Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1903
- Issue
- Heft 20 (22.5.1903)
- Date
- 1903-05-22
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Die Wahrheit. Seile 7. Nr. 20. Wer uns in Erfüllung dieser Aufgabe unsterstützen will,! wen der. Gesang erfreut, wer Sinn und Verständnis für die l ebte Kunst des Gesanges bei unseren Volksgenossen wecken und nähren will — der schließe sich uns an! j D ie Vereins leitung.! -i- -i- * Hebungen unter Leitung des Chorineisters Herrn Pro f. Löwenstamm jeden Mittwoch ab 3/48 Uhr abends. 11 e b it ngslokal: IX. Türkel^straüe 9, II. Hof, III. Stiege, Mezzanin. Anmeldungen und Aufnahmen an den Uebungsabenden. Gemeinde- und Dereinsbote. Wie». (Aus der Plenarsitzung des Vorstandes der israelitischen Cultusgemeinde in Wien vom 14. Mai 1903 unter dem Vorsitze des Präsidenten kais. Rath Klinger. Beginn der Sitzung halb 7 Uhr Abends.) Im Einlause werden bekanntgegeben: Spenden für die armen geplünderten Juden in Kischinew: Von der Cultusgemeinde Kolin K. 500.—, von Herrn Arthur Schlesinger in Wien K. 5.-. Ferner befindet sich im Einlaufe eine Zuschrift des Vorstandes der Chewra-Kadischa, betreffend die am 17. Mai 1903 stattfindende außerordentliche Generalversammlung, weiters ein Schreiben des Herrn Maximilian Paul-Schiff, mit welchem er die Berufung als ständiger Obmann der Schiedsgerichte anzunehmen erklärt, und ein Schreiben des Cultusvorstehers Doctor Breuer, betreffend die Annahme des Mandates eines Curators der Victor Ritter v. Boschan'schen Kranken-Stiftung. Cultusvorsteher Hermann Ellbogen interpellirt in Angelegenheit der Uebertragung der Jnstallationsabrbeiten für die elektrische Beleuchtung im Leopoldstädter Tempel an eine nichtjüdische, angeblich antisemitische Firnra und stellt die Ansrage, was das Vertretercollegium zu einem solchen Schritte veranlaßt habe. Der Präsident erklärt, in der Lage zu sein, die Interpellation sofort beantworten zu können. „Wie den geehrten Herren bekannt ist, mußte der Leopoldstädter Tempel aM Gründen der Sicherheit vom Cultusvorstande gesperrt werden, weil sich bei der diesfalls durch den Vorstand über eine Anzeige des Tempelinspectors vorgenommenen Conrmission herausstellte, daß die Anlagen der elektrischen Leitung nicht mehr den gegenwärtigen Vorschriften entsprechen. Das Vertretercollegium hat sofort nach eingehender Berathung einen beschränkten Concurs mit kurzer Frist ausgeschrieben, und hatte unser College Hofrath Taussig die Güte, die Durchführung der Angelegenheit zu übernehmen. Zur gegebenen Zeit wurden durch Herrn Hofrath Taussig die Offerte ordnungsgemäß in einer Vertretersitzung geöffnet und stellte sich heraus, daß einzelne Offerte sich nur aus Theilconstructionen bezogen und nur zwei oder drei den in.der Concursausschreibung bezeichneten Arbeiten Rechnung trugen. Die Firma, welche die Arbeiten vor 11 Jahren gemacht hatte und welcher von vorneherein dieselben ohne Concurs übertragen werden sollten, hatte erklärt, diese Arbeit nicht übernehmen zu können, weil sie sich mit derartigen Arbeiten nicht mehr befasse, und hatte eine andere Firma besonders empfohlen, weshalb dieselbe seinerzeit auch zur Einbringung eines Offertes aufgesordert wurde. Das Offert dieser Firma, welche als sehr leistungsfähig bezeichnet wurde, stellte sich um 75 Percent niedriger als das im Preise nächsthöhere, weshalb Hosrath Taussig den Antrag stellte, dieser Firma