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Die Wahrheit · 1903-05-29 · Heft 21 (29.5.1903) · page 5

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1903
Issue
Heft 21 (29.5.1903)
Date
1903-05-29
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Leite 5. Nr. 21. Die Ivahrheit Sonntags- und Sabbathrnhe im Gewerbe. Vor einiger Zeit haben wir die an das österreichische Abgeordnetenhaus gerichtete Petition der gesetzestreuen jüdischen Gewerbetreibenden in Galizien veröffentlicht, in welcher mit Rücksicht auf die in diesen Kreisen streng eingehaltene Sabbathruhe, das sowohl vom ökonomischen als auch vom socialpolitischen Standpunkte höchst billige Verlangen gestellt wurde, daß in das dem Abgeordnetenhause zur Beratung vorliegende Gesetz über die Sonntagsruhe eine Bestimmung ausgenommen werde, jene jüdischen Gewerbs- und Geschäftsleute, die die Sabbathrnhe strenge beobachten, von der Sonntagsruhe zu befreien. Daß bei der gegenwärtigen, keineswegs judenfreundlichen Zusammensetzung des Abgeordnetenhauses! und dem offenbarem Bestreben der Regierung, nicht in den Geruch der Judenfreundlichkeit zu kommen, die Petition aussichtslos sei, war im Vorhinein zu erwarten, und das hat sich auch in der am 26. d. M. zu Ende geführten Generaldebatte über das erwähnte'Gesetz gezeigt. Von den sogenannten Liberalen hat kein einziger Abgeordneter ein Wort der Fürsprache gefunden für die durch das Gebot der Sonntagsruhe ökonomisch schwer geschädigten jüdischen Gewerbslente, deren religiöse Ueberzeugung die Einhaltung der Sabbathrnhe gebietet; einzig und allein der Abgeordnete Breiter ist mit Wärme und Entschiedenheit für die Petition der jüdischen Kaufleute eingetreten. Daß die Christlichsocialen gegen dieselbe austraten, ist, ebenso selbstverständlich, als es höchst ungereimt aber mit der sonstigen Haltung der social-demokratischen Partei gegenüber jüdischen Interessen vollkommen übereinstimmend erschien, wenn der Führer dieser Partei, Dr. Ellenbogen, von Ausnahmen zu Gunsten jüdischer Gewerbetreibender nichts wissen will. Im Nachstehenden ein kurzer Auszug aus der Debatte: Abg. Breiter tritt für die internationale Regelung des Ruhetages ein. Er beantragt ein«' Resolution, in welcher die Regierung aufgefordert wird, in offizieller Weise die Initiative zur Abhaltung einer bezüglichen Enquete, zu welcher sämtliche Culturstaaten eingeladen we den sollen, zu ergreifen. Die in Verhandlung stehende Vorlage kann nur als eine halbe Arbeit bezeichnet werden, weil sie nicht ein einheitliches Gesetz für alle Menschen schafft und weil sowohl die Regierung als auch der Ausschuß nicht auf einem rein socialpolitischen, sondern auf einem mehr kirchlichen Standpunkte stehen. Redner kommt auf die Petitionen der jüdischen Gewerbetreibenden in Galizien zu sprechen. In Galizien wird von den jüdischen Geschäftsleuten der Sabbat als Ruhetag beobachtet. Wenn nun auch au Sonntagen die Geschäfte geschlossen gehalten werden müssen, so käme für diesen Teil der Bevölkerung mehr als ein Drittel des Jahres in Wegfall, da außer an Sabbaten auch an den jüdischen Feiertagen und an den gebotenen christlichen Feiertagen die Geschäfte geschlossen bleiben sollen. Redner findet es unmoralisch und unchristlich, wenn das Staatsgrundgesetz, das allen Nationen und Confessionen Gleichberechtigung gewährt, durch das Sonntagsruhegesetz umgangen würde. Von dem Moment, wo ein Stein aus dem Gefüge der Constitution herausger isseu wird, wird die ganze Constitution zu einer Comödie. Auch deshalb sollte die. Regelung des Ruhetages nicht auf Basis der Sonntagsruhe stattfinden. Redner stellt den Antrag, den Gesetzentwurf mit dem Aufträge an den Ausschuß zurückzuleiten, eine vollständigere Remsion des Sonntagsruhegesetzes vorzunehmen und in kürzester Zeit einen neuen Entwurf vorzulegen, in welchem ein 36stündiger, beziehungsweise 24stündiger Ruhetag in der Woche eingesührt wird. Abg. Axmaun (christlichsocial) befürwortet eie Statuirung der allgemeinen Sonntagsruhe für die Handlungsgehilfen, welche, oft schlechter daran seien als die Arbeiter von