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Die Wahrheit · 1903-05-15 · Heft 19 (15.5.1903) · page 4

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1903
Issue
Heft 19 (15.5.1903)
Date
1903-05-15
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 Die Wahrheit. Nr. 19. zweifelte Hilferufe laut, aber die Plünderer drangen unbehindert in den Laden und begannen mit ihrem Zerstörungswerk. Ein Theil der Sachen flog auf's Straßenpflaster, ein Theil wurde zerstört, darunter die ganze Ladeneinrichtung, und die werthvolleren Gegenstände schleppten sie mit sich. Dann zogen sie weiter. Um 4 Uhr trat ich nochmals auf die Straße und sab ein vollkommenes Bild der Vernichtung. Alle Läden und Häuser der Juden waren bis auf den ‘srmib zerstört. Cs war nichl eine lebende Seele zu sehen. Ans der Ferne drang Pfeifen und Johlen herüber. Ich eilte dorthin und sah dasselbe Schauspiel wie am Morgen. Die Plünderer hatten fleißig gearbeitet. Am folgenden Tage wanderte ich durch die Straßen, die den Schauplatz der Greuelszenen gebildet hatten. Ans der Nikolajewei straße erblickte ich zwei Leichen, mit schwarzen Tüchern bedeckt. Es waren zwei erschlagene Juden, Vater und Sohn. Ein ähnlicher Anblick bot sich mehrfach. 1000 jüdi'che Familien sind total; ruiniert. Ich kann nicht über eine kleine Szene hinweggehen, deren Zeuge ich war. Man hatte die Fenster des Hauses eines! jüdischen Lehrers eiugeschlagen. Der Lehrer bat, ihn zu schonen.^ Der Unglückliche hielt seinen Angreifern entgegen, daß er dem; Kaiser und der Gesellschaft diene, und zeigte ihnen etije Medaille, j die er für besonderen Diensteifer erhalten hatte. Sie wurde i ihm weggerisfen und Geld für ihre Rückgabe verlangt. Auf die Frage, wie viel man verlangte, wurde ihm erwidert: Drei Rubel! Als der Lehrer seinen Geldbeutel zog, wurde ih>n auch dieser entrissen. Da man ihn dann persönlich bedrohte, ergriff er die Flucht. Die Baude drang in das Haus, zerstörte das Mobilar und warf die Trümmer auf die Straße. Einen sonderbaren Anblick boten die Straßen, die mit den Federn der zerrissenen Betten bedeckt waren. Viele jüdische Einwohner stellten Heiligenbilder au die Fenster, um den Anschein zu erwecken, daß ihre Häuser christliche seien und die fanatisirte Horde abzulenken. Ein anderer Bericht besagt: Man begnügte sich nicht mit der Plünderung, mit der Zerstörung lebloser Gegenstände. Gegen Abend begannen die hatbbetrunkenen Räuber, in kleinen Gruppen wieder die jüdischen Häuser zu stürmen; vor allem verlangte man die Herausgabe von Geld und Kostbarkeiten; nachdem man bekam, wys zu bekommen war, ermordete man die erwachsenen Judenmänner durch wuchlige Schläge mit schweren Gegenständen auf den Kopf; daraufhin wurden die im Hause 'anwesenden Frauen, und Mädchen von allen Räubern der Reihe nach vergewaltigt; leisteten die Frauen irgendwelchen Wiederstand, so wurden sie in der brutalsten Weise niedergemetzelt. Die kleinen Kinder wurderr ihren Müttern entrissen, in die höheren Stöcke des Hauses geschleppt und aus den Fenstern in die Straßen geschlendert. Der europäische Leser wird vielleicht diese Thatsachen übertrieben finden? So können wir ihm zur Beruhigung miiteilen, daß die russische Presse selber alle diese Thatsachen zugestehl. Die Perersburgskija Wiedomosti" vom 15/23. April d. I. schreiben Seite 2, Kolonne 2 und Z folgendes: „Hat er {ein bekannter Antisemit namens Welitchko) nie daran gedacht, daß die systematische Judenhetze, mit der .sich so gern ein Teil unserer Presse belustigt, die Rassenantipathien anzündel und zu so furchtbaren Erscheinungen wie die Judenkrawalle in Klschinew führt? Möge er sich etwas realistischer die aus der Höhe des zweiten und dritten Stockes auf das Straßenpflaster hinausgeschleuderteu Kinder, das Krachen der jüdischen Schädel, die mit Möbelstücken zerschlagen wurden, das fließende Blut und die ausrinnenden Gehirne, die auf die hinausgeschleuderten und zertrümmerten Waren stoßen, vorstellen!" Wir zitiererr aus keiner Judenzeitung, sondern arrs der Zeitung des Fürsten Uchtomsky, des Freundes Nikolaus II. Nein, wir übertreiben nicht! Mit einer besonderen Wucht stürmten die Räuber gegen die Synagogen. Zuerst wurden die Syuagogenwärter ermordet, dann wurden die heiligen Rollen aus der Lade geholt, mit Füßen getreten, zerfetzt und mit jüdischem Blute begossen. Einige Räubergruppen zeichneten sich besonders