die Arbeit zu übertragen, wenn sie die Gewähr dafür biete, daß der Gottesdienst zu den Pfingstenseiertagen abgehalten werden könne. Ueber Anregung eines College», Erhebungen darüber zu pflegen, ob die genante Firma eine antisemitische Richtung verfolge, wurde, da^bei einer Verleihung von Arbeiten seitens der confessionellen Cultugemeinde Antisemiten nicht berücksichtigt werden können, .geschlossen, diesfalls Erhebungen zu pflegen, und nur wenn durch dieselben alle diesfälligen Bedenken behoben werden, dem ausgeschriebenen Concurs gemäß dieser billigstbietenden Firma die Arbeit zu übertragen. Es wurden sohin am nächsten Vormittage sofort die beschlossenen Erhebungen gepflogen; sie lauteten vollkommen beruhigend dahin, daß die in Rede stehende Firma hochachtbar und leistungsfähig sei und ihr Inhaber seine Vorurtheilslosigkeit in ^confessioneller-Beziehung vielfach bewiesen habe. Es obwaltete deshalb kein Anstand, den am Abend zuvor in der Sitzung gefaßten- Beschluß des Vertreter-Collegiums zur Ausführung zu bringen, ohne Rücksicht darauf, daß ein Offerent, der dem Angebote der genannten Firma am nächsten kam, am Freitag sein Anbot schriftlich nochmals reducirt halte, so daß es statt um 75 Percent nur um 30 Percent höher wäp.^ : Die Herren werden mir zustimmen, daß selbe wenn dieses reducirte Offert dem der billigstbitztenden Firma gleichgekommen wäre, das Präsidium es nicht anständig geftmden hätte, derartige Nachtragsofferte zu, berücksichtigen gegetDh^Y jeyen^ .die rechtzeitig überreicht und bezüglich deren auch ein Beschluß'gösaD svürde^' Der Präsident läßt das über den ganzen Vorgang aufgenommene Protokoll in der Plenarsitzung zur Verlesung bringen und findet dasselbe die ungetheilte Zustimmung des Plenums. Der Interpellant erklärt diese Beantwortung zur Kenntniß zu nehmen. Gemäß dem Anträge des Vertreter-Collegiums wird mit Rücksicht auf die mit 15. September d. I. ablaufende FunctionSdauer des Bezirksschulrathes einheillig beschlossen, den bisherigen Vertreter des israel. Religionsunterrichtes in der genannten Körperschaft, Herrn Dr. Markus Spitzer, ^für den neu zu constituirenden Bezirksschulrath wieder in Vorschlag zu bringen. Der weitere Theil der Sitzung war der Erledigung von Steuer« angelegenheiten gewidmet. Schluß der Sitzung halb 10 Uhr Abends, * * * In der am 20. Mai 1903 unter dem Vorsitze des Präsidenten kais. Rath Klinger abgehaltenen Plenarsitzung des Vorstandes der israel. Cultusgemeinde Wien wurde der Trauer und Entrüstung über die entsetzlichen Vorkommiffe in Kischenew Ausdruck gegeben und einheillig beschlossen, aus Gemeindemitteln einen Beitrag von K. 10.000.— für die Hinterbliebenen der ermordeten Glaubensbrüder in Kischenew zu widmen. Gleichzeitig wurve der Beschluß gefaßt, sämmtliche Gemeinderabbiner zu ersuchen, am Schewuothfeste in der Maskirpredigt der Opfer der traurigen Ereignisse in Kischenew zu gedenken und einen Appell an die werktälige Hilfe der Gemeinemitglieder zu richten. Akoridsdors. Am 11. d. M. fand die constituirend e Versammlung des nevgegründeten israelitisch-politischen Vereines „Gleichheit" in Floridsdorf statt und wurden in den Vorstand gewählt: Zum Präses: Herr Dr. Samuel Ruß, Arzt, ferner die Herren: Leopold Grünwald, Kaufmann; Sr. Ehrw. Dr. M. Rosenmann, Bezirksrabbiner; Dr. Jakob König, Präses der israel. Cultusgemeinde; Dr. Julius Tauber, Advocat; Ingenieur Victor Berger; Direktor Ignaz