Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1903
- Issue
- Heft 16 (24.4.1903)
- Date
- 1903-04-24
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4; Die Wahrheit. Nr. 16? ihre wissenschaftliche Ausbildung zu schaffen. Ist denn die Heranbildung jüdischer Krankenpflegerinnen nicht minder eine sociale Notwendigkeit? Diese Frage sollten sich die maßgebenden Factoren der Wiener Cultusgemeinde einmal ernstlich vorlegen und sie werden dann gewiß zu jener Lösung gelangen, die der Menschheit zürn Wole und dem Wiener Judentums zur Ehre gereichte. Persönliche Erinnerungen an Moritz Lazarus. Von Dr. K ah an-Znaim. Im Jahre 1891 erschien bei Otto Wigand in Leipzig mein Buch „Die Heilswahrheiten des Christentums", eine scharfe Kritik der christlichen Dogmatikals Frucht meines Aergers über den christlichen Antisemitismus — den jüdischen habe ich erst später kennen gelernt — und wählte dabei das Pseudonym Dr. Hanak. Da erhielt mein Verleger folgendes Schreiben vom 5. Dezember 1891: Sehr geehrter Herr! Ich habe soeben das in Ihrem Verlage erschienene Buch: »Die Heilswahrheiten" rc. von Dr. Hanak mit außerordentlichem Interesse zu Ende gelesen und bitte Sie, falls Ihre Discretion es Ihnen erlaubt, mir gütigst etwas Näheres über Stellung und Bildungsgang des Verfassers mitzuteilen. Schriftsteller ist er wol nicht, da ich ihn im .Kürschner vergebens gesucht. Ich brauche wol nicht zu sagen, daß es keineswegs persönliches Interesse ist, sondern nur bestimmte sachliche Gründe sind, die mir es wünschenswert machen, einen so mutigen Mann der Aufklärung (die ich ja auch zu vertreten suche) kennen zu lernen. In vorzüglicher Hochachtung Nahida Nemy. Dieses Schreiben schickte mir der Verleger zu, und ich hielt es für das Beste, mich persönlich der berühmten Verfasserin von »Das jüdische Weib" in Berlin vorznstellen. In ihrer bescheidenen Wohnung traf ich nun ihren Freund, den noch berühmteren Verfasser von „Das Leben der Seele", ich lernte dort den Professor Moritz Lazarus kennen und durste dem Bruder meines gewesenen Seminar-Direktors die Hand drucken. Seine Persönlichkeit wirkte auf mich geradezu bezaubernd, obwol er die Begeisterung seiner Freundin für mein Buch, nicht zu teilen schien. Er meinte, für die Wissenschaft sei die Kritik überflüssig, für die Anderen aber unnütz! — Nach diesem Urteil, wagte ich schüchtern zu bemerken, wäre ja jede aufklärcnde Schrift überflüssig oder unnütz! Aber Lazarus lenkte ab und griff auf das Mische Schrifttum über und sprach namentlich mir Begeisterung vom Deuteronomium (5. Buch Mosis) als dem einzig in der Weltlttteratur dastehenden Buche, wo der Führer des Volkes sich an das ganze Volk wende und ihm seine Lehren einschärfe. — Da erkannte ich den Völkerpsychologen und war glücklich, als er mich in freundlicher Weise eiulud, ihn in Schönefeld bei Leipzig, wo er jeden Sommer zubrachte, zu besuchen. Ich habe von dieser Einladung reichlichem Gebrauch gemacht und habe so Gelegenheit gehabt, den berühmten Philosophen, der aus seinen Schriften als vollendeter Typus eines Assimilations- Juden gelten könnte, als die edelste Erscheinung eines echten Nationa!-Juden kennen und lieben zu lernen. Es ist doch eine eigene Sache um das jüdische Blut und die jüdische Erziehung! Lazarus, der in der Assimilations-Periode groß geworden, der auf der Höhe der europäischen Bildung stand, auf dessen Worte arische Fürsten der Geburt und des Geistes mit Bewunderung lauschten, er, der in der jüdischen Notabelnversammlung sich für einen National- Deutschen erklärte — er war im Grunde seines Wesens Natioual-Jude, mit jeder Fiber seines Herzens hing er an seinem Stamme, für dessen Ehre, für dessen Verherrlichung er seine beste Kraft zu opfern bereit war! Für ihn war die Bibel ein Product der jüdischen Volksseele, für ihn war die Bibel das herrlichste Buch der Weltlitteratur. — ^st da der