Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1903
- Issue
- Heft 21 (29.5.1903)
- Date
- 1903-05-29
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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Seite 10. Die Wahrheit s'Mrenhäusel. Eine Erzählung von D. Hersch, Znaim. Es war am 13. Adar im Jahre 1748, als zwei Männer, mit schweren Bündeln bepackt, nach ihrer Heimat, Gewitsch, (Mähren) zuwanderten. Beide, Vater und Sohn, waren Dorfgeher, die in die Dörfer mit Waren giengen. Nach wochenlanger Abwesenheit kehrten sie wieder zurück, um den Purim in der Khile zu verbringen. Den ganzen Tag über hatte es heftig geschneit, so daß Weg und Steg mehrere Schuh hoch mit Schnee bedeckt waren. Nun brach ein früher Abend herein und mit ihm ein wilder lobender Sturm, der die niederfallenden Flocken aufwirbelte, daß man kaum die Augen offen halten konnte. Ein Wetter, von dem man zu sagen pflegt, daß >nan nicht einmal einen bösen Hund aus dem Hause jagen möchte. Sie halten heute bereits einen weiten Weg zurückgelegt, dabei des »Esther Teinis" wegen gefastet und sich den ganzen Tag über kaum Rast gegönnt; denn ihr Ziel lag noch ferne und sie mußten fest ausgreifen, um noch rechtzeitig das Städchen zu erreichen, bevor die Thore geschlossen wurden. Dennoch opferten sie kostbare Minuten, da die Zeit des Miuchagebetes herangekommen war. Nach Osten, wo Jeruscholajim liegt, wendeten sie sich, wuschen mit Schnee ihre Hände und laut hörbar beteten sie zum Gotte ihrer Väter. Der Ältere, eine große, hagere, nach vorn gebeugte Gestalt, war fünfzig Jahre alt. Plage und Sorge waren tief in seine Züge eingegraben und ließen ihn älter erscheinen, als er wirklich war. Der Jüngere, von schlankem doch kräftigem Wüchse, kaum 20 Jahre alt, verlor durch die gezwungene Haltung und die Unbeholfenheit, die in seinen Bewegungen lag, viel von seiner Schönheit. Dieser Eindruck wurde aber vollkommen ausgeglichen durch den ausdrucksvollen Blick seines feurigen, schwarzen Auges. Der schwarze Flaum um Kinn und Lippen, die blühende Farbe seiner Wangen veickündeten gesunde, kernige Jugend, und seine glatte, hochgewölbte Stirne verrieth auch Geist. Die Nacht senkte sich immer tiefer und tiefer, und als die Wanderer ihr Gebet verrichtet hatten, schritten sie wieder weiter. „Bist du müde, Vaterleben?" fragte der Sohn, der selbst recht ermattet aussah. Der Alte nickte. „Bis hieher ist es noch gegangen, mein liebes Kind, aber meine Kraft ist nun zu Ende, und wir haben noch ein ordentliches Stück Weg vor uns. Jetzt seh' ich ein, daß ich Unrecht that, als ich dein Verlangen, uns eine Fuhre zu nehmen, ausschlug. Nicht aus Geiz habe ich mich widersetzt, denn die Geschäfte find „dorotre Lodern" nicht schlecht gegangen. Ich wollte das Geld nur ersparen, nur morgen mehr „Purimgeld" herum zu schicken, damit die Leut' nicht sagen, Mosche Schreiber und sein Sohn Schlome sitzen auf dem Geld und geben nichts her. Auch wußte ich nicht, daß die Straßen so stark verschneit sein werden, sind wir doch schon mehrere Male zur Winterszeit denselben Weg gegangen und noch immer vor Abend nach Hause gekommen. Aber heute ging's bei dem tiefen Schnee und dem uns entgegenkommenden Winde nicht recht vorwärts. Das »Megille leinen" haben wir schon versäumt, denn es ist schon spät und ich fürchte nur, daß wir die Thore nicht mehr offen finden werden. Wie zur Bekräftigung dieser Worte verkündeten im selben Augenblick weithinaus hallende Glockenschläge der Turmuhr des Städtchens die achte Stunde, die Zeit, zu welcher die Thore geschloffen wurden. Nun rvar guter Rat teuer. Ins letzte Dorf zurück, welches sie passirt hatten, wollten sie nicht, und in die nahe Stadt konnten sie nicht. Da gabs nur die Wahl, im Freien die Nacht zu verbringen, was bei dem stürmischen Frostwetter gauz unmöglich war, oder in das vor den Thoren der Stadt einsam gelegene Wirtshaus