Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1903
- Issue
- Heft 19 (15.5.1903)
- Date
- 1903-05-15
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Redaction und Administration: Wien, II/,. Novaragasse 27. St. k. österr. Postiv^rcassa Eheck-Conto...Air. 846.2Z1' Inserate 20 Heller per Nonpareille-Zeile. Abonnements» nnd JnserationSbeträge sind in Wien zahlbar . .nnd klagbar. MkhängtKe Aeitfchnfi für Mische Miere^en. Erscheint jeden syreitng. Motto: „Vas Siegel Qottes ist Wahrheit!“• j Berugspreis: j Ganzjährig . . , L 12.— ) Halbjährig . ... St. 8.— Für Cultusbeamte: Ganzjährig. ." . . K. 10.— Für Allsland: | Ganzjährig . . .8 Mark. 6 Rubel oder 16 Fcs Mr. 19: ■ _ Wien, 15. Jini __ 1903. Anhalt r Die Schreckenstage in Kischinew.—Ans der Wiener Cultnsgemeinde. — Israelitisches Krankenheiin der Chewra Kadischa der; Jsrae» litischen Synagogen Gemeinde Adas; Jisroel in Berlin. — Verschiedene Nachrichten — Zar Berufsorganisation. — Salomon Rossi und Salomon Snlzer. Die Schreckenstage in Kischinew. Verhülle dein Angesicht, Israel, streue Asche auf dein Haupt und weiue, weine bittere Zähren übe!: das Unglück und die schrecklichen Greueltaten, die au deinen Brüdern und Schwestern in Kischinew verübt worden sind. All die Schauer¬ und Schreckenstaten, die sich vor 2000 Jahren am 9. Ab zutrugen, all die Grausamkeiten aus den Tagen der Kreuzzüge wiederholten sich auf dem Schauplatze von Kischinew im vollsten Umfange. Unsere Brüder wurden ohne Grund und Ursache, blos aus fanatischem, von einer niederträchtigeü Preßmeute gezüchtetem Hasse hingeschlachtet und gemordet, unsere Sckweftern fielen den ärgsten Schändungen anheim, Gotteshäuser wurden zerstört, das Allerheiligste entweihet und beschmutzt. Und all di s vollzog sich bei helllichtem Tage unter den Augen der Behörden, die dazu berufen sind, den Schutz der Person und des Eigentums allen Staatsbürgern, auch den jüdischen, zu sichern. Durch drei Tage wütete die Volksbestie, und keine Hand rührte sich zum Schutze, kein Wort der Abwehr ist von maßgebender Seite laut geworden. Erst als die Wüteriche sich mit Menschenblut und Schande vollgesogen hatten, kam das Militär, und auch die bisher blinden und tauben Organe der öffentlichen Sicherheit erschienen auf dem Platze, um die Ruhe und Ordnung wieder herzustellen. Ueber die furchtbaren Blntthaten, liegen nunmehr ausführliche Schilderungen vor, aus denen wir einiges über die schrecklichen Vorgänge bringen: Am Mittwoch, den 22. April wurde in Anwesenheit der Untersuchungsrichter der ersten nnd dritten Abtheilung der Stadt Kischinew die Besichtigung der Leichen vorgenommen, es waren 37 an der Zahl, die theils auf dem jüdischen Kirchhofe, theils im jüd. Krankenhanse lagen. Die Todesursache war leicht festzustellen, da alle Wunden mittels schwerer Gegenstände, wie Möbelstücke, Holzknüttel und dgl. bei gebracht waren. Eine gerichtliche Sektion erübrigte sich bei der klaren Sachlage. Außer den Toten barg das jüdische Krankenhaus noch 62 Schwerverletzte, die meist Wunden am Kopse anfwiesen. Die Ber-! wundeten waren schrecklich zugerichtet. Der Zustand der meisten ist hoffnungslos. Das jüdische Krankenhaus hat das Aussehen eines Verbandplatzes nach einer Schlacht. Nicht nur die Krankensäle sind mit Verwundeten belegt, sondern auch die Empfangs- und Speiseränme mußten hinzngenoiinnen werden. Unbeschreiblich ist der Jammer der Angehörigen, die einen Toten zu beklagen haben, oder die verzweifelt das Schmerzenslager eines Verwundeten umgeben. Scharen von Leidtragenden bewegen sich vom Krankenhause nach dem Friedhose, um den Erschlagenen das letzte Geleite zu geben. Der Pöbel war mit einer solchen Rohheit vorgegangen, daß einzelne Leichen bis zur Unkenntlichkeit entstellt waren. Eine Leiche konnte nicht agnosziert werden. Mit welch' blinder Wnht der Janhagel vorging, geht daraus hervor, daß sich im Landeskrankenhaus zwei bei den Unruhen erschlagene Christen befinden. Infolge Aufforderung des Polizeimeisters bringen die Einwohner die bei den Ausschreitungen auf die Straße geworfenen Habseligkeiten zur Wache. Die Diebe suchen sich ans Furcht vor Entdeckung bei Nacht der gestohlenen" Sachen zu entäußern, oder schieben sie anderen Einwohnern unter. Die Ausräumungs- und Wiederherstellungsarbiiten sind im Gange. Die Kontrole über °Za;ug nnd Abwanderung ist verschärft. Das Tragen von Waffen jeglicher Art ist verboten. Ansammlungen auf den Straßen dürfen nicht statisinden Ein ungewöhnliches Bild entrollt sich auch an den Bahnhöfen, die von geängsteten Inden überfüllt sind, welche sich nach Odessa und anderen ihnen sicherer erscheinenden Orten flüchten. Schrecken nnd Aufregung spiegelt sich ans den Gesichtern der Flüchiling ab, die ihre Häuser, Wohnungen und ihr Hab nnd Gut im Stich gelassen haben, um vor ähnlichen Grenelthacen, wie sie in Kischinew vom 19. bis 21. April verübt worden sind, bewahrt zu bleiben. Die Ursachen der Plünderungen und Bei gewaltigungen an Leben und Eigenthum der jüdischen Einwohner Kischinews sind ähnlich, wie im Jahre 1832 in Kiew, auf religiösen Fanatismus zurückzuführen, der wie damals auch fitzt am Osterfest zum Ausbruch kam und, von gewissenlossen Rädelsführern geschürt, bis zur blinden Wut sich steigerte. Meist waren es Trupps von 20 bis 30 halbwüchsigen Burschen, die im Gemeinschaft mit der ärgsten Bnmmelsorte, den »Barfüßlern," die Schreckensthaten begingen. Ein Augenzeuge berichtet über seine Erlebnisse: Am Montag, den 20. d. M. führte mich mein Weg über die Michailowerstraße, als ein Trupp lärmender und johlender halbwüchsiger Burschen unter Anführung, einiger älterer Anführer vorüberzog. Sie machten sich an das GeschästSlokal eines jüdischen Kolonialwarenhändlers heran und fingen an, die Thüren einzuschlagen. Aus dem Hause wurden ver-