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Die Wahrheit · 1903-04-24 · Heft 16 (24.4.1903) · page 5

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1903
Issue
Heft 16 (24.4.1903)
Date
1903-04-24
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Die Wahrheit. Sette 5. Nr. 16. Und doch kann ich den Unterschied von Wunder und Vorsehung nicht gut einsehen. Beiden liegt doch die Anschauung zu Grunde, daß Gott bei passender Gelegenheit die Verknüpfung von Ursache und Wirkung aufhebt und direct in den Lauf der Dinge eingreift, sei es zu Gunsten eines Menschen oder einer Gesamintheit. Wenn wir aber das Wunder leugnen, weil wir eine Aenderung der Naturgesetze durch deren Schöpfer für unmöglich halten, wer gibt uns dann die Berechtigung, bei irgend einer Erscheinung, und mag sie noch so gewaltig, noch so unerklärlich sein, ein direktes Eingreifen Gottes, eine Vorsehung anzunehmen? Konsequent scheinen mir nur zwei Anschauungen zu sein: einerseits die talmudische, welche schon im Gebete in den Worten ausgedrückt ist: Er erneuertjeden Tag das Schöpfungswerk. Die gesetzmäßige Natur ist nicht weniger ein Wunder, als das, was wir als solches anzusehen pflegen. Wer die Natur geschaffen, kann sie auch ändern — und das bezweckt das Gebet. Die Gestaltung unseres Schicksals ist nicht nur das Ergebnis unveränderlicher Naturgesetze, sondern ist vielmehr auf ein jeweiliges Eingreifen Gottes zurückzuführen, denn es gibt eine Vorsehung! Andererseits aber die fatalistische Anschauung: Die Naturgesetze sind einmal da — ob geschaffen oder nicht — nach ihnen gestaltet sich alles in der Welt. Kein Gott greift direct ein, mögen wir noch so viel beten oder wünschen — es gibt keine Vorsehung! Was geschehen ist, mußte so geschehen, da die Ursachen dazu vorhanden waren, ob wir diese kennen oder nicht. Der Begriff der Möglichkeit ist unmöglich, er beruht nur auf einer Schwäche des Denkens. Wenn wir aber eine Vorsehung annehmen, welches doch nichts anderes bedeuten kann, als daß Gott zuweilen, um einen bestimmten Zweck zu erreichen, den Lauf der Natur hemmt und beispielsweise ein Volk am Leben erhält trotz der gegebenen Verhältnisse, nach denen es untergehen müßte — denn würde dieses Volk durch die natürlichen Verhältnisse am Leben bleiben müssen, ist ja Gottes Eingreifen überflüssig, ist ja keine Vorsehung nötig — was hindert uns. an Wunder zu glauben? was zwingt uns, es zu leugnen? Doch nicht etwa nur der Zweifel an der Wahrheit des Berichtes! Auch der Bericht über natürliche Vorgänge muß auf seine Wahrhaftigkeit geprüft werden. Aber einen Bericht für unwahr zu erklären, weil er uns in den Naturgesetzen nicht begründet erscheint, weil es ein Wunder erzählt, dazu sind wir durchaus nicht berechtigt, sobald wir an eine Vorsehung glauben und.Gebete verrichten. Ich werde Sie zu meinen größten Woltätern zählen, wenn Sie mir darüber Klarheit schaffen wollten. Darauf erhielt ich folgenden Brief von Meran Unter* mais d. 29. 6. 98.: Lieber Herr Doctor! Die ganze letzte Zeit bin ich mit der Herstellung des Druckes der „Ethik des Judentums" derart beschäftigt gewesen, daß alle Korrespondenz, deren Inhalt nicht auf den Tag drängt, liegen bleiben mußte. Jetzt sir:5 nur noch Register, Inhaltsangabe und dergleichen zu drucken und da gehe ich nächstens mit meiner Frau in die Sommerfrische und vorher sollen Briefschulden getilgt werden. Sie sind im Irrtum, lieber Herr Doctor, wenn Sie glauben, daß man philosophische Fragen von so schwerwiegender Bedeutung brieflich erledigen könne, vollends wenn sie so alte Probleme betreffen. Dergleichen ist überhaupt nicht nro* by sondern nur im Zusammenhang eines Gedankensystems, also nur einer Weltanschauung zu behandeln. Wenn wir uns wieder einmal persönlich treffen, etwa in Wirst, will