einzukehreu, was sie auch thaten. Das Wirtshaus, ein ebenerdig lang gestreckter Bau der zumeist von Fuhrleuten aufgesucht wurde, war infolge des schlechten Wetters ganz leer. Der Äfirt wies ihnen eine Stube an, ließ dieselbe einheizen und ein Lager ) bereiten, das aus einigen auf den Boden ausgebreiteten Bündeln Stroh bestand. Nachdem sie sich gewaschen und „Meiriw,, gebetet hatten, verzehrten sie nach vierundzwanzigstündigem Fasten ihr kärgliches Mal aus trockenem Brod bestehend. Da sie müde waren, warfen sie sich auf das ihnen bereitete Lager. Der Vater schlief bald ein, Schlome aber konnte keine Ruhe finden, ein wirres Gedankenmeer wogte ihm durch den Kopf und verscheuchte ihm den Schlaf. Er dachte an seine Kindheit und wie glücklich er war, als seine Mutter noch lebte. Draußen ward's immer düsterer und kälter, immer dichter fiel der Schnee, große Bangigkeit ängstigte die Seele des jungen Mannes, und als das Oellämpchen allmälig erloschen war, beunruhigte ihn die ihn umgebende Finsternis noch mehr. Mit Anstrengung hielt er sich wach und lauschte auf jedes Geräusch. Da hörte er Tritte immer näher zu Thüre kommen, ein krampfhaftes Zucken gieng durch seinen erschlafften Körper, rasch sprang er vom Lager auf, weckte seinen Vater und ergriff seinen Stock. Da ward die Thür plötzlich aufgesprengt, er sah den Wirt mit zwei Knechten in die Stube treten und sich auf den .vom Lager erhobenen Vater werfen. Ein Schrei des Entsetzens entrang sich dem Munde des Vaters, da er die Gesichter der Leute in wahrhaft raubthierischer Glut sich entgegen flammen sah. „Juden gebt das Geld her I" rief die wilde höhnende Stimme des Wirtes. „Erbarmen! Erbarmen!" schrie Mosche, „tödtet uns nicht, nehmt alles, was wir haben, ich schwöre beim ewigen Gotte, euch nicht zu verrathen". Doch vergebens war das Flehen des Unglücklichen. Sie warfen sich auf ihn, und zwei erhobene Messer, von ruchloser Hand gezückt, senkten sich tief in seine Brust. Sein letzter Hauch entschwand mit den Worten. „Nette dich mein Kind,! Schma jisroel .... haschem." " Während dieses Vorganges war einer der Knechte auf den Jüngling eingedrungen. Im ersten Augenblicke hatte sich Entsetzen seiner bemächtigt, dann fühlte er sich von unendlicher Verzweiflung erfaßt und schlug so heftig mit seinem Stock auf den Kopf des Angreifers, daß dieser zurncktanmelte. Diesen Moment benützte er, riß das Fenster auf und sprang ins Freie. Dann stürmte er fort in die Nacht hinaus. Anfangs hörte er wohl seine Verfolger hinter sich, doch da er doch einen bedeutenden Vorsprung hatte dazu die finstere Nacht seine Spuren deckte und er um sein Leben lief, blieben diese bald zurück. In einer Hütte, wo man sonst die Schafe borden Unbilleu des Wetters unlerbrachte, mußte er Rast halten, da er fühlte, daß seine Sinne schwanden und sein Haupt von einer todesähnlichen Betäubung erfaßt wurde, dennoch strebte er in halbem Bewußtsein sich aufznraffen, aber seine Glieder waren wie gebrochen und einen Seufzer dem Andenken seines teuer» Vaters weihend, sank er ohnmächtigt, zu Boden. Nach und nach kehrte ihm das Bewustsein wieder.. Er erkannte seine traurige Lage und rief sich die jüngste Vergangenheit ins Gedächtniß, dann versank er wieder in tiefes Nachdenken. Mannigfache Entschlüsse wogten durch seine bewegte Brust und langsam schlichen die Stunden der Nacht dahin. Sie schienen ihm ewig zu dauern, und wie der Verschmachtende nach einem Wassertropfen, so lechzte sein Auge nach den ersten Strahlen des wiederkehrenden Lichtes. So verging die lange schreckliche, Nacht. Mit thränenerfüllten Augen machte er sich ans den Heimweg. Als er in die Jndengasse bei der-Schul an tarn, da hörte er, wie der „Chasen" laut den Satz in der Megilla: „Bei den Jehudim war Licht und Freude und Wonne unb. Ehre," vorlas, dann brach er zusammen. So fanden ihn die „Balebatim" im Vorhofe der „Schul." (Fortsetzung folgt.)