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Die Wahrheit · 1903-05-29 · Heft 21 (29.5.1903) · page 4

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1903
Issue
Heft 21 (29.5.1903)
Date
1903-05-29
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 Die Wahrheit. Nr. 21. allen seinen Wechselsällen, Prüfungen und Täuschungen uns als Sendung Gottes zu tragen befähigt. Jene Offenbarung des Sinaibebens, die erschütternd auf den Menschen wirkt, da die Gottheit sich dem Volke verkündet und Alle zur schauervollen Stille und Furcht zwingt. Ja, der beste Beweis des naase wenischma, des tätigen Gehorsams gegen Gott, ist das Leben unserer Weisen. Wol hätten sie leicht sich Ehren und Auszeichnungen, Macht und Einfluß mit dem Verrate ihrer Sache erkaufen können, wenn ihr Gottesglaube nicht eines wejazib feststehende Wahrhüt gewesen, wenn sie nicht gern das ol malchut schomajim weol mizwot getragen hätten. Co aber war jeder Schritt ihres Lebens, jedes Wort, jede Handlung ein Kiddusch haschem, eine Heiligung und Preisung des göttlichen Namens, eine Verherrlichung der Tugend, der Gerechtigkeit, der Idee der Menschlichkeit, die durch Israel in die Welt getragen ward. Israels Glaube war so fest, so mächtig, daß ihn keilte Gewalt der Sterblichen beugen konnte, und keine noch so grausamen und verfolgungsschweren Maßregeln zu erschüttern vermochten. Von diesem Israel konnte man sagen, daß jede einzelne Seele bei der Offenbarung am Sinai gestanden und am Berge des Gotteswortes zur Erfüllung der Menschlichkeit beschworen ward. Wie anders hätte sich denn später das verstreute Israel behauptet, als durch Pflege und Ausbau des Gottesgcdankens und der Tradition! In den schrecklichen Verfolgungen, Demütigungen^und Erniedrigungen aller Zeiten hat Israel bei seiner Lehre Trost und Labung gefunden, für seine Zukunft Weisungen geholt, die es inmitten eines verblendeten Vernichtungskampfes erhielten. Gott offenbarte sich seinem Volke immer wieder, und je wütender die Feinde es verfolgten, desto mächtiger widerstand diese geringe Schaar. Sie waren eben von der Wahrheit ihrer Sendung so durchdrungen, daß sie für Kiddusch haschem gerne ihr Vermögen und Leben ließen. Das war ein korban auhel moed, ein Opfer, das dem Heiligtum des Ewigen gebracht ward. Wol hätte Israel gleich jenen Elementen, die den Glauben nur für leeren Wahn halten, sich leicht aller Verfolgung und Behelligung entziehen und der Majorität sich auschließcn können — das wußten ja unsere Alten so gut wie wir — damit hätte es aber sich selbst vernichtet und der Vergessenheit anheimgestellt, wie alle Fahnenflüchtigen, die um materieller oder sonstiger Vorteile willen die heiligsten Güter preisgeben und das verraten, was ihren Eltern und Ahnen das Kostbarste war. Vergessen sind jene Abtrünnigen, vergessen alles, was sie zu leisten gewähnt! Mag auch die Geschichte des Renegatentums ihre Namen nennen, vor dem Gerichte der Weltgeschichte ist das Urteil der Verräter gesprochen. Sie haben das Flammenwort der Sinaioffenbarung nicht gehört, den Gedanken idealer Gesinnung, idealer Lebensführung ohne Streben nach äußerem Glanz nicht zu würdigen verstanden. Wol haben sie ein sehr behäbiges Dasein sich verschafft, frei von quälenden Sorgen, dafür aber auf den Lohn für Ausdauer, auf die innere Be-, friedigung verzichtet. Unsere Weisen sagen jiusch baalim scheme jiusch. Der Verzicht der Männer kann so genannt werden. Doch jene Abtrünnigen haben nicht verzichtet, wie es Männer tun, sondern sie gaben das Heiligste feige preis, oft auch den Schein tiefer innerer Ueberzeugnng heuchelnd! Trotz der vielen Abtrünnigen hat das Judentum sich erhalten, wahrend die Götzen Noms und Hellas, die Baalim und Astarten Asiens vergessen sind. Babylonien und Assyrien hatten ja eine hochentwickelte Cultur, sie waren in Künsten und Wissenschaften, in Wirtschaft und Laudbau weit fortgeschritten, dennoch ist von ihnen nur mehr wenig in Denkmälern und Bauten erhalten, während, das kleine Volk Israel zerstreut über den ganzen weiten Erdball sich erhielt, der Menschheit Licht und Frieden brachte und von ihr dafür so schwer gehaßt und verfolgt wurde. Man muß wahrlich in der Erhaltung des Volkes Israel, so verschieden mau darüber denkt, stets eine Merkwürdigkeit sehen, die zu denken gibt. Menu wir die Sephira, die Omerzühlung von Peffach bis