ich Ihnen gern Rede stehen; mau kann in einer halben Stunde durch Rede und Gegenrede mehr zu Stande bringen, als durch ein dickes Buch. Einstweilen können Sie meine eigene Ansicht von der Sache aus meiner Abhandlung (Rectoratsrede) „Ueber die Ideen in der Geschichte" entnehmen. Im Talmud aber ist außer der von Ihnen bezeichneten Theorie der Vorsehung, welche mit Wunder arbeitet, eine andere ebenfalls vertreten, die ich gelegentlich in der Ethik im Capitel „Naturgesetz und Sittengesetz" erörtert habe. — In etwa 8 Wochen wird die Ethik erscheinen, bei I. Kauffmann in Frankfurt a. M. Ich will nicht schließen, ohne darauf hinzudeuten, daß ich in der Ethik eine Anzahl von Specialaufgaben, die zu lösen wären, bezeichnet habe; Sie wären der Mann dazu, eine oder die andere in die Hand zu nehmen. Mit den besten Grüßen Ihr Lazarus. Leider hatte ich seit April 1897, wo ich Lazarus in Wien sprach, keine Gelegenheit, mit ihm zusammenzukomnien, und auch der briefliche Verkehr hat seit dem Erscheinen .meiner Besprechung der Ethik aufgehört. Aber was nicht aufgehört hat, ist meine aufrichtige Verehrung für den großen Gelehrten und treuen Juden, der den jüdischen Namen stets zu verherrlichen bestrebt war. _ Wer will der Kleinen Herz erfreuen? Dem stiefmütterlich vom Schicksal bedachten Kinde Brot und Almosen spenden, ist nicht allein die Aufgabe des Wohlthuns. Erst wenn es gelungen ist, seinem Gemüte Freudigkeit zu geben, erfüllt sich das Streben des wahren Menschenfreundes. Welcher edle Mensch würde Hunderten von armen Kindern durch Überlassung eines Pianinos oder Harmoniums für ein israrel. Humanitäts-Institut Freude bereiten wollen? Um gütige Zuwendung eines solchen bittet im Namen seiner Schützlinge. Das Präsidium des "Kaiser Arauz Aofeph-AerienHeim" Wien, IX., Türkei.straße 17. Äus der Wiener Cultnsgemeinde. Die „Rabbinerfrage", die mehrere Monate hindurch loeite Kreise der Wiener Kultusgemeinde in Athem gehalten hat, ist in der am 15 d. M. unter dem Vorsitze des Präsidenten, Herrn kaiserl. Rath Heinrich Klinger, stattgehabten Plenarsitzung des Kultnsvorstandes durch die Berufung der Herren Rabbiner Dr. David - Düsseldorf, Dr. Feuchtwang - Nikolsburg, und Dr. Grunwald - Hamburg endgültig entschieden worden. Mögen Andere vielleicht anderer Meinung sein, wie aus der auf oppositioneller Seite in letzter Zeit mit aller Heftigkeit geger: die genannten Rabbiner betriebenen Agitation hervorzugehen scheint, uns drängt sich die Ueberzeugnng auf, daß die Wahl des Vorstandes, der sich mit seinem Beschlüsse im Einklänge mit der großen Majorität des Vertrauensmänner-Eolleg ums befand, Zustimmung und Anerkennung verdient. Hoffeiltlich werden die erregten Gemülher nach gefällter Entscheidung sich allmälig beruhigen und auch die Unzufriedenen so viel Gerechtigkeitsgefühl besitzen, die Neugewählten bei ihrer Thätigkeit zu belauschen, um auf Grund dieser Erfahrungen sich ein objectives Urtheil über ihre Qualisicationen, die wir unbedingt hochschätzen, zu bilden. Ueber die weiteren Verhandlnngsgegenstände der Vorstandssitzung nachstehender Bericht; Aus dem Einlaufe werden bekannt gegeben an Spenden : Von Herrn Dr. Hermann Wolf, zur Verteilung an Arme am Begräbnistage seiner Mutter, Frau Franziska Wolf K. 160l>.— von Herrn Moriz Edl. v. Kuffner anläßlich des Sterbetages seines Vaters Ignaz Edl. v. Kuffner K. 440.— von dems'.lben für Ankauf und Verteilung von Mazzoth K. 400.— Von Ännonymus, anläßlich des christlichen Osterfestes für israelitische Arme K. 20.— von Herrn Edmund Weiß für Arme K. 20.— von Herrn kais. Rat Wilhelm Pollak Weinspende für Arme der Bezirke XII—XY anläßlich des Osterfestes. BethauSspenden: Im Gemeindebethause I. Seitenftettengasse 4: Von

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