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Die Wahrheit · 1903-05-22 · Heft 20 (22.5.1903) · page 4

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1903
Issue
Heft 20 (22.5.1903)
Date
1903-05-22
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 Die Wahrheit. Nr. 20. wie unvermeidliche Erscheinung. Woraus es aber bei einerrechten Würdigung der Frage ankommt, das ist erstens, den Uebertreibungen entgegenzutreten, in denen die von Haß ein gegebenen Berichte über die jüdische Bevölkerung Nußlands gehalten sind, und zweitens des Verständnis dasür zu erwecken, daß das Problem nur gelöst werden kann, wenn die unglücklichen Opfer dieser Behandlung einem menschenwürdigen Dasein wiedergegeben, nicht indem sie neuer Vergewaltigung ausgesetzt werden. Zn beiden Beziehungen erweist sich das Errerasche Werk überaus reich an tatsächlichen Feststellungen und au wohlerwogenen Vorschlägen. Den Uebertreibungen, in denen die Fehler der jüdischen Bevölkerung dargestellt werden, weiß der Verfasser in sehr eindrucksvoller Weise engegenzutreten. Er vermag da eine ganze Fülle von Zeugen für die Juden zu citire», vor allem des vorurteilslosen Fürsten Demidow Sau Donato „Judenfrage in Rußland", Afanassiews „Reise im südlichen Rußland", Stimmen aus der Nowoje Wrernja und dem Grashdanin, sowie den Bericht der beiden amerikanischen Regierungskommissäre Weber und Kempster über die Gründe der Auswanderung unbemittelter Personen nach den Vereinigten Staate»!, Aenßerungen von Katkow, Anneukow, Aksakow, Timiriasew, Beketolv, Meuschikow, Turgenjew und Tolstoi. Wir wollen uns indes hier lediglich au einige von den dokumentarisch belegten Aeußerungen halten. Gegenüber deni Vorwurfe, daß die Russischen Juden die Bevölkerung durch Wucher ausbeuten, stellt die ßim Jahre 1883 erschienene „Aktenmäßige Darstellung der jüdischen Zustände in Rußland" nach der offiziellen Statistik der Ssemstwos und nach den Berichten der Steuelinspektoren fest, daß in den westlichen Provinzen Rußlands die Bauern an die jüdischen Geldleiher eine» wesentlich niedrigeren Zins zahlen, als ihn der russische Kaufmann, der Kulak, in den den Juden verschlossenen Provinzen fordert. Der Verdächtigung, daß die Juden sich dem Militärdienste entziehen, werden aus den Rechenschaftsberichten der Rekru-. ticruugskommissioneu folgende -.Tatsachen gegenübergestellt Das Verhältnis der jüdischen Bevölkerung zur nichtjüdischen beträgt höchstens 5 vom Hundert; der Chef des russischen Generalstabes, Rittich, bezifferte das-Verhältnis sogar auf nur 3,82 Prozent. Das Verhältnis aber, in dem jüdische Soldaten in die russische Armee eingestellt waren, belief sich nach den offiziellen Dokumenten aus 5,2 bis 5,8 Prozent. Erweisen sich die Anklagen, die gegenüber den russischen Juden erhoben werden, in vielen Fällen als Verleumdungen, und sind die Fehler, die die russischen Juden an sich tragen, durch den Druck und die Verfolgung verschuldet, so haben sie einen um so gerechtfertigteren Anspruch auf eine Befreiung aus ihrer unerträglichen Lage. Welche Wege für eine Lösung der russischen Judenfrage bieten sich nun dar? Errara bringt die folgenden zur Sprache. Soll sie in der Vernichtung (exterruiuatiou) bestehen? Selbst den erbarmungslosesten Feinden des Judentums müsse dieser Weg absurd erscheinen. Oder die Massentaufe? Abgesehen von änderen Bedenken, würde die russische Regierung sie allen Anzeichen nach verhindern. Die Versuche, die russischen Juden nach anderen Ländern auswandein zu lassen, sind ebenfalls auf Schwierigkeiten gestoßen. Auf diese Weise bleiben nur die Emanzipation und die Vertheilung der Juden über das unermeßlich weite Rußland. Der Verfasser schließt mit einem Appell an die civilisierte Welt. Ina. res azitur, ruft er ihr immer von neuem ins Gewiffen. Das Solidaritätsgefühl des Menschen darf kein leeres Wort bleiben. Wenn das civilisierte Europa an jedem Leide, au allem Elend Antheil nimmt, wenn es die ^Lage der Notleidenden mildert, für den Kinderschutz sorgt, sich der Strafentlassenen. annimmt, wenn ein starker Trieb menschlichen Gefühls die Sklaven Amerikas