Kohn; Ignaz Frischmann, Kaufmann; Max Stein, Nordbahnbeamter und Maximilian Frank, Privatbeamter. Die Gründung dieses israelitisch-politischen Vereines „Gleichheit" begegnet hier allseitigen Sympathien. Obwohl die hiesige jüdische Gemeinde die zweitgrößte Niederösterreichs ist, und die Juden einen politischen und wirtschaftlichen Factor bilden, mit dem zu rechnen wäre, konnten sie bis jetzt nicht zur Geltung kommen, weil eine Vertretung der politischen und wirtschaftlichen Jntereffen der hiesigen Judenschaft bis jetzt nicht bestanden hatte. Der gegründete Verein wird nun legitimirt sein, die politischen Jntereffen der hiesigen Juden auf allen Gebieten wahrzunehmen und zu fördern. Möge er im jüdischen Geiste wirken und mögen seine Schritte vom Erfolge gekrönt werden. Am 26. d. M. findet in den Gisela-Sälen eine öffentliche Vereinsversammlung mit der Tagesordnung: „Warum müssen die Juden sich organisiren" statt. Budapest. Unterrichtsminister Wlaffics hat die Einladung des Szegediner Oberrabbiners zur Einweihung der dortigen neuen Synagoge mit einem Schreiben an den Oberrrabbiners Immanuel Löw beantwortet, in welchem er sagt: „Ich weiß wohl, daß Sie in diesem neuen Heim Ihrer Religion neben der Frömmigkeit auch die patriotischen Ideen pflegen und verherrlichen werden. Die Szegediner war die erste jüdische Gemeinde, in welcher ungarischer Gottesdienst gehalten wurde, weil die wackere Szegediner Judenschaft eingesehen hat, daß die süßen Laute der vaterländischen Sprache den religiösen Charakter und die Erhabenheit des Gottesdienstes nicht stören können und daß anderseits die Synagoge durch Pflege des nationalen Geistes zu einem mächtigen Faktor werden kann. Euer Ehrwürden gebührt ein großer Teil daran, daß von der Kanzel der Szegediner Synagoge patriotischer Geist verbreitet wird. Es ist auch nichts anders zu erwarten von dem Sohne jenes berühmten Vaters Leopold Löw, dessen würdiger Sohn Euer Ehrwürden sind, und ich kann mich aus meinen in Nagy-Kanizsa verbrachten Kinderjahren daran erinnern, wie lebhaft das Andenken an Ihren verewigten Vater, der ehedem dort Seelsorger war, sich erhalten hat, Ihren Vater, der ebenso eifrig der Religion und der religiösen Literatur gedient, wie er ein treuer Sohn des ungarischen Vaterlandes war." Der Minister teilte schließlich mit, daß er mit seiner Vertretung an dem Feste den Obergsspan der Stadt Szegedin betraut hat und daß er Gottes Segen aus den neuen Tempel und auf die Szegediner patriotische jüdische Gemeinde herabflehe. Szcgedin. Am 20. d. M. fand hier die feierliche Einweihung der neuerbauten, prachtvollen Synagoge in Anwesenheit der Spitzen der militärischen und politischen Behörden, wie auch der Vertreter sämmtlicher Religionsgenossenschasten statt. In der General-Versammlung der Cultusgemeinde dankte der Präsident der Gemeinde, Dr. v. Rosa, dem Erbauer des Tempels, dem Budapester Architekten Baumhorn, für sein geniales Werk und überreichte ihm al) Zeichen der Anerkennung einen Ring, der en miniature die Umrisse des Tempels zeigt. Im neuen Tempel hielt Ober-Rabbiner Dr. Löw eine schwungvolle Weiherede und Obercantor Schorr besorgte mit dem Chore in glänzender Weise den musikalischen Theil d.er Feier. Abends fand ein Bankett statt, an dem unter Anderem auch Obergespan Kallay in Vertretung des Unterrichtsministers, der Bürgermeister der Stadt Szegedin, sowie zahlreiche höhere Officiere teil«ahmen.