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Die Wahrheit · 1903-05-22 · Heft 20 (22.5.1903) · page 5

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1903
Issue
Heft 20 (22.5.1903)
Date
1903-05-22
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 20. Die Wahrheit Seite 5. Action der Chewra-Kadischa gegen die unjüdische Sitte des Kranzspendens. Sie tue dies in Wahrung des strengjüdischen Standpunktes, der darin besteht, gegen all das anzukämpfen, was geeignet ist, die Klarheit des jüdischen Denkens zu verdunkeln, und nicht die statt der Kranzspenden einfließenden Einnahmen, sondern lediglich das Prinzip sei für diese Action maßgebend. Dem Geiste des Judentums und dem in demselben stets hochgehaltenen demokratischen Principe entspricht auch die nunmehr statuarisch sestgelegte Institution der Dclegirten, deren Aufgabe es ist, die Erfüllung der rituellen Gebräuche und Vorschriften zu überwachen und dem Verstorbenen — auch dem ärmsten der Armen — die letzte Ehre zu erweisen. Ebenso wird der Vorstand für die unentgeltliche Zuweisung einer Grabstätte auf der Zahlabteilung für mittellos verstorbene Vereinsmitglieder und für ein würdiges Leichenbegängnis Sorge tragen. Redner verweist schließlich auf die wichtige Neuerung, daß außer den cooptirten Vorstehern, drei Vorstandsmitglieder durch die Generalversammlung zu wählen sind, und gibt der Ueberzeugung Ausdruck, daß die geschaffenen Reformen zur ferneren Entwicklung der .Chewra-Kadischa beitragen und unter reger Anteilnahme der Mitglieder ermöglichen werden, die idealen Aufgaben der Chewra-Kadischa durch Uebung religiöser Liebeswerke und durch Unterstützung armer, Glaubensgenossen in erhöhtem Maße zu erfüllen. Tradition und Humanität sind die beiden Schwingen, auf welchen das Judentum in jene Höhen gelangte, daß ihm kein feindliches Geschoß was anhaben konnte. Die Wahrung der ersteren obliege der Cultusgemeinde, die Pstege der letzteren sei Aufgabe der Chewra-Kadischa, und Glaube und Pietät wurden im Judentum immer gepflegt und werden auch in Zukunft dessen Gründsäulen bleiben. Nach Erstattung des Berichtes macht der Vorsitzende den Vorschlag, zunächst die Wahl vorznnehmen und während des Skrutiniums eine eventuell von der Versammlung gewünschte Debatte über die geänderten Statuten durchzuführen. Dieser Vorschlag findet manchen Widerspruch und es komm: zu einer mitunter ziemlich leidenschaftlich verlaufenden Debatte über die Competenz der Generalversammlung und die Legalität der Statuten, an welcher die Herren Jaques Weiß, Dr. Ascher, Arnold Fuchs, Jakob S. Straßberg und der Vorsitzende theilnehmen. Dr. Bloch hält es für angezeigt, daß die Generalversammlung statt sich in . fruchtlosen Geschäftsordnnngdebatten zu ergehen, Worte des Gedenkens finde für jene unglücklichen Brüder in Rußland, die in den Schreckenstagen von Kischinew als Märtyrer ihres Glaubens gefallen sind. Die in Folge dieser Anregung in der Generalversammlung vorgenommene Sammlung ergab den Betrag von 250 Kronen und 20 Mark. Med. Dr. Jgu. Weiß plaidirt dafür, nicht nur kranke Arme, sondern auch gesunde zu unterstützen, da deren Hungergewiß nicht geringer sei als der der Kranken. Weiters findet er die Ausgaben für Bandagen und Arzeneien zu hoch und hält den Vorgang bei Verabreichung der letzteren für unpraktisch und nicht zweckentsprechend. (Der Vorsitzende ersucht den Redner, dem Vorstande diesbezügliche Vorschläge zu machen.) Zur Candidatenliste sprachen die Herren Jacques Ripper, Baumeister Donat Zifferer, Cultusvorsteher Salo Cohn, Dr. Marcell Hoffmann und nach Schluß der Debatte wurde zur Wahl dreier Vorstandsmitglieder geschritten. Das unter Zuziehung der Herren S. Brod und Adolf Schramek vorgenommene Skrutinium ergab folgendes Resultat: Als gewählt erscheinen die Herrren: David Ritterj von Gutmann mit 62 Stimmen, Jakob Kann mit 106 Stimmen, S. Steiner mit 101 Stimmen. Herr Architekt Oskar Marmorek blieb mit 53 Stimmen in der Minorität. Arber den modernen Zynagogengesang. Als ein erfreuliches Symptom, daß vielleicht unter dem Drucke der äußeren Verhältnisse der noch viel verderblichere innere Jndifferentismus zu schwinden beginnt, erscheint uns die Thatsache, daß