Mannheim
Compact Memory

Die Wahrheit · 1903-05-08 · Heft 18 (8.5.1903) · page 4

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1903
Issue
Heft 18 (8.5.1903)
Date
1903-05-08
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3062972-3063163-3063181--02467-3069145
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite 4. Die Wahrheit . Vir. 18. aurufen, die die Juden wieder ins Cheder stecken und eine clericale Partei mit finsteren, rückschrittlichen Ideen heranbilden wollen. SieWerden gewiß auch' noch andere Momente ins Treffen führen, was aber bei dem wenig denkenden Publikum am meisten wirkt, das ist der Allarmruf: „Ueberladung mit unbrauchbarem, abgelebtem Zeugs" und der Vorwurf der Selbsteinschließung in das Ghetto. Für jenen Teil unseres Volkes/ welcher mit km Judentum nur noch so lose zusammenhängt, wie etwa alte Fransen am Saume eines Kleides flattern, haben alle Unsere Bestrebungen keinen Wert, derlei Zotten und Anhängsel stoßen sich ab, ehe man sich deffen versieht. Diese Juden, welche unter der Fahne „Los auf Rom!"' die Ersatzreserve gegen die alldeutsche »Los von Rom-Bewegung" bilden, mögen ihre Nachkommenschaft erziehen, wie es ihr Spccialzeitgeist erheischt Ihnen steht die christliche Erziehungsmethode obenan und die vorhandenen Schulen werden selbstverständlich ihren Kindern die Aufnahme nicht verweigern können. Allein die Rechnung, die gemacht wird, hat einen Fehler. Das Judentum geht nicht ohne weiteres in dem Rechenexempel der Assimilation ohne Bruch auf. Und auf diesen Bruch weist u»s uns der Prophet hin mit den Worten: n'Wi Der Rest Israel begeht kein Unrecht. Dieser Rest von huuderttausendcn recht wackeren Juden, will jenes Blindekuhspiel mit dem Heiligsten, mit dem Volksunterricht, nicht mitmachen. Dieser Rest will seine Nachkommen erzogen wiffen in jüdischen Schulen, in denen den Kindern Gelegenheit geboten wird, die Sprache ihres Volkes uud seine Litteratur sich anzueignen. Die Jugend soll auch praktisch in den liturgischen Handlungen eiugeübt werden uud den Gottesdienst unter Aufsicht der Eltern oder der Lehrer in Andacht uud Wolerzogenheit mitmachen können. Unsere erwachsene Jugend hingegen soll Zeit und Gelegenheit finden, das Hebräische selbsttätig zu verwerten und dieses Studium mit anderen Wiffensgebieten und Sprachen zu vergleichen Die jüdische Geschichte hätte Stoff genug zur Veredlung des Gemütes und zur Stählung der Charaktere, auf daß die schwachen Kinder Israels zu geistesstarkeu Männern heranrcifen. Besitzen wir doch in unserem eigenen Schrifttume an männlichen und weiblichen Heldengestalten mehr als jedes antike Volk, und was verlieren denn so z. B. unsere Kinder, wenn sie in den Mittelschulen das Lob unserer Henker und der Mordbrenner des Mittelalters aus arischem Stamme nicht vernehmen werden, sondern geschichtliche Wahrheiten über die Kreuz- und Querzügler. Der Vorwurf des Zeitverlustes mit der Pflege der hebräischen Sprache und des jüdischen Schrifttums erscheint mir schon vom rein ethischen Standpunkte aus als ungeheuerlich, und ich finde kein Analogon dafür in der zeilgenöffischen Geschichte, denn es ist mir kein Volk bekannt, ba* nicht auf die Pflege seiner Sprache, seiner Litteratur und seiner nationalen Geschichte großen Wert legen und hiefür eiueu große» Teil der der Jugenderziehung gewidmeten Zeit verwenden würde. Ist es je einer Schulbehörde eingefallen, die Lehrzeit für diese Gegeustände auf ein Minimum zu reduziren? Nur Israel muß die einzige Nation sein, welche selbstmörderisch die Axt au seine Wurzel anlegt und sich aus dem Buche der Lebenden streicht. Welcher Gegensatz zu dem einstigen Israel, dem echten, dem Märtyrer-Israel, das alles für seine geistigen Schätze opferte! Es gibt noch einen Vorwurf, den man uns in Sachen der jüdischen Schule macht. Die Separation der Kinder, so heißt es allgemein, bewirkt dann eine Trennung der Bürger. Ich kenne auch das, weiß aber ganz gut, daß bei den meisten nichtjüdischen Schülern der Judenhaß unausrottbar ist, und weiß ferner, was noch trauriger ist, daß der Haß mit der Zahl der jüdischen Schüler und