ihrer jahrhundertelange Knechtschaft entrissen hat, die Diplomatie zweier Erdteile sich vereinigt, um den Kampf gegen den Negerhandel iu Afrika zu organisieren, wenn allerwärts Gesellschaften selbst für den Tierschutz gebildet werden, wie sollte man da schweigen können gegenüber dem schreienden Unrecht, das in Rußland soviel unglückliche Menschen tragen müssen, denen nur der eine Vorwurf gemacht werde kann, als Juden geboren zu sein. Wer sich dem niederdrückenden Gefühl grausamer Leiden nicht entziehen will, und wer sich an dem Mitgefühl erleuchteter Menschen zu erheben vermag, dem wird das Errerasche Buch unvergeßliche Erinnerungen hinterlaffen. Mochte es vor atlern das G.wissen derjenigen wecken, denen ihre Stellung im öffentlichen Leben es möglich machte, Rußland zu einer gerechten Lösung der Frage zu bestimmen. Aber auch der Schwächste wird im stände sein, dabei mitzuwirken, denn der ganzen civilisierten Welt würde Rußland nicht Widerstand zu leisten vermögen. General-Versammtuiig der Wiener Chewra- Kadischa. Die außerordentliche Generalversammlung der Ehewra- Kadischa, welche Sonntag den 17. Mai, 10 Uhr Vormittags unter ziemlich lebhafter Betherligung der Mitglieder im. Festsaale 'des'„Hotel Continental" unter dem Vorsitze des Vicepräsidenten phil. et jur. Dr. Markus Spitzer stattfand, gewann diesmal schon dadurch an Bedeutung, daß in derselben, in Folge einer in der letzter! Generalversammlung angeregten und mittlerweile behördlich genehmigten Statutenänderung, zum ersten Male die Wahl dreier Vorstandsmitglieder durch die General- Versammlung erfolgte, während bisher der gesammte Vorstand durch den jeweiligen Vorstand selbst gewählt, resp. cooptirt wurde. Diesem gewiß nicht bedeutungslosen Moment in der Geschichte der Wiener Chewra-Kadischa, mit welchem die Generalversammlung eine größere, direkte Einflußnahme auf die Verwaltung des Vereines gewinnt, suchte der Vorsitzende Vicepräsident Dr. Markus Spitzer durch eine schwungvolle und mit vielem Beifalle aufgenommene Ansprache Ausdruck zrr leihen, indem er die idealen Ziele einer Chewra-Kadischa im Sinne echter jüdischer Tradition mit begeisternden Worten kennzeichnete. Leider wurde der hohe Ton, auf welchen die Versammlung durch die ausgezeichneten Ausführungen des Vorsitzende'.! gestimmt war, durch eine kleinliche formelle Debatte stark herabgesetzt, die fast bedrohlich in jenes Fahrwasser lenkte, an dessen gefahrvollen Klippe» der ruhige und würdige Verlauf so vieler jüdischer Vereinsversammlnngen in den letzten Jahren in Folge zu Tage tretender persönlicher und principieller Differenzen scheiterte. Allmälig kehrte aber wieder ruhige Besonnenheit ein und sieghaft rang sich das Bewußtsein durch, daß die Chewra- Kadischa kein Kampfplatz sei für juristische Spitzfindigkeiten, wesenlose Paragraphenauslegung und ebensowenig für die Austragung politischer Meinungsverschiedenheiten, daß sie vielmehr eine Stätte sei, an der der Geist des Friedens, der Geist echter jüdischer Tradition und wahrer Humanität und Menschenliebe walten soll. J>n Nachstehenden der Bericht: Der Vorsitzende eröffnete die Versammlung mit einer Ansprache, in welcher er die Anwesenden, insbesondere das Ehrenmitglied, Herrn Rabbiner Dr. Adolf Schmiedl, und' den Präsidenten der Cultusgemeinde, Herrn kais. Rat Heinrich Klinger, wärmsteus begrüßte und letzterem für die bei jeder Gelegenheit bestätigte Förderung der Interessen der Cheivra- Kadischa herzlichsten Dank abstattete. Sodann widmete - er dem vor Kurzem dahingeschiedenen Präsidenten der Chewra-Kadischa, Herrn Moriz Karpkles, einen tiefempfundenen Nachruf, in welchem er der edlen Herzenseigenschaftcn, des echt jüdischen Empfindens und der hervorragenden Verdienste des Verblichenen um die Chewra-Kadischa rühmend.gedachte, (Die Versammlung ehrte das Andenken des Heimgegangenen Präsidenten durch Erheben von den Sitzen und wurde diese Kundgebung im Protokolle anfgenommenO ' Bei Besprechung -der wesentlichen'Neuerüngen der geänderten Statuten verwies Dr. Spitzer zunächst auf die energische

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