Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1903
- Issue
- Heft 21 (29.5.1903)
- Date
- 1903-05-29
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Redaktion und Administration: Wien, H/i- Novaragasse 27. K. k. österr. Postivarcassa Check-Couto Nr. 846.251' Inserate 20 Heller per Nonpareille-Zeile. Abonnements« und JnserationSbeträge sind in Wien zahlbar und klagbar. ^abhängige Heitfchris für Mische Erscheint jeden Freitag. Motto: „Das Siegel Gottes ist Wahrheit!" j Berngspreis: j Ganzjährig. . . & 12.— j Halbjährig .... ft. 6.— i | Für Cultusbeamte: j j Ganzjährig.... ft. 10.— | Für Ausland: I Ganzjährig . . .8 Mark. 6 Rubel oder 16 FcS Nr. 21. Men, 29. Mai 1903. Inhalt r Das Wochenfest. — Das Fest der Gesetzgebung. — Sonntags- und Sabbathruhe im Gewerbe. — Tolstoi und Gorki über Kischinew. — Das Juden-Massacre in Kischinew. — Die Correctheit der Bibel. — Die Juden und der Talmud. — Litteratur. — Verschiedene Nachrichten. — s'Bärenhansel. — Salomon Rofsi und Salomon Sulzer. Das Nochenfest. „ Soü'rvuos kommt, wo alles blühet," Ruft die Mutter, „eilt hinaus! Preis dem, der sich fromm bemühet Und viel Blumen bringt nach Haus!" Und die guten Kinder eilen Auf die Wiese, in den Wald, Bei den Blumen gern sie weilen, Heut' doch kommen heim sie bald, Bringen grünes Laub und Kräuter, Blumen, Blüten, bunt und frisch — Festtagsstimmung macht sie heiter — Schmücken Wände, Thür und Tisch. Aber auch den Tempel zieren Sie mit duftig-frischem Grün, Bundeslade, Säulen, Thüren Sind voll Blumen, die jetzt blüh'n. Thyn ian und Kalmus streuen Reichlich sie am Boden aus, Recht vom Herzen sie sich freuen. Daß voll Pracht das Gotteshaus. Tenn dem Garten Eden gleichen Soll der gyttgeweihte Ort, Wo den durch die Thora Neichen Heut' ertönt das Sinaiwort — Einst der Fluren Erstlingsgaben Bracht' in Zion Gott man dar Und die Früchte, die uns laben, Trugen fromm wir zum Altar. Heut' sind unsre Opfer Blüten, Die zur Zierde sind dem Fest, Dies der Dank, den wir entbieten Gott, der nie sein Volk verläßt. O, daß lang bei uns es bliebe. Dieses Fest der Blütenzeit! Neu erweckt es Glaubensliebe, Ringsum herrscht Glückseligkeit. Drum/ Schewuos, sei willkommen, „Matan-Thora“ zieh' nun ein! Heil und Wonne allen Frommen Wird durch dich beschieden sein. " Moritz Antscherl. Das Fest der Gesetzgebung. Während das Heidentum noch dem törichten Götzendienste huldigte und das Volk in Finsternis erhielt, während Verblendung und Vorurteil Alles einhüllte und die Menschen in ihrer Entwicklung hemmte, wurde dem kleinen Stamme Israel das Licht des Gottesglaubens als herrlichste Perle seines Besitzes zutheil. Israel mußte diese Perle um so höher schätzen, als es auch von ihm heißt: mitchillo owde awodo soro hojsu awossenu; anfangs war auch Israel dem Götzendienste ergeben, huldigte dem Culte der Umgebung, dem Baal, der Astarte, dem Moloch und beit egyplischen Gottheiten. Schwer zwar ist es. von dem Einflüsse der Umgebung sich loszumachen, dem übermächtigen Gegner zu widerstehen, aber bei großer sittlicher Kraft wird auch dies möglich, und Israel ist ein sprechender Beweis hiesür. Inmitten großer Völkergruppen behauptet es dennoch seine Existenz, indem es zwar äußerlich den Gesetzen des Landes, den Pflichten und Forderungen des Wohnortes genau nachkommt, in seiner religiösen, inneren Entwicklung aber seines Gottes Erbe, das es am Sinai zu bewahren und zu bethätigen versprochen, treu hütet. Und wenn wir auch heute verschiedenen Auffassungen des Judentums begegnen, so müssen wir dennoch sagen: birjo hi, afilu beelef lo botel. Unser Judentum ist ein Werk, das nie zerstört wird, selbst in den tausendfältigen Emwicklungsformeu niemals sein Grundwesen verliert und die läuternde Kraft, die zur Lebensfestigkeit anspornende Ethik, für alle Zeit trotz der „Bibel und Babels- Forschung bewahrt. »Bei jedem Opfer sollst du Salz darbringen!" Dieses Salz hat es noch immer gehabt, das Salz, das Israel vor Fäulnis bewahrte, während die übrigen Völker in sittlicher Fäulnis und Verderbtheit untergiengen. Es ist die Offenbarungslehre des Sinai, die schriftliche Lehre und die mündliche Tradition, die Israel erhielten, die Ausführung des großen Lehrgebäudes durch unsere Ohaohonaiw, die Tag und Nacht im Worte des Ewigen forschten und ihren erklärenden Ausführungen eine Kraft verliehen, daß sie dem Volke oft mehr als die Thora selbst eingeprägt waren. Wer nur ein wenig die Mischna „lernt" und ven systematischen Ausbau der einzelnen. Gesetzesbestimmungen verfolgt, der muß cinfehen, daß hier Gottes Offenbarung spricht, Gottes Begeisterung vorherrscht, die zu den größten Heldentaten ermutigt, alles ertragen laßt und das Leben mit