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Die Wahrheit · 1903-05-29 · Heft 21 (29.5.1903) · page 7

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1903
Issue
Heft 21 (29.5.1903)
Date
1903-05-29
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Nr. 21. Die Wahrheit. Seite 7. Kronen, wovon etwa 2/3 ans Wien, darunter die Spende des Cultusvorstandes 10.000 Kronen. Von auswärtigen Gemeinden participiren an obigem Ergebms: Prag mit ca 15.000 Kronen (darunter Spende des Cultusvorstands 2000 Kronen und einer Bne-Brith-Loge 1000 Kronen), Briest (erste Sendung) 4131 Kronen, Brünn 3300 Kronen, A g r a m 1621 Kronen, P r o ß n i tz 820 Kronen, K l a t t a u 528.40 Kronen, K o l i n 500 Kronen, Pardubitz 370 Kronen, Gaya 200 Kronen. Das Iuden-Maffacre in Kischinew. Aus Berlin meldet man: Der „Hilfsverein der deutschen Juden" hat aus Odessa von einem jvertrauenswerthen Deutschen christlicher Konfession, der sich nach Kischinew begeben hat, ein Schreiben über die dortigen Zustände erhalten. Ans diesem Briese ergibt sich, daß der Anregung, den Unglücklichen von Kischinew entsprechende Hilfe von juristischer Seite zutheil werden zu lassen, bereits entsprochen wird. Ungesehene russische Advokaten haben sich bereit erklärt, die Sache der bedauernswertheu Ausgeplünderten und körperlich Geschädigten in Kischinew nach der rechtlichen Seite hin zu prüfen. Der Brief theilt ferner mit, daß in Kischinew wie in Odessa nach wie vor die ärgsten Befürchtungen wegen weiterer Ausschreitungen herrschen. Sowohl durch Proklomationen, die in den Straßen vertheit werden, wie durch die kleinen Hetzblätter wird die Aufregung noch immer geschürt, und das russische Volk sagt jenen wohlmeinenden und gebildeten christlichen Elementen, die zu Ruhe mahnen: „Die Blätter dürfen sowas nicht schreibe.! wenn der Czar es nicht ivollte; es ist aber der Wille des Czaren, daß die Juden jetzt überall ausgeplündert werden, und es ist befohlen, daß wir zu Pfingsten wiederum ans Werk gehen." Die Lage — so wird in dem Briefe hinzugesetzt — ist umso schlimmer, da die großen russischen Zeitungen, die sich in diesem Falle fast ausnahmslos vortrefflich benommen haben, durch die Censur behindert werden, ihre Meinung so offen zu sagen, wie sie es sonst thun würden. Entwickelt die Centralregierung in Petersburg nicht in viel höherem Grade Tatkraft und Energie, als es bisher geschehen ist, so werden die Ereignisse von Kischinew ganz zweifellos sich an anderen Orten wiederholen. Um sich den Gemüthsznstand des russischen Volkes zu vergegenwärtigen, möge folgende Thatsache angeführt werden: Mehrmals hat sich in Kischinew ereignet, daß die Führer der Rotten, die in jüdische Häuser eingedrungen sind, in aller Gntmüthigkeit den Bewohner sagten: „Arme Brüder, wir müssen Euch schlachten; es ist befohlen." Die ärgsten Scheußlichkeiten wurden erst verübt, als sich das Raubgesindel der Umgegend an dem Massacre zu betheiligen begann, und als die Trunkenheit der Banden mehr und mehr zugenommen hatte. Die Stimmung der jüdischen Bevölkerung in den russischen Ostseeprovinzen wird in einem Briefe ans Riga geschildert, der dem „Lokelanzeiger" zur Verfügung gestellt wird und in dem es heißt: „Woher das Gerücht entstanden sein mag, weiß man nicht, aber es verbreitete sich hier vor ein paar Wochen wie ein Lauffeuer das Gerede, daß am 1. Mai alten Stils eine großartige Judenhetze in Riga bevorstehe. Diesem Gerede ward allgemein, sogar in den intelligentesten Kreisen Glauben geschenkt, und man traf darauf seine Maßnahmen. Sämmtliche Revolver, die in den Stahlwaaren- und Schießgewehrhandlungen vorräthig waren, wurden ausverkauft. Man versah sich auch vielfach mit ätzenden Essenzen. Mehrere Familien haben Riga verlassen oder sind in Hotels übersiedelt. Die Banken sind mit Werthsachen und Gelddepots überfüllt. Die Unbemittelten haben dem 1. Mai mit Grauen und in Todesbangell entgegengesehen. Trotzdem er nun doch ganz ruhig verlaufen ist, können sich die aufgeregten Gemüther nicht beruhigen, man