der Straße. Redner beschäftigt sich weiters mit dm Ausführungen des Abg. Breiter, der die Petition der jüdischen Kaufleute, aufgegriffen habe. Redner habe diese berühmte Deputation hier gesehen und könne sich erinnern, daß sogar ein konnationaler guter Glaubensgenosse der Mitglieder dieser Deputation die Geschichte nicht übernehmen wollte. Der Abg. Breiter habe gemeint, es sei nnchristlich, wen» man in einem Staate, in welchem die staatsbürgerliche Freiheit den Nationen und Confessionen nach allen Richtungen gewährt ist, den Juden, weil sie am Samstag vollkommen gesperrt halten, keinen Ersatz gibt, daß sie mit jüdischem Personal an Sonntagen ihr Geschäft führen können. In Galizien sind unter 7 Millionen Eiuwohueru nur 900.000 Juden. Abg. Mayer: Das ist genug! Abg. Prochazka: Das ist viel zu viel! Abg. Axmaun: Von einer Mehrheit ist also keine Rede, und dann steht doch sicher fest, daß Oesterreich noch ein christlicher und vorwiegend katholischer Staat ist und daß für einen allgemeinen Ruhetag unter allen llmstäudeu der Sonntag die Priorität hat. Es geht absolut nicht au, daß die Christen am Sonntag zugesperrt, die Juden aber offen halten. Es wäre dies eine Benachteiligung der Christen, und die Herren polnischen Juoeu müssen die Härte, die mit ihrer Religion verbunden ist, auf sich nehmen. Redner schließt mit dem Dank au die Mitglieder des Ausschusses, welche die Forderungen der Handlungsgehilfen unterstützt haben, sowie an den Handelsminist r, der entgegen den Petttionen vieler Handels- und Gewerbetreibenden für den Fortschritt sich eingesetzt und auch nicht unterlassen hat, das religiöse Gebiet zu berühren, was für einige Parteien im Hause auch maßgebend ist. Die Abgeordneten mögen jetzt zeigen, daß sie ohne Rücksicht auf die Parteiangehörigkeit Menschenfreunde sind. Es folgen tatsächliche Berichtigungen. Abg. Breiter: Der Abg. Axmaun meinte, ich sei, weil ich für jüdische Petenten eingetrelen sei, wahrscheinlich von! jüdischer Abstammung. Ich berichtige tatsächlich, daß ich! Christ von Geburt bin, von christlichen Eltern abstamme, j und beharre dabei, daß jeder Christ eine andere Religion > schonen soll. Abg. Dr. Ellenbogen ist gegen die Statuirung von j Ansuahmsbestimmungeu für Juden in Galizien, weil dadurch; Verwirrung au allen Ecken und Enden eiutreteu würde. Nach dem Schlußworte des Berichterstatters Wilhelm! wird das Eingehen in die Spezialdebatte über das Sonn-! tagsruhegesetz beschlossen und hierauf die Verhandlung ab-! gebrochen. _ Tolstoi und Gorki über Kischinew. Die entsetzlichen Greuel, die von einer ungebildeken, rohen und aufgehetzten Volksmenge unter den Allgen einer tatenlos znschauendeu Obrigkeit in Kischinew verübt worden sind, haben! selbstverständlich curch -bei den Rassen, die sich über die ihr; Vaterland noch so machtvoll beherrschende Barbarei erheben, tiefste Empörung erweckt. Zwei dieser Männer, deren Namen über die ganze civilisierte Welt hin bekannt sind, Leo Tolstoi und Maxim Gorki, haben jetzt diesen ihren Empftndnllgen über; die Vorgänge in Kischinew Ausdruck gegeben : Tolstoi in einem! all einen befreulldeten Moskauer Musiker gerichteten Briefe, in! welchemder russischen Regierung die Hauptschuld an dem Massacre; beigemessen wird; Gorki in einem kleinen Allfsatz, der ursprüng-! lich für ein Nischni-Nowgoroder Blatt bestimmt war, aber von! der Censur unterdrückt wurde und darauf dem Petersburger! Korrespondenten der Frankfurter „Kl. Presse" zur Verfügung! gestellt wurde. Leo Tolstois Brief lautet: „Lieber N. N.! Ihren Brief habe ich erhalten. Ich habe schon einige ähnliche Briefe zugeschickt bekommmeu. Alle Korrespondenten, ebenso wie Sie, ' verlangen von mir, daß ich meine Meinung über die Kischinewer j Vorgänge äußern soll. Mir scheint, daß in diesen Aufforderungen! ein Mißverständnis enthalten ist. Es wird vorausgesetzt, daß meine Simme Gewicht besitzt, und deshalb wird von mir verlangt, ich möge meine Meinung über einen solchen wichtigen und nach seinen Ursachen so komplizierten Vorfall, wie die

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