Schluß nicht gestattet, daß für" ihn die jüdische Volksseele die herrlichste von allen war? daß für ihn das jüdische VHk tatsächlich das auserwählte Volk genannt zu werden Verdikt? Und so kehrte er in den letzten Jahren seines Lebens zu sNicn frühesten Studien zurück. Als Frücht dieser Studien erschien 1894 seine Schrift über den Propheten Jeremias, und Mls er am 15. Scpteuiher dieses Jahres, seinen 70. GeburtMg, im Verein für jüdische Geschichte und Litteratur in Leipzig, einen Vortrag hielt, erklärte er öffentlich, daß er zum Völkerpsychologen nur als geborener Jude geworden sei, eine'Behauptung, die er dann 1897 in Wien wiederholte. Als" die reifste Frucht seines Geistes erschien dann 1899 der erste.Teil der „Ethik des Judentums". Dieses Werk solMdeu^ jüdischen Namen verherrlichen und Lazarus , hat seine-beste Kraft daran gewendet, um dieses Ziel zu erreichen. In wieweit es ihm gelungen ist, habe ich in diesen Blättern dar-., getan (1899 Nr. 1 und 2). Leider mußte ich damals viele Ausstellungen in wissenschaftlicher Hinsicht machen Pflicht, die ich mit schwerem Herzen erfüllte, aber eingedeuki des Wortes: „amicus Plato, sed magis amica Yeritas“ ev= ‘ füllen mußte. Aber geschmerzt hat es mich, den herrlichem Manu kränken zu müssen. Denn cs betraf gerade einen Hauptpunkt der jüdischen Weltanschauung. Die jüdische Ethik ist undenkbar ohne Gott, der sie lehrt. Aber obwol Lazarus/ den Glauben an Gott und Vorsehung immer stark betont, — * der Gedanke der Vorsehung ist der Grundgedanke aller Religionen, sagt er in »Unser Standpunkt" — so war er doch zu sehr vom modernen Geist durchdrungen, um die Ethik von Gott abhängig zu machen, um an eine offenbarte Ethik zu glauben. Die Ethik mußte mit Kant-autonom sein, und so wendete er seinen ganzen Scharfsinn auf, um den kategorischen Imperativ Kants bei — den Rabbinern zu entdecken! Wie merkwürdig cs mit der Weltanschauung eines modernen Juden bestellt ist, der-im Alten wurzelt und das Moderne in sich aufgenommen, dafür ist Lazarus ein klassisches Beispiel. Alles Jüdische war ihm lieb und teuer. Seine liebenswürdige Gattin, Frau Nahida Ruth, zeigte mir freudestrahlend die Stelle im Garten, wo sie am Sabbath beim Sonnenuntergang — *jm nnb gesungen haben! Und doch war ihm die Offenbarung, die Grundlage des Judentums, ein überwundener Standpunkt. Wunder? Wer könnte daran glauben t Aber ohne Vorsehung — keine Religion! Es sind gerade jetzt fünf Jahre, da erschien von Lazarus eine Tischrede zum Seder-Abend, ein Kabinetstnck sinniger Betrachtungsweise. Darin wurde das Wunder bei Seite geschoben und die Vorsehung gepriesen. Ich richtete an ihn folgendes Schreiben Hochgeehrter Herr Professor! Mit außerordentlichem Vergnügen habe ich Ihre Tischrede gelesen, und zwar-nicht nur wegen ihres geistvollen Gehaltes, der gewiß unzählige anße mir erquicken wird, sondern ganz besonders wegen Ihres Wohlbefindens, wofür die Form einer Tischrede mir beredtes Zeugnis ablegte. — Möge die Vorsehung Sie noch recht lange bei voller Gesundheit uns erhalten! Ich will aber gestehen, daß der Zweck meines Briefes nicht war, diesen Wunsch anszudrücken, sondern vielmehr die Frage an Sie zu richten, ob ein solcher Wunsch einen Sinn hat. Diese Frage mag im Munde eines Rabbiners sonderbar klingen, aber die Sonderbarkeit hört auf, wenn sie an Sie gerichtet ist. Zwei Worte aus .Ihrer Tischrede sind es, die schon lange meinen Geist beschäftigen und ihn nicht zur Ruhe kommen lassen. Darf ich mir schmeicheln, von Ihnen Aufklärung zu bekommen? W u u d e r und Börse h u u g — zwei Angelpunkte der Religion von jeher, aber wie verschieden ihr Schicksal! Während das Wunder bei den modernen Denkern in Mißkredit gekommen ist und seine Wunderkraft verloren hat, er- - freut sich die Vorsehung seines alten Ansehens und übt noch immer seine alte Zauberkraft selbst auf die größten Denker aus. ,