fürchtet, daß die Exzesse nur verschoben wurden. Auf Grund mündlicher Mittheilungen seitens zuverlässiger Personen, die aus Westrußland hietzer kamen, kann versichert werden, daß auch in den andere» westlichen Gebieten, in Littauen und Polen, eine Stimm»» gleich der oben beschriebenen herrscht. Die Juden sollen sich inallen diesen Gebieten zur Selbstvertheidigung vorbereiten, da auf die Polizei kein Verlaß ist. Auch scheint der Gedanke der organisirten Selbstvertheidigung bei der jüdischen Jugend großen Allklang gefunden zu haben, denn es bilden sich in manchen Städten geheime Selbstvertheidignngsgruppen." Aus Petersburg wird berichtet: Die Gerichtsverhandlungen gegen die Theilnehmer an den Juden Metzeleien in Kischinew dauern fort. Am 15. d. wurden von 39 Angeklagten 13 freigesprochen, die übrigen zu gerüngfügigen Arreststrafen verurtheilt. Die Panik in Südrußland ist noch groß. Das Stadthaupt von Odessa macht Mittheilungen von der Vertheilung giftigen Konfekts an Kinder und Soldaten. Die Untersuchung des^ Konfekts hat jedoch keine Resultate ergeben. Die Lorrectheit btt Libet. Schewuot-Betrachtung eines Laien. Es war in den ersten Lebenswochen der jüdischen Toynbeehalle. Wir kannten noch nicht unser Publikum und' dieses kannte auch uns nicht. Wol wußten wir, was ihm geboten werden mußte, aber wie das anfangen, darüber waren die Ansichten verschieden. Nur Eines hatten wir schnell heraus: die Discussions-Abende, sie fanden allseitigen Beifall seitens des Vorstandes und mehr noch seitens des Publicums. Namentlich e i n Thema schien unerschöpflich zu sein. Ich weiß nicht mehr, wer die Discussion über ' „Die Bedeutung der Bibelexegese" eingeleitet hat. Vier Abende schon wogten die Meinungen hin und her. Es traten die merkwürdigsten zu Tage, mehr oder weniger interessant. Und das Interesse wuchs und wuchs. Am vierten Discussionsabende wurden jedoch Ansichten laut, über die wir als Inden nicht einfach zur Tagesordnung hinweggehen durften. Und da erlaubte ich mir, in der Absicht, die Discussion zu schließen, folgende Bemerkung: Ans den zu Tage getretenen Ansichten gehe zur Evidenz hervor, wie ungemein schwierig und gefährlich das Thema sei. Noch schwieriger aber sei die Bibelexegese als solche, weil einerseits in die Bibel manches hineininterpretirt werde, was nicht darin stehe, und weil anderseits vieles herausgelesen werde, was sie gar nicht sage und sagen wolle. Ohne Vorbereitung brachte ich einige Beispiele für meine Ansicht, über deren eines ich mich heute in diesem Blatte auslassen möchte, weil es — glaube ich — noch nicht sehr bekannt ist und weil damit der Beweis erbracht wird, mit welch staunenswerter Correctheit die Bibel von den großen Maßoreten niedergeschrieben ist. Zu den Abweichungen, die allgemein als ganz nebensächlich betrachtet werden, gehört bekanntlich auch, ob ein Wort mole oder chosser geschrieben werde, das heißt ob mit oder ohne Waw, oder einen anderen stummen Buchstaben. Weder in dem Werke ochla-weochla, noch in den Concordanzen von Buxtorf bis Mandelstamm sind diese Abweichungen beachtet. Als Beispiel bringe ich eine gerade für die Schewuoth-Tage interessante Stelle. Im zweiten Zehngebot findet sich die merkwürdige und bis heute noch nicht einwandfreie Stelle, daß Gott die Sünden der Eltern an den Kindern ahndet. Hier ist gegenüber dem fast gleichen Texte im Decalog des fünften Buches Moses eine ganz geringe, scheinbar unwesentliche Abweichung. Eine für den Toraschreiber bestimmte Bemerkung (tikun sofrim) besagt, es solle an dieser Stelle im 2. B. M. das Wort onaus-Väter ohne ¥aw geschrieben werden. Das Gleiche solle auch geschehen in 2 B. M. 12. 13, wo von dem Pessachopfer die Rede sei. Welche Absicht liegt wohl hier zu Grunde? Wird es möglich sein, dadurch eine Erklärung der so ungemein schwierigen Strafandrohung, die so sehr im Widerspruch steht zu dem oft und oft ausgesprochenen biblischen Grundsätze, daß der Unschuldige nicht für den Schuldigen leiden solle?

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