Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1903
- Issue
- Heft 20 (22.5.1903)
- Date
- 1903-05-22
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Die Wahrheit. Nr. 20 . . i.; Sette 6 . und Israel selbst hat ihn, (etwa aus lauter Furcht vor dem ett. h.) beseitigt und das bewirkt, was namentlich die strengreligiöse Richtung so sehr perhorreszirt, nämlich daß die Synagoge in einen „Conzertsaal" verwandelt wurde. Wie das so gekommen ist? Hier spielen wohl verschiedene Ursachen mit, an dieser Stelle sei einer einzigen gedacht, die u. A. keine geringe Rolle gespielt hat. Man hat die Neueinrichtung des Gottesdienstes zu sehr den musikalischen Fachleuten der Geineinden, den Kantoren und den Musikfreunden des Laienelementes überlassen, es wirkten zu wenig diejenigen mit, die das religiöse Bedürfnis der Gemeinde, sowie des einzelnen Beters am besten kennen müßten, die Rabbiner, ob durch Verschulden der Gemeinde- Vorstände, ob durch eigenes, ob aus Unkenntnis der Volksseele, oder aus Mangel an Verständnis für die Tragweite der Sache, bleibe dahingestellt. Worin besteht denn nun die Schädlichkeit der gerügten Einrichtung? Nun, man vergegenwärtige sich: Das ehemalige laute Mitbeten, Mitschreicn des Einzelnen, der Gesammtheit entsprang einem inneren Bedürfnis, dem Bedürfnis, iu größerer Gemeiuschauft laut zu beten, zum Th eil auch wohl einer gewissen Sangesfreudigkeit. Und nun war's mit einemmale wie abgeschnitten, der Einzelne durfte seine Stimme nicht mehr laut werden lassen, in die Synagoge kehrte die Stille ein, abgesehen von den Gesäugen des Vorbeters durchhallten nur noch die vielstimmigen, kunstvollen Gesäuge des Chores die Räume des Gotteshauses. In der ersten Zeit täuschte der Reiz der Neuheit auch die Einsichtigen über die Thatsache des Mißgriffs, der Reiz der Neuheit war es auch, der die betroffene Gemeinde den Verlust, den sie erlitten, zunächst noch nicht empfinden ließ. Gern lauschte man den harmonischen Klängen, gern redete man sich ein, welch' einen großen Forschritt die neue Einrichtung bedeute. Aber nun versuchet auf die Dauer, einem inneren Bedürfnis dadurch gerecht zu werden, daß ihr zuseht, wie andere für euch handeln, suchet euren Hunger zu stillen, indem ihr zusehet, wie andere sich an einem opulenten Mahle gütlich thun! Mau vergeffe ja nicht: Der Besucher des Conzertes, der Oper, ist darauf gestimmt zu hören, der Besucher des Gotteshauses, der Berer, will selbst beten, will sein religiöses Bedürfnis selbst betätigen, auch durch lautes Beten und Singen betätigen. Warum? Nun, ich kann es euch nicht authentisch begründen, ich bitte euch nur, um euch und rückwärts zu schauen, wie sich das Bedürfnis in jeder Religionsgemeinschaft zu allen Zeiten geltend gemacht hat und geltend macht. Das Bedürfnis ist nicht ' jüdisch, nicht christlich, nicht heidnisch, es ist menschlich, aber uns Juden war dieses Menschliche niemals fremd. Versucht ihr aber, dies echt menschliche Bedürfnis zu ersticken, so wendet ihr durch kein noch so schönes, noch so modernes Surrogat es verhindern können, daß nicht nur das Bedürfnis des lauten Betens, sondern des Betens überhaupt erstickt wird. Noch hat kein Forscher durch wissenschaftliche Messung sestgestellt. welchen Anteil die Alleinherrschaft des Chores an der Entfremdung so Vieler vom öffentlichen Gottesdienste hat. Aber unbestreitbar ist, daß dieser Anteil nicht gering ist, daß viele, selbst sonst musikalisch veranlagte Glaubensgenossen, gegen den übermäßig gepflegten Kuustgesaug iu der Synagoge abgestumpft sind und jedes Jntereffe für Den öffentlichen Gottesdienste verloren haben, weil sie selbst nicht laut mitbeten, mitsingen dürfen: unbestreitbar ist, daß diese Entfremdung immer weiter um sich greift. Demnach wünschest Du Dir die alten ungeordneten Zustände zurück? so fragt der Leser, demnach haben wir iu Dir den geschwornen Feind des Chorgesanges zu erblicken, ohne den ein moderner Gottesdienst doch garuicht mehr zu denken ist? Nun, offen gestanden, für die Befriedigung des religiösen Bedürfnisses, für die Pflege der Anhänglichkeit an unsere