Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1903
- Issue
- Heft 20 (22.5.1903)
- Date
- 1903-05-22
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/3062972-3063163-3063183--02488-3069168- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Redactiou und Administration: Wien, n/i. Novaragaffe 27. ff. k. österr. Postkp^rcissa bheck-Conto Nr. 846.251' Inserate 20 Heller per Nonpareille-Zeile. AbonneinentS- und JilserationSbeträge sind in Wien zahlbar »nd klagbar. Zeitschrift für jüöische Dnteresseir. Erscheint jeden Kreitng. Bezugspreis: Ganzjährig. Halbjährig . . SU 12.— . ff. 6.— Motto: „Das Siegel Gottes ist Wahrheit!“ i Für Cultnsbeamte: J Ganzjährig.... ff. 10.—! Für Ausland:; Äanzjälirig . . .8 Mark.; 6 Rubel o^er 16 FcS «r. 20. ien, 22. Mai 1903. Anhalt r Hilferuf für Kischinew. — Ausrottung oder bürgerliche Gleichstellung? — Generalversammlung der Wiener Chewra Kadischa. — lieber den modernen Synagogengesang. — Jüdischer Gesangverein .Schir Zion". — Gemeinde- und Vereinsbote. — Verschiedene Nachrichten, — Kundmachung. — Salomon Rossi und Salomon Sulzer. Wir ersuchen um gefällige Einsendung 'der restlichen Aöonnementsöeträge. Kteichzeilig Sitten mir unsere geehrten Kerren Köonnenten, uns ihre Adressen in Sommerstischen und Kurorten rechtzeitig bekannt zu geben, damit die Zusendung des Multes keine Unterbrechung erleide. Die Administration. Hilferuf für Kischinew. Seit der Veröffentlichung unseres ersten Aufrufes sind erschütternde Notrufe aus der durch die uuerhörten Greueltaten fast gänzlich ruinierten, über 40.000 Seelen zählenden jüdischen Gemeinde in Kischinew zu uns gedrungen. — Nach den uns zugegangenen zuverlässigen Nachrichten haben die planmäßig, infolge einer systematischen, judenfeiudlichen Verhetzung des Pöbels am Osterfeste unter den Augen der Behörde ausgeführten Morde und Plünderungen eine so schauerliche Verwüstung angestiftet, daß es einer Hilfsaction in großem Maßstabe bedarf, um den Jammer der unschuldigen Opfer des Glaubens- und Rassenhasses auch nur einigermaßen zu lindern. Außer den vielen Hunderten von Frauen und Kindern, deren Ernährer in bestialischer Weise niedergemetzelt oder zu Krüppeln gemacht worden. find, sind Tausende von Gewerbetreibenden und Geschäftsleuten durch gänzliche Zertrümmerung ihrer Wohnungen, Raub oder Zerstörung ihrer Habseligkeiten und Werkzeuge, für lange Zeit mit ihren gesammten Familien dem furchtbarsten Elende preisgegeben; h un g e r n d und obdachlos r u f e n s i e das Mitleid der gesammten, gesitteten Menschheit au. Die israelitische Allianz zu Wien hat bereits circa K. 30.000 dem Hilfs-Comite in St. Petersburg übersendet, dieser Beitrag ist jedoch nur ein Tropfen im Meere und steht einstweilen weit hinter den Hilfeleistungen zurück, welche bereits in anderen europäischen Hauptstädten zu Gunsten der Unglücklichen aufgewiesen werden. Jede Gabe ist zugleich auch einjAusdruck der Entrüstung über die barbarische Hetze, die diesen Jammer geschaffen. Wir richten an alle edlen Menschen, nsbesondere aber an unsere Glaubensgenoffen die dringendste! Bitte, durch eine möglichst ausgiebige Beteili! g u n g a n unserer Sammlung den Hinterbliebenen j der Märtyrer ihr Mitgefühl zu bezeugen und zur Linderung! der Not unzähliger Familien beizutragen. Gütige Spenden I sind an unser Präsidium Wien, 1., Weihburggaffe 10, zu! adressieren. Zer Worstand der Israelitischen Allianz zn Men. Äusrotlimg oder bürgerliche Gleichjieümlg? > Während die schaurige Kunde von den Schreckenstageu! in Kischinew an unser Ohr dringt und das Mitgefühl für! unsere armen und verfolgten Glmbeusbrüder nicht nur in der Jndeuheit sondern in der gesammten civitisirten und vom Antisemitismus noch nicht verhierten Menschheit in verschiedenen Formen zum Ausdruck gelangt, begegnen wir auf dem Büchermärkte einer leider sehr zeitgemäßen litterarischen Illustration der rnssischen Verhältniße in einer neuen Auflage des von Professor E r r e r a in Brüssel verfaßten Werkes : „Les Jiiifs Busses, Extermination ou Emancipation“. „'£) i e r u s s is ch e n J n d e n. Ausrottung oder bürgerliche Gleichberechtigung (Brüssel!, Librairie Falk Fils.) Vor etlva zehn Jahren erfolgte die erste Veröffentlichung des Werkes, auf das die Ansmersamkeit schon durch ein Vorwort Mommsens hingelenkt wurde, der damals die von. Errera geschilderte Lage der Juden als den dunkelsten Schanosteck des Jahrhunderts bezeichnte. Seitdem sind zehn Jahre verflossen, ist die Welt in ein neues Jthrhundert eingetreten; die Lage der russischen Juden aber hat sich nicht nur nicht gebessert, sondern wir sind vielmehr eben Zeugen, daß an ihnen Verbrechen verübt werden, wie sie grausamer kaum die schlimmsten Zeiten des Mittelalters gekannt haben. Um so lebhafterem Interesse wird in diesem Augenblick das Buch Erreras begegnen, das in seiner ersten Ansiage schon das Hervorbrechen neuer Gewaltütigkeiten in Rußland in sichere Aussicht gestellt hatte, wenn nicht zu einer den Forderungen der Menschlichkeit und Gerechtigkeit entsprechenden Lösung der russischen Judenfrage geschritten würde. Daß eine Bevölkerung, die seit langer Zeit so schwerem Druck, der gehässigsten und grausamsten Verfolgung ausgesetzt ist, mancherlei häßliche Spuren verrät, die von diesem Druck und dieser Verfolgung herrühren, ist eine ebenso beklagenswerte