durch ihre Wut aus. Sie hieben den Juden die Köpfe ab, tauchten dann Handtücher in das strömende Blut, und die auf diese Weise rotgetünchten Fetzen wurden als Fahnen verwendet; andere wieder tanzten auf den Leichen, nachdem sie sich niit dem gestohlenen Wein betrunken gemacht hatten; noch andere schlitzten den Inden die Bäucher ans, »ahmen die Eingeweide heraus und ersetzten dieselben durch FeÄrn .aus den geraubten Kissen. Am Montag früh begaben sich einige Juden zum Gouverneur, um ihn um Schutz anznflehen, Dieser antwortete ganz kaltblütig, er könne nichts thun, weil er noch keine Befehle von Petersburg erhalten habe. Durch diese fast unglaubliche, aber authentische Antwort ermuntert, setzte der: Pöbel seine Schaudthaten fort. In einer Straße wollte ein Christ, ein wahrer Christ, ein Herr Rasarow, einen alten Inden ans den Griffen der vertierten Räuber herausziehen. DaOekam er, einen wuchtigen Hieb auf den Kopf und wäre totgeschlagen worden, wenn er nicht ansgernfen hätte: „Ich. bin ein Wrist!^ .Auf diese Weise wurden auch tatsächlich vom christlichen Pöbel zwei Christen ermordet. Derselbe Herr Rasarow-bestätigte , in einem Schreiben an die Petersburger ^Nowoftie" vom 15-/28. April folgende Tatsachen: „Die Räuber wären nicht »lehr als 200 Personen, die sich in kleine Gruppen von 8—10 Personen verteilten, die dann ruhig plünderten, mordeten, die Frauen entehrten und zwar öffentlich, vorana xublioo." .So dauerte es bis *6 Ühr Nachmittags. Denn unmittelbar vorher bekam der Gouverneur strenge. Anweisungen voll der Centralregierunz, und man ließ der Bevölkerung kundgeben, daß jetzt die Unruhen mit. Gewalt unterdrückt werden sollten. Mit einein Schlage, wie durch ein Wunder, wurde es still. Das Ergebniß der Unthaten ist folgendes: Fünfzig Todte (mit den bis heule am de» schweren Verwundungen verstorbenen), 58 Schwerverwundete, von. denen mehr als die Hälfte unrettbar verloren ist, mehrals 200 Verwundete, die eine , lebenslängliche Entstellung bewahren werden, mehrere Dutzende Wittwett, mehr als hundert Waisen, lausende voll Familien obdach- und mittellos, aller, Existenzmittel beraubt. Der materielle Schaden übersteigt die Summe von 8 Millionen Mark. Nun kommt die Frage: wie sind solche Missethaten, die nicht einmal von chinesischen Boxern jemals begangen wurden, in einem sozusagen zivilisirten Staat möglich gewesen? Wer trägt daran die Schuld? Daß die Judenverfolgung in Kischinew überhaupt möglich war, ist durch die allgemeine Lage der Juden in Rußland, durch ihre Recht- und Schutzlosigkeit zu erklären. Die christliche Bevölkerung glaubt sich alles gegenüber dem Juden erlauben zu dürfen. Also die indirekte Schuld an dem Kischinewer Massacre tlägt wohl die Centralregieruug, das ganze russische System, das die Rechtlosigkeit der Juden zum Staatsprinzip erhoben hat. Daß aber die Kischinewer Unruhen solche sogar für Rußland zu grelle Formen angenommen haben, ist nur durch die absolute Indifferenz der lokalen Regierungsorgaue zu erklären. Man muß folgende Thatsachen nicht vergessen: die Zahl der lhätigeu Elemente der Ränberbanse überstieg «licht 800; dagegen giebt es in Kischinew fast so viel Polizisten, eine ganze Masse Geheimagenten und mehrere tausende Mann 'Soldaten. Nicht ein einziges Mal erschienen die Vertreter der Behörden, um die wilden Gesellen zu beruhigen; kein einziger Versuch wurde gemacht, die Juden zu beschützen. Ja, wir müffeu noch eine Thal der Polizei erwähnen: sie befahl den Jaden in den noch nicht heimgesnchten Straßen ruhig zu Hanse , zu bleiben, d. h., sie verhinderte die jüdische Bevölkerung, sich zusammenzuthnn, um irgend welche Vertheidigungsmaßregeln zu treffen. Daß man andererseits die Barbaren leicht bezähmen konnte, erhellt aus der Tatsache, daß es gar feiltet* Gewalt bedurfte, um die Ruhe wiederherzustellen. Tatsächlich wurde geplündert und gemordet in Gegenwart der ichmnnzelden Polizei und Armee. Noch ein Wort über das Verhalten der Regierung nach den Krawallen. Sie verhaftet massenhaft die Ruhestörer — ihr ist eben die loße Tatsache der Ruhestörung wichtig —- dagegen ist sie den unglücklichen Opfern der Krawalle in keiner Weise zu Hilfe gekommen. Den im vorigen Jahre von den Bauern ausgeplünderten Gutsbesitzern bezahlte sie mehrfach den angerichteten Schaden, die beraubten Juden dagegen über-

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