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Die Wahrheit · 1903-05-01 · Heft 17 (1.5.1903) · page 6

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1903
Issue
Heft 17 (1.5.1903)
Date
1903-05-01
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Br. 17 r Die Wahrheit. E>ite 6 Das älteste Schnlvolk, das jüdische, matzte erst zu seinen Feinden in die Schule gehen, um von ihnen zu lernen, welche Ziele eine Schule sich zu stellen hat. Wer könnte uns bei unseren Mitbürgern eine Schule aufweisen, in welcher nur die Religion des betreffenden Volkes, nicht aber seine Sprache, seine Litteratur und seine Geschichte gelehrt würde? Soll nun gerade unser Volk mit seiner viertausendjährigen Geistesarbeit seine Sprache und Litteratur auf das Aussterbeetat setzen und bei allen Nationen das Vehikel zur Commnuication entlehnen, während unsere weltumfaffende ethnische Besonderheit gerade für die Einigung und Concentrirung auf geistigem und sprachlichem Gebiete spricht? Dieses nationale Mutz bildet eben.ein anerkanntes Axiom bei allen Völkern der Welt, welche politisch gezwungen sind oder aus freien Stücken darangehen, ihren nationalen Wohnsitz mit der Fremde zu vertauschen. So spricht der Pole in allen Welttheileu polnisch und erzieht diese Sprache seinen Kindern an, der Deutsche psiegt seine deutsche Muttersprache, ob er in China oder in Amerika ist, und so fort. Die jüdische Erziehung kann und darf sich nicht mehr darauf beschränken, datz das Kind zum Sederlamden wird. Der Unterricht muß mehr erreichen, muß mehr als Opfer an Zeit und Geld dem lieben Gott Israels zum Wohlgefallen darbringen; er muß einen effectiven Nutzen bringen, und der bestünde in der Auswerthung eine Sprache zu Communicationszweckeu. Beide Geschlechter müssen in gleicher Weise von diesem geistigen Schatze Gebrauch machen. Deshalb müßte die Methode des Unterrichtes in unseren jüdischen Schulen dahin führen, daß unsere Kinder Sprache und Schrift gleichzeitig pflegen. Mau beginne .schon in den Fröbl-Schulen mit dem Memoriren einsilbiger Wörter, und mit dem kleinen Liedchen setze man aümalich fort. Ich würde zur raschen Erlernung des Lesens das hebräische Alphabet in Holz geschnitzt, mit bunten Farben bemalt, jedem Kinde als Spielzeug schenken, damit das Kind unter Anleitung deS Lehrers die einsilbigen Wörter zusammensetzen lernt. Aus der Fröbl-Schule kommt es mit dem hebräischen Lesen und mit einem kleinen Wortvorrath in die jüdische Velksschule. Da setzt bereits ein zehnstündiger Unterricht ein, wo Sprachunterricht, noch immer nicht die Lectüre der Thora, Schreib- und Leseübungen mit dem Lehrer, wie Memoriren von zweisilbigen Wörtern eingeführt ist. Die Thora selbst wird erst im zweiten Schuljahre beginnen, in ausgewählteu Stücken von geschichtlicher Bedeutung und ethischer Tendenz. In der zu creirendeu Mittelschule würde daun, im Untergymnasium und in der Realschule, das *pn erschöpft und mit der Litteratur begonnen werden. Das Talmudstudium wird facultativ gelehrt, als geistiges Exercitium von besonders schärfender Eigenschaft. In den Oberschulen sollen die uachexilische Geschichte in hebräischer Sprache gelehrt und schriftliche Arbeiten classischen Inhaltes geliefert werden. Im Untergymnasium wird 6, im Obergymnasinm 4 Stunden wöchentlich vorgetragen. Haben wir erst unsere Schule, dann bildet diese ein ganz neues, selbstbewußtes, auf sein glorreiches, antikes Judenthum stolzes Geschlecht, das durch seinen Eintritt in die Arena des Lebens kein Haarbreit weicht, keinen Augenblick wankt, bis unser nationales Ziel erreicht wird. Dieses Geschlecht wird mit Ehre und Begeisterung sich als jüdisches Judenthum bekennen. Aber auch materieller Nutzen wird uns aus der Creirung jüdischer Volks- und Mittelschulen erfprießen. Unser Volk wird zum Unterrichte der Jugend eine ganze Schar jüdischer Lehrer und Lehrerinnen heranbilden und besolden und sein Volksthum mit einem neuen -:ährstand bereichern, welcher das Erbe der ehemaligen Melamdim mit staatlich anerkannter Autorität und Dignität antreten wird. Hier wird somit ein Heilmittel mehr gegen die Proletarisirung unserer Intelligenz in der socialökonomischen Apotheke vorräthig