religiösen Institutionen halte ich freilich, die alten ungeordneten Zustände immer noch besser als die von mir bemängelten. Aber mit Verlaub, es gibt noch einen goldenen Mittelweg, den ihr aber nicht beschritten habt. Ihr habt niedergerissen, aber was ihr neu errichtet habt, das habt ihr nach grauen Theorien, ohne Rücksicht auf das menschliche und religiöse Bedürfnis; errichtet. Nicht die laute Betheiligung der Gemeinde am Gottesdienste sollte schwinden, sondern die ungeordnete, lärmende. Die im Gebetbuche, im alten Siddur und Machsor selbst der Gemeinde zugewiesenen Responsen und Gesänge dürfen nicht dem Chore übertragen werden, sondern müssen der Gemeinde verbleiben, aber, und damit soll dem modernen Geschmacke Rechnung getragen werden, es sollen ihnen einfache gefällige Melodien zu Grunde gelegt werden, Melodien, die würdig eines Gottesdienstes sind und sich auch zu einstimmigem Gesänge eignen. Wir brauchen nicht einmal nach solchen Melodien zu suchen oder sie gar von fremden Kirchen zu entlehnen, die großen Meister des Synagogengesanges bieten gerade in dieser Richtung genug des Schönen und Erhebenden. Um nur ein Beispiel von vielen zu erwähnen, so sei an die wunderschönen Lewandowsky'schen Gesänge beim Ein- und AuSheben erinnert. Das sind Melodien, die jeden, in dessen Brust auch nur ein wenig Sangeslust lebt, mit sich fortreißen, und wenn die, von der ganzen Gemeinde angestimmt, die weiten Hallen des Gotteshauses durchbrausen, so wecken sie beiweitem mehr Freudigkeit am Besuche der Synagoge, als es der sorgfältigst gepflegte Kuustgesaug des Chores auch nur annährend vermöchte. So ist der' Chorgesang also überflüssig, so willst Du dieses Schoßkind der Gemeinden verstoßen? Auch das nicht, mein Leser. Dem Chor fällt m. E. ein: zweifache Aufgabe zu: 1. Er soll der Führer der Gemeinde beim Singen, sein Gesang das Rückgrat des synagogengesanges sein. Der Chor soll nicht etwa schweigen, wenn die Gemeinde singt, im Gegentheil, er trägt nach wie vor die Gesänge in sorgfältigster Einstudirung. meinetwegen sogar mehrstimmig, vor. Auf diese Weise wird der Gemeindegesang stets eineu Rückhalt haben und mehr und mehr veredelt werden. 2. Der Chorgesang soll an den hohen Festen und bei sonstigen außerordentlichen Gelegenheiten zur Verschönerung des Gottesdienstes, zur Erhöhung der Feierlichkeit, Gesänge darbieten, die nicht im Bereich: des Gemeindegesanges liegen. Diese beide» Aufgaben sichern dem Chor m. E. vollkommen seine Existenzberechtigung und weisen ihm eine dankbare Thätigkeit zu. Und nun genug. Ich lege meine Ausführungen den Führern der Gemeinden und des Jndenthums ernstlich und dringend an's Herz Es steht ein vitales Interesse der Glaubensgemeinschaft auf dem Spiele: die Freudigkeit am öffentlichen Gottesdienste! Noch ist es Zeit, durch eine schnelle, muthige und gründliche Reorganisation des Synagogengesanges die Gefahr einer weiteren Entfernung zu einem großem Theile zu beseitigen! Yideant consules, ne quid detrimenti capiat respublica! Jüdischer Gesangverein „Schir Zion". Jüdische Volksgenossen! Wo die schlummernde Kraft eines Volkes sich zu regen beginnt, wo alles, was stark und kühn ist. zu gemeinsamem Streben sich vereinigt, wo ein erhabener Gedanke die Seelen läutert und die iträfte jedes Einzelnen spannt, dort in jener reinen Sphäre, in der alles Edle geweckt wird, was im Herzen des Menschen schlummert, dort ersprießt ein kostbares Gut, dort blüht — die Kunst. Das jüdische Volk beginnt sich seiner Kräfte bewußt zu werden. Nicht schlaff und willenlos, ein Spiel der Launen seiner Feinde will es sein. Mit starker Hand will es sich selbst sein^Schicksal schmieden. Und dieser Willeder die besten Kräfte, auslöst, der den Starken begeistert' und den Schwachen ermutigt, er belebt aufs neue — die jüdische Kunst. Nicht flehentlich und klagend, wie ehedem, voll banger, schüchterner Hoffnung, nein, kraftbewußt und hoffnungsfreudig ertönt heute das jüdische Lied. Und dieses Lied, eingedenk seines hohen Wertes, zu pflegen, hat sich der Jüdische Gesangs verein ,Schir-Zion" zur wesentlichsten Ausgabe gemacht.