Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1903
- Issue
- Heft 18 (8.5.1903)
- Date
- 1903-05-08
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/3062972-3063163-3063181--02466-3069144- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Redactloit unb Administration: i ffiten, II/|. Novaragaffe 27.! _ ft. k. ösierr. Postsvarcasia Check-Coitto Nr. 846.251' Inserate 20 Heller per Nonpareiirr-Zeile. Abonnements- und Juserationsbetrage sind in Wien zahlbar i und klagbar. i ^abhängige Heitschrift für jüöifche Intere^eir. Erscheint jeden Freitng. itlotlo: „Das 8i«Asl Oottss ist ^»KrKsit!“ | Berugspreis: | Ganzjährig. . . ft. 12.— i Halbjährig .... ft. 6.— Für Cultusbeamte: j Ganzjährig.... ft. 10.—! Für Ausland: Ganzjährig . . .8 Mark. 6 Rubel oder 16 Fc» Ar. 18. Wien, 8. Jini 1903. Inhalt r „Israelitische Allianz zu Wien." — Wie erzieht der Jude sein Kind zum Judenthuin? — Die Gruppe d r israelitischen Religion im Oesterreichischen Schulmuseum. — Aus der Wiener Cltltusgemeinde. — Kaiser Franz Josef Regierungs-Jubiläums-Hospizj für arme Israeliten in Karlsbad. — Aus der Vudapester Cultusgenieinde. — Gemeinde- und Vereinsbote. — Aus dem „Österreichisch-ungarischen Cantoren-Verein". — Verschiedene Nachrichten. Israelitische ÄUinnz zn Men. Aufruf. Ein furchtbares Massacre hat während der verflossenen Ostertage in Beßarabien gegen die jüdische Bevölkerung gewütet. In Kischineff allein sind 40 Personen unter entsetzlichen Martern getötet, Hunderte von Menschen verwundet und unzählige Familien durch Raub und Plünderung an den Bettelstab gebracht worden. Der materielle Schaden beträgt mehrere Millionen Rubel. Es ergeht der Ruf an alle Menschenfreunde, sich an der Hilfe für die armen Hinterbliebenen der Ermordeten und für die zahlreichen unschuldig ruinirten Familien zu beteiligen. Die israelitische Man; zu Wien, welche für das Hilfswerk beiträgt, nimmt gütige Spenden mit herzlichem Danke entgegen. Acr Vorstand der Israel. Allianz zn Wien I., Weihburggaffe Nr. 10. Mitten in den Bericht hinein, den der Vorstand der Israelitischen Allianz zu Wien in der am 30. April d. I. abgehaltenen 30. ordentlichen Generalversammlung über seine zu Gunsten verfolgter und bedrängter Glaubensbrüder durchgeführten Hilfsäctionen erstattete, klang wieder einmal ans dem Osten eine schauerliche Kunde über Raub, Mord und Plünderung, denen unzählige jüdische Familien in Rußland zum Opfer fielen. Wem diese Thatsache allein, welche zu vorstehendem Aufrufe Anlaß bot, das Herz nicht erbeben macht, wen die bejammernswerthen Gestalten der rumänischen Emigranten nicht bis ins innerste Mark erschüttern und zu eifrigerer Mitwirkung an dem Hilfswerke bewegen, der lese die statistische Uebersicht, welche die „Israelitische Allianz zu Wien" in dem letzten Berichte über ihre dreißigjährige Wirksamkeit veröffentlicht. Bedrückung in Rumänien, Massacre in Vaslui, Darobani und Kasaulik, Verfolgungen in Rußland und Emigration, Plünderungen in Prag, Canea auf Creta, Corfu, Plünderungen in Galizien, Katastrophe in Boryslaw, Epceffe in Mähren, rumänische Emigration u. s. w Es ist eine vom Jahre 1873 bis zum heutigen Tage sich fortsetzende, ununterbrochene Leidensgeschichte des jüdischen Volkes, welche mit ihren trockenen Ziffern eine überaus beredte Sprache spricht. Aber alle die traurigen Erscheinungen, die innerhalb der letzten drei Jahrzehnte vor unseren Augen vorüberzogcn und Tag für Tag die dringende Notwendigkeit und das segensreich- Wirken der „Israelitischen Allianz zn Wien" mit aller Deutliche keit bewiesen, vermochten nicht, in den weiteren Kreisen unseres vaterländischen Judenthums jene Mitwirkung am Hilfswerke zu erzielen, welche zu dessen vollem Gelingen notwendig wäre. Es wird so oft von jüdischer Solidarität, von jüdischem Mitgefühl gesprochen und geschrieben, aber hier, wo die Bethätigung dieser schönen, unserem Volke nicht mit Unrecht nachgernhmten Tugenden so ganz am Platze wäre, belehren uns die Ziffern des Berichtes eines Anderen. 3000 Mitglieder zählt die Allianz mit Jahresbeiträgen von 25.000 Kronen. Wie! gering ist die Mitgliederzahl im Verhältnis zur Bevolkerungs-! zahl der österreichischen Juden, und wie verschwindend klein der; Eingang an Jahresbeiträgen, wo so viel Not und Elend zu! lindern ist! Jeder österreichische Jude sollte es darum als heilige! Pflicht erachten, diesem Vereine zumindest mit einem Jahres-! beitrage von 6 Kronen beizntreten, und auch von den jüdischen! Frauen erwarten wir, daß sie durch Sammlungen und Spenden! ihr Mitgefühl für unterdrückte Glaubensbrüder und Glaubensj schwestern eifriger als bisher bekunden werden, j So sehr wir aber dem'philantropischen Wirken der „Jsrae-! liüschen Allianz zu Wien" Anerkennung zollen, können wir uns! dennoch nicht verhehlen, daß die Propaganda zur Werbung j neuer Mitglieder zn wenig eifrig betrieben wird. Will man die großen Massen für eine noch so erhabene Idee erwärmen,! dann genügt nicht die Aussendung von Circularen, sondern es > muß mit dem lebendigen, gesprochenen Worte nachgeholfen! werden. Durch eine derartige, stetig betriebene Organisationsj thätigkeit würde es gewiß gelingen, neue Filialen und Qrts-! gruppen zn eröffnen und zahlreiche Mitglieder und Beiträge zu gewinnen. Wie erzieht der Jude sein Kind znm Jndenthum? ui. Jene Pflanzstätten, auf denen wieder einmal jüdische Saat aufgeheu und weltverdauliche Früchte reifen sollen, die jüdischen Volks- und die Mittelschulen, dürften in keinem christlichen Lager so hartnäckigem Widerstand begegnen, wie bei einem Teile unserer Volksgenossen. Jene noch immer mächtige und tatkräftige Partei, die da mit saurem Schweiße und mit großem Nntzeffect auf Abtragung aller jüdischen Zäune arbeitet, wird sofort den Zeitgeist gegen die Finsterlinge