gehalten werden. Gleichzeitig müßte aber auch an die Schulbehörden die Forderung gestellt Werbern „Gebt uns jüdische Schulen, gebt uns jüdische Lehrer!" Geradeso wie der .Staat an die zwei Millionen jüdischer Bürger mit der Forderung herantritt: »Ihr. Juden gebt uns Geld zur Erhaltung der Schulen, gebt uns Eure Kinder, damit sie den Staat beschützen, damit sie mit ihrem letzten Tropfen Blut für Oesterreich-Ungarns Glorie eintreien." Wir geben ja dem Staate, was des Staates, dem Lande und der Stadt was ihres ist, und dürfen uns darum nicht znrücksetzen verdrängen und vernichten lassen, weil wir Juden sind.' Allein, wer löst die Schuppen von den Augen unseres durch die Assimilation verblendeten Volkes, wer treibt ihm die falsche Scham aus, als Inden genannt und gekannt zu werden,, wer gibt ihm den Feuergeist seiner Propheten, um für' sein Volk zu kämpfen den natürlichen Kampf ums nationale Dasein? Beginnt ja schon an der Wiege des zarten Knäbleins die Klage, und es fließen die Thränen der zartbesaiteten jungen Mütter und Vater gegen den „barbarischen Brauch" des Eintrittes zuin Judenthum, der dem jungen Weltbürger das "Schandmal des Inden aufklebt. Und erst der biblich jüdische Name! Welch harte, unverdauliche und unschöne Laute sollen da den germanischeil oder französischen Jüngling verunziere»-! Von dieser Seite her fällt ein düstrer Schatten auf dis ehrliche Arbeit jüdischer Männer. Von diesen Kaninjuden darf man sich auf Proteste, und von ihren Predigern zu zweidrittel auf eill geharnischtes Non possumus gefaßt machen, unsere Gemeinden mit dem alten sprachlichen Ballast zu beschweren. Die Assimilation verstand ja das Beschneidungswerk besser, nur sticht an der betreffenden Körperstelle, sondern an schmerzlichen Stellen des jüdischen Geistes, dem Gebetbnche und der Wissenschaft. Den Kampf gegen die Entjudaisirten aufzunehmen, mag hart, sehr hart werden, aber er mutz von Seiten des guten Nestes unseres Volkes der konservativen Richtung geführt werden. Und auch der Negierung muß es plausibel gemacht werden, datz ein jüdischer Religionsunterricht, wie er in den arischen Schulen ertheilt wird, einen Hohn auf das Jndenthum bedeutet und irreligiöse Bürgerheranzieht, für die das Jndenthum iit seiner Gesammtheit keine Verantwortung übernehmen kann. Dr. B. Moritz Lazarus. Anläßlich des Hinscheidens des großen Gelehrten wurden insbesondere ans Oesterreich seitens zahlreicher Vereine, Corporationen rc. Condolenzschreiben an die Witwe des Verblichenen gerichtet. Im Nachstehenden veröffentlichen wir .die;ijbou dem „Allgemeinen Oesterr. Israelitischen Bunde" an die Witwe des Professor Lazarus abgesandte Trauer - Kundgebung,, in welcher die große Bedeutung, die dieser Manu für das gesammte Judentum besaß, ihre Würdigung findet: . Wien, am 16. April 1903. Hochverehrte Frau! Wenn jemals die Anteilnahme an einem großen Verluste den Schmerz ob desselben zu lindern vermochte; dannwerden Sie bei dem Hinscheiden Ihres edlen Gatten Trost in dem Gedanken finden, daß die Klage über den Heimgang dieses großen Mannes eine allgemeine ist. Unvergänglich sind die Werke, mit denen Moriz Lazarus als Bahnbrecher auf einem Gebiete der Forschung, das er erschlossen, die Wissenschaft bereicherte, leuchtend steht seine Gestalt in der Erinnerung Aller, die die Vornehmheit seines Characiers, die Reinheit seines strebens kannten; unverwischbar ist der Eindruck, den er auf Alle übte, die dem Zauber seiner hinreißenden Rede ans sich wirken ließen. Ju noch erhöhtem Maße beklagen aber unsere Glaubensgenossen das Hinscheiden Lazarus, denn zuder Erkenntnis, was die Menschheit und die Wissenschaft mit ihm verloren, gesellt sich noch die Empfindrurg, daß der Veiblrcheue mit allen Fasern seines Herzens an dem Judentum hing, zu dem er sich stets mit Stolz bekannte, daß er in ruhmvollen geistigen Kämpfen für dessen Ehre eiutrat und in Werken, in denen die Wahrheilsliebe des Forschers mit der Begeisterung und der Gemütstiese des Dichters verbunden schienen, ein meisterhaftes Bild des jüdischen Volkes und seiner Ethik entwarf, welches diesem die Achtung aller ehrlichen Mensch:n

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