Schülerinnen zunimmt — ohne daß jemals jemand den ernsten Willen zeigte, diesen orn nwp aus den Herzen der Kinder zu reißen. Deshalb nützen alle Annäherungsversuche in der Jugend kaum etwas, und Israel hat es nicht nötig, seine Kinder unter der Hand Esau's jahrzehntelang peinigen und sich in Verfolgung der Erziehung, welche nur jüdische Pädagogen mit Erfolg durchführen können, stören zu lassen. Nur gute jüdische Volks- und Mittelschulen können dem Judeutume und der bürgerlichen Gesellschaft zum Nutzen gereichen. Wir Juden brauchen dabei gar nicht zu befürchten, daß unsere Kinder durch diesen Mehraufwand an geistiger Arbeit geschwächt würden. Die vielhundertjährige Erziehnngsgeschichte unseres Volkes lehrt uns geradezu, daß die jüdischen Kinder schärfer an Geist, leistungsfähiger aus der Talmudschule hervorgingen, als die Studien- und Altersgenossen aller arischen Lehranstalten. Unsere weltbewunderten Talente haben gerade in jenen Dunkelkammern, in denen talmudisch-philosophisches Wiffen getrieben wurde, ihre Jugendzeit verlebt, und obschon sie sich nicht an dem Fette des Borstenviehes noch an dessen Schenkeln satt gegessen haben, ein hohes Alter erreicht. Unsere heilige Lehre, welche fast wie unbeabsichtigt das jüdische Leben hygienisch gestaltet, sichertHreu Befolgen! ein langes, gesundes Dasein, und die Worte naisn by 'v'i v2'v' pisb „Auf daß Deine Tage, wie die Tage Deiner Kinder sich mehren auf der Erde" sind kein leerer Wahn. Das echtjüdische Israel hat diese Verheißung seit Jahrtausenden bestätigt. Aus den vorangegangenen Ausführungen wird man gewiß entnahmen, daß wir unsere Forderung nach jüdischen Schulen keineswegs ans Christenhaß, noch weniger aber aus Zelotismus aufstellen, sondern geschichtliche Erkenntnis gepaart mit den Ergebnissen der modernen Erziehungsmethoden habeu uns. hiezu geleitet. Die Schule, die ich meine, muß unseren jüdischen Volkselementen mehr geistigen Schwung verschaffen. Dem Arier wird das Fortkommen seitens des Staates und der Gesellschaft viel leichter gemacht, als den Juden, uud darum muß der letztere mit doppelter Bewaffnung in den Kampf ums Dasein ziehen. In der rechten Hand das Schwert des jüdischen Geistes, in der linken das Schwert der profanen Wissenschaften, das er aber auch nicht linkisch führen darf. Nur eine solche jüdische Generation kann und wird siegen über Raum und Zeit, und nur in jüdischen Schulen können unserem Volke wiederum jene Größen herangebildet werden, die in der Assimilationsära ganz verschwunden sind. Wer die Schule besitzt, dem gehört die Zukunft des Volkes. _ Dr. R. B. Die Gruppe der israelitischen Religion im Ocjterreichischen Schulmuseum. Wie die Grundmauern eines Gebäudes erscheint uns das Gesammtbild dieser Gruppe, wo sich auf die alte, testamentarische Zeit die neue aufbaut und zusammen ein recht interessantes Ganzes bildet. Wird, wie geplant, diese Gruppe mit der Disciplin-Geschichte vereint, und erhält sie zu ihrer größeren Entfaltung einen größeren Raum, dann wird dieses Bild erst ganz zur Entwicklung und zum rechten Ausdrucke gelangen. Ob es der „Gesellschaft zur Gründung und Erhaltung eines Oesterreichischen Schulmuseums" gelingen wird, die disparale österreichische Lehrerschaft zur gemeinsamen Thätigkeit hier zu vereinigen, wollen wir, im Interesse und der Würde der Lehrerschaft selber, hoffen. Mit dem Wahlspruche unseres Monarchen: »Viribus uoitia" muß unser Volksschulwesen nicht und auf seiner Höhe erhalten, sondern immer mehr idealisirt nur ausgestaltet werden. Es ist gar nicht lange her, wo die geeinigte deutsche und slavische Lehrerschaft den Ansturm auf die.Neuschule abwehrte, und wer weiß, wie bald wieder ein festes Zusammenhalten nothwendig werden wird. Wenn man für materielle Interessen vereint kämpst und Erfolge erzielt, wie dies bei der Gehaltsregulirung in Böhmen geschah, so werden die gemeinsamen Bestrebungen aus geistigem Gebiete gewiß die schönsten Früchte tragen. Die Rücksicht auf den Raum dieses Blattes und die Hoffnung aus eine baldige Vermehrung der ausgestellten Objecte

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.