immer weitere Kreise des Jndenthnms den synagogalen Einrichtungen, insbesondere der Pstege und Entwicklllng des Synagogengesanges lebhaftes Interesse entgegenbringen und daß Themen, die sonst nur von Cantoren und Fachleuten in cantoralen Fachblättern angeschlagen wurden, wiederhalt in allgemeinen jüdischen Blättern zur Besprechung gelangen. So lesen wir im „Köln. Jsr. Gmdbl." unter dem Titel „Ein ernstes Wort über den modern: n Synagogengesang" eine für deutsche und österreichische Verhältnisse gleich passende und überaus zeitgemäße Abhandlung, die vollste Beachtung und weiteste Ver» breitung verdient. Fürchte nicht, mein gläubiger Leser, keine Dithyrambe auf die Orgel wird man Dir tu den folgenden Zeilen singen, kein Schlagwort für die nächsten Repräsentantenwahlen soll hier verkündet werden. Die Sonde lege hier an eine Wunde, die als solche wohl von Jedem, ohne Unterschied der religiösen Partei» richtung, bei näherem Zusehen empfunden werden wird, eine Wunde, an der nicht etwa eine einzelne Gemeinde krankt, sondern an der vielmehr alle größeren und manche mittlere Gemeinden leiden. Diese Wunde ist die moderne Handhabung des Synagogengesanges. Nicht zum ersten Mal wird in einem jüdischen Blatt auf das Uebelj hingewiesen, aber vielleicht niemals wurde eindringlich genug auf die große Gefahr hingewiesen, die für unsere Glaubensgemeinschaft die heutige Art des Synagogengesanges birgt. Das Schwinden des Ghettos hatte eine Wandlung des Geschmackes in gottesdienstlichen Dingen zur notwendigen Folge. Selbst die gläubige Richtung . machte diese Wandlung durch. Wenn sie sich auch energisch gegen Neuerungen wehrte, die, ihrer religiösen Ueberzeugung nach, dem Wesen des Jndenthnms widersprachen, so entzog sie sich doch nicht der Einsicht, daß Unschönes in der Synagoge, das mit der Religion an sich nichts zu thun hatte, eingerissen war und daß dieses Unschöne gerade im Interesse der Religion nunmehr beseitigt werden müsse. Hierzu ist u. A. die schreiende, lärmende, ungeordnete Beteiligung der betenden Gemeinde am synagogalen Gottesdienste zu rechnen.' So zog denn allmälig in die deutschen Synagogen eine würdige Ruhe und Ordnung ein, so wurden nach und nach die Beziehungen zwischen Vorbeter und betende Gemeinde so geregelt, daß der Gottesdienst, ohne unjüdisch zu werden, mit neuer Würde bekleidet wurde. Es soll dabei nicht geleugnet werden, daß das Bestleben, den Andersgläubigen den Anblick und Spottgegenstand der unschönen „Judenschule" zu entziehen, häufig mit ein Antrieb, und die Würde und Ordnung des christlichem Gottesdienstes vorbildlich für manche äußere Verbesserung in der Synagoge war, ohne daß es sich etwa um die Einführung eines Chucas haggoj handelte. Bei dieser Neuordnung der Dinge gillg es, wie es so oft geht: das eine Extreme zeitigte das andere. Die ungeordnete, lärmende Beteiligung der Gemeinde am Gottesdienste sollte be» seitigt werden, und man gelangte in vielen, namentlich den größeren Gemeinden dazu, die betende Versammlung vom lauten Mitbeten fast ganz oder ganz auszuschließen und dies lediglich einem Gesanglehrer zu übertragen. Das aber war weit über das Ziel hinausgeschossen; es bedeutete ein Niederreißen ohne ein logisches, folgerichtiges Ausbauen. Es verschwand, wenn der Vergleich gestattet ist, ein immerhin wohnliches, gemüthliches Gemach, und an seiner Stelle trat der Salon, in dem sich selbst der Besitzer selten ganz heimisch fühlt. Wir sprechen es unumwunden aus: die Wirkungsweise des Chors bildet heute den wundesten-Punkt im gottesdienstlichen Leben der jüdischen Großgemeinde und zwar deshalb, weil die Gemeinde zu schweigen j verurtheilt, mundtot gemacht ist und der Kunstgesang des Chores! ausschließlich vorherrscht. Das ist einmal kein LLuoao haggoj, | aber unjüdisch ist es auch, ja, man kann getrost die Sache um«.! kehren: die christliche Kirche, der man in Bezug auf die musij kalische Ausgestaltung des Gottesdienstes den guten Geschmack! sicher nicht absprechen wird, hat den guten, alten, bewährten, der! Menschenseele so sehr angepaßten ötuioar» jissrosl, die laute Beteiligung der Gemeinde am Gebete, beibehalten, ausgebaut,

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