Schebuot ins Auges fassen, müssen wir gestehen, daß die schwersten Verfolgungen ein Volk :'.ichl vernichten können, welches ausharrt im Kampfe ums Recht, um die Gewissensfreiheit, die Gedankensreiheit, Rechte, um derer willen eben die schwersten Verfolgungen über die Menschheit kamen! Wir können mit erhöhter Freude omern, zählen, da wir doch die Zeugen der Gnade Gottes sind, die trotz aller Heimsuchungen und schweren Prüfungen ewig währt. Unsere Zeit denkt zwar nicht jene trüben Tage religiösen Fanatismus, der stets das größte Unheil angerichtet, dennoch aber hat unser Geschlecht Verständnis für die Vergangenheit, die Leiden, Entbehrungen, Hoffnungen, Freuden und Wünsche der Altvordern. Ein frischer Zug der Begeisterung ergreift unsere Jugend, sie wieder den Idealen der Väter zuführend. Auch dies isteine Offenbarung der Gottheit, die uns trotz aller Leiden bessere Zeiten verkündet. Denn wenn einmal die Jugend der Geschichte ihres Volkes, der Anschauung der tatsächlich gegebenen Verhältnisse sich zuwendet, so ist damit ein Schritt nach vorwärts getan.. Wollte doch sonst die Jugend vom Judentum nichts wissen, sondern im Strome der Zeit untergehen, alles Jüdische abstreifen, während heute ein großer Teil des Heranwachsenden Geschlechtes anders denkt, von der abschüssigen Bahn ablenkt und sich mehr und mehr mit ihrem Glauben bekannt macht, ihrer Geschichte sich widmet, ohne darum gerade der Welt sich zu entfremden. Bei warm jüdischer Gesinnung kann man, ja muß mau der Zeit leben, darf den Wellenschlag der Zeit nicht unbemerkt lassen, um nicht als Träumer sich zu verlieren I Wir sollen die Offenbarung des Ewigen verstehen, sie voll und ganz austlehmen und verbreiten, das ist Israels Beruf. Die Lüge, das Unrecht, die Gewalt bekämpfen, das ist unsere Zukunft. Darin müssen wir unsere Mission für alle Zeit erblicken, denn unsere Geschichte ist eine ununterbrochene Reihe von Unterdrückungen, Gewalttaten und Trübungen des Gedankens reiner Menschlichkeit. Daraus ergibt sich für uns von selbst das Programm für unsere Zukunft: Eifrige Pflege des religiösen Lebens, feines Verständnis für den Wellenschlag der Zeit und Vermeidung alles unnützen Haders. Erst dann wird wieder für uns ein wahres Fest der Erstlinge nahen, indem wir die ersten Früchte reinen Wandels, edler Menschlichkeit und tiefen Glaubens dem Ewigen weihen. Die Früchte eines guten Wandels sind schwer einzuheimsen, denn mühselig ist des Lebens Arbeit, kummervoll des Daseins Kampf. Gottvertrauen und' ernstes Streben aber retten den Menschen vor moralischem Untergange. Unsere Alten bemerken gelegentlich eines Streites über den Namen Final (ll?ractat Schabbos) unter anderem, der Berg heiße so, weil er Haß gegen Israel (sinah) unter die Völker getragen. Dem kann jeder beipflichten, denn Israel ist gerade wegen seines unerschütterlichen Glaubens seit jeher von bitterem Haße verfolgt worden, von jenem blinden Hasse, der nicht bedenkt, daß er nur zerstört, vernichtet und lediglich dem Neide entspringt. Israels Ernst und Strebsamkeit hat ihm zu irdischen Gütern verholfen, die es nach der Lehre seines Gottes zu den verschiedensten Woltätigkeitszwecken verwendet, um dem Ewigen dankbar die e r st e n Früchte der Mühe auf dem Altäre der Menschenliebe zu weihen, dafür wird es unter dem Deckmantel der Abwehr „semitischer Uebergriffe" verfolgt und gedemütigt. Doch für den wahrhaft überzeugten Israeliten ist dies auch eine Probe seiner Festigkeit, seines Glaubens, nie aber eine Gefahr, der er unterliegen könnte. Denn „gar viele Pläne hat der Mensch, doch des Ewigen Beschluß bestehet." So lehrt uns das Fest der Gesetzgebung auf Sinai eine höchste Ordnung, die ins Menschenleben entscheidend eingreift, die Menschen läuternd, prüfend und sittlich erhebend. Wir erfüllen das Gesetz zu unserem Heile, unserer Vervollkommnung.' Israel hat wie sein Ahn Jakob mit Göttern und' Manschen gerungen, viel gelitten, geläutert aber ging es stets aus diesem Kampfe hervor. Mögen auch wir unsere Aufgabe voll und ganz erfüllen, unser Judentum pflegen, aus seinem Born Kraft und Labung schöpfen, dabei aber auch die Zeit verstehen und weise nützen, dann wird sich auch uns Gott wieder als der lebendige Hort der Gerechten offenbaren, der stets Heil sprießen läßt. Krumau, Böhmen. Dr. L. Hirsch.

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