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Die Wahrheit · 1903-05-29 · Heft 21 (29.5.1903) · page 6

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1903
Issue
Heft 21 (29.5.1903)
Date
1903-05-29
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seile 6 Die Wahrheit. Nr. 21 Kischinewer Greueltat es ist, abgeben. Das Mißverständnis besteht darin, daß von mir. die Tätigkeit eines Publizisten verlangt wird, während ich ein Mensch bin, der sich mit einer ganz bestimmten Frage, die nichts Gemeinsames mit den gegenwärtigen Vofälleu hat, beschäftigt: nämlich mit der religiösen Frage und ihrer Anwendung aus das Leben. Von mir eine öffentliche Aeußerung meiner Meinung über gegenwärtigen Geschehnisse zu verlangen, ist ebenso grundlos, wie wenn inan dies von irgend einem Spezialisten verlangen wollte, der ein gegenwärtiges Ereignis zur Illustrationen des von mir unterstützten Gedankens gebraucht; aber über alle gegenwärtigen, wenn auch sehr wichtige!: Vorkommnisse ein Urtheil abzugeben, wie dies die Publizisten tun, ist mir durchaus unmöglich, wenn ich cs auch für noch so notwendig hielte. Wenn ich so handeln würde, hätte ich längst von anderen Gesagtes wiederholen müssen, und dann würde wahrscheinlich auch jene „Bedeutung" meiner Meinung nicht existiren, aus Grund deren man von mir ihren Ausdruck verlangt. Was mein Verhältnis zu den Juden und zu den schrecklichen Vorfällen in Kischinew betrifft, so müßte es, glaube ich, für Alle klar sein, die sich für meine Weltanschauung interessiert haben. Mein Verhältnis zu den Juden kann kein anders als das zu Brüdern sein, die ich liebe, und zwar nicht deshalb, weil sie Juden sind, sondern weil wir und sie, wie alle Menschen, Söhne eines Vaters und Gottes sind, und diese Liebe fordert keine Anstrengungen meinerseits, weil ich vorzüglichen Judeumenschen begegnet bin und sie kenne. Mein Verhältnis zn dem Kischinewer Verbrechern wird auch durch meine religiöse Weltanschauung von selbst bestimmt. Noch bevor ich alle Einzelheiten, die nachher publiziert wurden, kannte, bald nach dem ersten Zeitungsbericht, begriff ich all das Entsetzen des Geschehenen und empfand ein schweres und gemischtes Gefühl des Mitleids gegenüber den schuldlosen Opfern der Beftalität der Masse, der Verwunderung über die Vertierten dieser Leute, dieser Scheinchristen, ein Gefühl des Abscheus und des tiefsten Ekels vor denjenigen, den sogenannten „gebildeten" Leuten, die die Masse aufhetzten und sie in ihren Gewalttaten unterstützten, und hauptsächlich ein Entsetzen vor dem eigentlichen Anstifter -des Blutbades, vor unserer Negierung mit ihrer die Leute betörenden und sanatisierendeu Geistlichkeit und ihrer raubsüchtigen Bande der Tschinowniki. Die Kischinewer Gewalttat ist eine direkte Folge der Lüge und Vergewaltigung, die mit solcher Spannkraft und Beharrlichkeit von der russischen Negierung geübt wird. Das Verhältu s der Negierung zu diesem Ereignis ist nur ein neuer Beweis ihres groben Egoismus, der vor keiner Grausamkeit zurückschrickt, wenn es sich um die Unterdrückung einer ihr gefährlich scheinenden Bewegung handelt, und ihrer völligen Gleichgiltigkeit (ähnlich der Gleichgültigkeit der türkischen Regierung gegenüber den armenischen Metzeleien) gegenüber den schrecklichsten Greueltaten, falls diese ihre Interessen nicht berühren. Das ist alles, was ich anläßlich des Kischinewer Massakres sagen könnte, aber all dies habe ich schon längst gesagt Ihr Leo Tolstoi. Jassnaja Poljana, 27. April 1903." Maxim Gorkis Aussatz hat dem Frankfurter Blatt zufolge nachstehenden Wortlaut: „In den letzten Jahren ereignen sich immer häufiger in unserem Lande Dinge, die es mit Schmach überdecken, das Schmachvollste aber, das unser Entsetzen, unsere Scham und Empörung Hervorrust, das ist das schreckliche Judenmaffakre zu Kischinew Leute, die sich für Christen halten, Leute, die vorgeben, an den Gott der Barmherzigkeit und des Mitleids zu glauben, — diese Leute beschäftigten sich an den Tagen, die von ihnen der Feier der Auferstehung ihres Gottes von den Toten geweiht sind, damit — Kinder und Greise zu ermorden, Frauen zu vergewaltige», Mensche» von jenem Stamme zu martern und zu berauben,. der ihnen Christus geschenkt hat. Wer tragt an diesem gemeinen Verbrechen, das sich auf uns alle wie ein blutiger Fleck legt, die Schuld? —die Schuld an dieser Befleckung, die auch Jahrhunderte von der traurigen Geschichte unseres finsteren Landes nicht wegwischen werden? Es wäre ungerecht und allzu einfach, die „Masse", die die Juden mordete, zu verurtheilen; die Masse — ist eine Hand: schuld daran ist das verdorbene Bewußtsein, das sie zn diesem Raube und Mord lenkte. Wie bekannt, wurde die Masse in Kischinew durch Leute von der intelllgenten Gesellschaft angeführt, aber was ist eigentlich die russische intelligente Gesellschaft"? Das ist auch eine Masse, dazu noch eine viel schlimmere, als die des „Volkes", weil unser Volk durch sein schweres Leben anfgestachelt ist und blind gemacht und in Kette geschmiedet durch die ringsum künstlich geschaffene Finsternis ... Die intelligente Masse aber — das ist ein Haufen feiger Sklaven, die des Gefühls der Selbstachtung und des Bewußtseins ihrer Rechte beraubt, bereit ist, vor jeder Macht ih:e Knie zu beugen, die bereit ist, eine jede Lüge anzunehmen/ bloß damit sie ihre Ruhe nicht störe, eine kraftlose, rechtlose und graue Masse, ganz ohne Bewußtsein, und eine schamlose, ungeachtet ihres anständigen Aeußeren. An der schmachvollen und schaudereregenden Tat. die in Kischinew vollbracht wurde, ist unsere intelligente Gesellschaft nicht minder schuld als die aktiven Mörder und Vergwaltiger. Sie ist nicht bloß schuld daran, weil sie die Ermordeten nicht nur nicht in Schutz nahm, sondern weil sie sich sogar daran ergötzte — ihre Schuld besteht hauptsächlich darin, daß sie während langer Jahre sich von Menschenhassern verderben ließ, von Leuten, die schon seit langem den abscheulichen'Ruhm genießen, Lakaien der Macht und Verherrliche:- der Lüge zu sein, wie Alexei Csuworin, Viktor Burenin, Wassilij Welitschko, Csergey Scharapow, Wiffarion.Komarow, Kruschewan, Pjatkowski und andere, die ihres gleichen sind. Das sind die wahren Anstifter des für uns schmachvollen und schaudererregenden Verbrechens in Kischinew! All den abscheulichen Benennungen, die von jeher diesen widerlichen Leuten gehören, — müssen wir heute noch eine von ihnen wohlverdiente Bezeichnung hiuzufügeu: sie sind Aufhetzer zu Raub und Mord!" Diese Heuchler mit dem Gottesnamen ans ihren Lippen, die der russichen Gesellschaft den Haß gegen die Juden, die Armenier und Finen predigen und sie dadurch verderben — heute überschütten sie die Leichen der durch ihre Einwirkung Getöteten mit feigen und gemeinen Infamien und setzen schamlos ihr häßliches Werk fort: die Verderbung des Gefühls und des Gedankens der ganz willenlosen russischen Gesellschaft. Schmach aus ihre bösen Häupter, mb möge . das Feuer des Gewissens iu ihren verfaulten Herzen brennen, die voll von Eitelkeit und Kriecherei vor jeder Macht sind! Und auch der russischen Gesellschaft, die schmachvoll der Aufhetzerei dieser Sklaven folgt, liegt jetzt die Pflicht ob, zu beweisen, daß sie noch nicht ganz durch diese Banditen verdorben ist, daß sie nicht identisch ist mit den Aushetzern zu Raub und Mord, daß sie noch ein Kernlein echten menschlichen Gefühls in sich birgt. Die russische Gesellschaft muß, um einen Teil der Schmach und Scham von ihrem Gewissen zu nehmen, den beraubten und verwaisten Juden zu Hilfe kommen, diesen Angehörigen einer Nation, die der Welt so viele wahrhaft große Männer gab und die — trotz des Entsetzens und des Drucks ihrer Lage in der Welt — noch immer Lehrer der Wahrheit und Schönheit hervorzubringen fortsetzt.. Nun also — ein jeder, der sich nicht als Lakai zu Lakaien gehörig betrachtet, alle, in denen das Gefühl der Selbstachtung noch nicht erstorben ist — Ihr alle auf, den Juden zur Hilfe!" * * 4- Vor läufig es Ergebnis der Sammlung d e s I s r. Allianz zu Wien zu Gunsten der Opfer der Mas s a c r e v o n K i sch i n ew: insgesamt»! ca. 90,000 m

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