitfchrift für Mische Interessen. Erscheint jeden Freitag. Moüo: „Das Siegel Gottes ist Wahrheit!“ BeruKspreis: Ganzjährig . . . & 12.— Halbjährig . ... St. S.— Für Cultusbemnte: - Ganzjährig.... St. 10.— Für Ausland: Ganzjäürig . . .3 Mark. 6 Rubel over 16 Fc» tlr. 82. Wien, 5. Znni 1903 Anttnlt : Die russische Negierung und Kischinewer Vorgänge. — Petersburg mib Kischinew. — Die Juden in Rußland. — Sammlung de „Israelitischen Allianz in Wien“ für die Opfer des Massacres von Kischinew. — Mißdeutung einer biblischen Textstelle. — Professor Dr. Moriz Lazarus, — Die Juden und der Talmud. — Verschiedene Nachrichten. — s'Bärenhansel. — Esther. Die russische Regierung und Kischinewer > Vorgänge. Dreist und gottessürchtig erklärt die russische Negierung,! mit der Berichterstattung der „Times" habe die Ausweisung! des Petersburger Times-Korrespoudenten nicht das geringste i zu tun. Und sie erklärt das ohne Wimperzucken sogar dem l britischen Botschafter ins Gesicht! Aus London wird hierüber j Folgendes gemeldet: Der ausgewiesene „Times" Korrespondent telegraphiert seinem Blatte, die russischen Behörden hätten ihm amtlich I mitgeteilt, seine Ausweisung erfolge wegen seiner Feindschaft! gegen die russische Negierung und wegen Erfindung falscher! Nachrichten. Der russische Minister des Innern von Plehwe; erklärte in einer Unterredung mit dem britischen Botschafter in I Petersburg, die Ausweisung sei schon seit längerer Zeit vori breitet und durch das, was der Korrespondent über die Ereig-! nisse in Kischinew geschrieben habe, unbeeinflußt. Persönlich! bestehe gegen den „Times"-Korrespondenten keine Einwendung, | der feindseli-e Ton seiner Berichterstattung sedoch und der | „Times" im allgemeinen erregten Mißfallen. Die Regierung! sei zu der Entscheidung gekommen, daß sie diesen Berichterstatter! nicht länger in der russischen Hauptstadt dulden könne.! Herr v. Plehwe leugnet den Zusammenhang beider Dinge.! Aber gerade Herr von Plehwe wird vielleicht als der Urheber i der Judenhetze von Kischinew angesehen. Und daraus eben hat j der „Times"-Korrespondent hingewiesen, indem er einen Geheimerlaß des Herrn v. Plehwe, den dieser am 25. März an den Gouverneur von Bessarabien richtete, veröffentlichte. In diesem Geheimerlaß erklärte der Minister, er erfahre, daß in Bessarabien Unruhen gegen die Inden vorbereitet werden.! Er schärft dem Gouverneur ein, er solle nicht etwa durch j strenges Einschreiten gegen diese Bewegung in dieser Bevölkerung! regierungsfeindliche Gesinnungen erwecken, sondern nur durch! Ermahnungen, keinesfalls aber durch Waffengewalt die j Bevölkerung von allzu großen Exzessen abzubringen suchen. j Dieser Erlaß ist nachträglich von der russischen Regierung für! apokryph erklärt worden, trotzdem glauben in Rußland viele i Leute daran. Aus dem ganzen Verhalten des Herrn v. Plehwe seit der Judenhetze von 1881, wo er. Gehilfe und Vertreter des. Ministers Jgnatiew war,, schließen weite Kreise in Rußland, daß er die Tendenz verfolgt, der Gärung im russischen Volke dadurch ein Abzugsventil zu verschaffen, daß er die Unzufriedenheit der Muschiks auf die Juden abzulenken sucht. Zn diesem Zweck sei er bemüht, die Inden der russischen Bevölkerung als diejenigen zu denunzieren, die den Zaren entrechten und stürzen wollen. Eine Zuschrift, die die „Nation" ans Rußland erhält, steht auf dem Standpunkt, daß die Hetze von Kischinew unter der Aegide des Ministers inszeniert worden sei. Der Verfasser teilt mit, daß der „Bessarabez", das Organ, das durch seine Hetzartikel der Greuel hervorries, von dem Minister persönlich protegiert werde. Es heißt in der Darlegung der „Nation": In Kischinew selbst ist das Blatt Kruschewans (des Herausgebers des „Bessarabez") durch die Behörden zu einem führenden gemacht worden. Der Vizegonvernener und Censor der Zeitung, Ustrugow. ist Mitarbeiter an dem Blatte, andere Beamte, Richter rc. arbeiteten an dem Blatte mit; es wurde überdies durch die Behörden eine andere Zeitung des Ortes, der „Beffarabski Westnik", beseitigt; es wurden alle Gesuche wegen Herausgabe einer zweiten, anständigen Zeitung abgeschlagen, und es wurde schließlich der nichtoffizielle Teil der offiziellen Zeitung abgeschafft, so daß das Organ des Herrn Krnschewan für die Zeitungsleser allein bestehen blieb. Alles dies betrifft Kischinew. Herr Krnschewan erhielt aber auch die Erlaubnis, in Petersburg eine Zeitung herauszngeben, „L-namja" mit Namen; er wurde ans Staatsgeldern von dem Minister Plehwe mit 25.000 Rubel snbventoniert, und in einem Ministerkonseil verlangte Herr Plehwe eine weitere Subventionierung, die nur dadurch verhindert wurde, daß der Minister Witte erklärte, Staatsgelder ständen für diesen Zweck nicht zur Verfügung. Unter diesen Umständen erhielt Herr Krnschewan, der hoch verschuldet ist, durch die Protektion des Ministers Plehwe den gewünschten Betrag von der Staatsbank auf Solawechsel, die' Herr Krnsche.van emzulösen nicht in der Lage sein würde. Die Mitarbeit der hohen Beamten an dem Blatte, die Tatsache, daß die Censur die Hetzartikel gegen die Inden durchgehen ließ, sie also von der Regierung gebilligt hiustellte, die offenkundige Begünstigung des Herrn Krnschewan und seine antisemitischen Unternehmungen hätten, so wird in der Zuschrift an die Nation weiter ansgeführt, die Revolte von Kischinew zur Folge gehabt. Die ungebildete Bevölkerung glaubte im Namen des Zaren zu handeln, und die gebildete Bevölkerung nahm mit gutem Grund an, daß die Regierung den Krawall

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