Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1903
- Issue
- Heft 16 (24.4.1903)
- Date
- 1903-04-24
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nedaclion und Administralio r: .^Wien, II/,. Novaragasse 27. K. k. österr. Postsv7r:2ssa Yheck-Coiuo Nr. 846.2ö1 Jnjei-ate 20 Heller per Nonpareille-Zeile. Abonnementsimb JnserationSbeträge sind in Wien zahlbar lind klagbar. itschrifi für Di sch Bezugspreis: Ganzjährig. St 12.— Halbjährig . . . . K. 6.— Für Cultusbeamte: >8anzjährig.... K 10.— Erscheint [eben Mreitng. Motto: „Das Siegel Gottes ist Wahrheit!“ Für Ausland: Ganzjäririg . . .3 Mark. 6 Rnbel o>er 18 FcS Ar. 16. Wien. L4. Äpril 1W3. Inhalt r Jüdische Krankenpflegerinnen. — Persönliche Erinnerungen an Moritz Lazarus. — Wer will der Kleinen Herz erjreuen? — Aus der Wiener Cultusgemeinde. — Die Mazzesvertheiiung. — Verschiedene Nachrichten. — Aus dein „Oesterr.-ungar Canttoren-Verein". — Verzeichnis der seit 1. Jänner 1903 eingezahlten Vereinsbeiträge. — Briefkasten der Redaction. Jüdische Krankenpflegerinnen. Im Jnbilänmsjahre hat der Vorstand der Wiener Cultusgemeinde den Beschluß gefaßt, das Andenken unserer, einer ruchlosen Mörderhand zum Opfer gefallenen Kaiserin durch Gründung eines den Namen der edlen Frau tragenden Heims zur Heranbildung und Versorgung jüdischer Krankenpflegerinnen zu ehren. Mit diesem Beschlüsse wurde der erste Keim gelegt für die Verwirklichung einer Idee, die in idealer und praktischer Hinsicht bedeutungsvoll ist und nach dem mnstergebenden Beispiele Deutschlands auch in Wien zur Ausführung gelangen sollte. Die Heranbildung von Krankenpflegerinnen ans intelligenten Kreisen ist nicht nur eine notwendige, durch vielseitige Erfahrungen bestätigte Grundlage für die richtige Durchsüheung der modernen Hygiene und Krankenpflege, sie birgt auch ein Stück Lösung der socialen Franenfrage in sich, indem sie den Frauen und Mädchen ein weites Arbeitsfeld erschließt, auf dem sie, ohne mit ihrer natürlichen, durch Geschichte und Tradition festgesetzten Bestimmung in Widerspruch zu geraten, ihre Kräfte segensreich entfalten können znm Wole der Allgemeinheit und zur Förderung der eigenen Individualitäten. Wenn nun schon im Allgemeinen so gewichtige Momente für die Errichtung von Pflegerinueuschuleu sprechen, so verdient diese Frage auch vom consessionellen Standpunkte aus besondere Beachtung. Leider hat gerade die in Wien so stark betriebene Verhetzung, die trotz der friedeathmenden Beteuerungen des Bürgermeisters Dr. Lueger gelegentlich seiner Neuwahl immer weitere Kreise erfißt, es dahin ged acht, daß wir Inden die Gründung von Wolfahrtsinstitutionen immer auch unter dem confessionellen Gesichtswinkel beurteilen müssen. Und von dieser Seite betrachtet, hat die Gründung des jüdischen Pflegerinnenheims und die Errichtung von jüdischen Pflegeriuuen-Schuleu eine doppelte Aufgabe. Einerseits soll für jüdische Frauen und Mädchen, die unter der allgemeinen Erschwerung der Erwerbsverhältnisse für uns Juden noch mehr zu leiden haben als die Männer, der Kampf ums Dasein erleichtert und ihnen ein würdiger, hehrer und erträgnisreicher Beruf geschaffen werden, und andererseits soll auch kranken Glaubensgeuoffeu, ob Arm oder Reich, die große, für ihre Genesung oft ausschlaggebende Woltat zu Teil werden, daß sie in den schweren Stunden körperlicher und seelischer. Schmerzen von liebevoll für sie bedachten Glaubeusschwestern gepflegt werden und nickt aus andersgläubige Wärter und Wärterinnen angewiesen sind, die ihrem Fühlen und Denken I kalt und fremd, oft sogar auch, unter dem Einflüsse bedaueri licher Tageserscheinungen, feindlich gegenüberftehen. Nebst dem Cultusvorstande, der durch den eingangs i erwähnten Beschluß dieser Frage einen realen Boden gab,! haben hochherzige jüdische Frauen und Männer, sowie einige! Vereine die erhabene Idee gefördert, und dennoch ist die Ver-! wirklichuug derselben, trotzdem schon mehr als zwei Jahre j seit der ersten Anregung verflossen sind, bis heute kaum merki lich vorgeschritten. Wir begreifen wol, daß dies nicht im j Sturmschritte geschehen kann, denn eine derartige Organisation j bedarf, besonders wenn sie zu einer mnstergiltigen ansgestaltet j werden soll, eing'hender Studien und grundlegender Vori bereitungen, von deren Exactheit das spätere Gedeihen des ' Werkes abhängt, und man braucht hierzu nicht nur Zeit, sondern auch recht viel Geld — und, was am allerwichtigsten ist, die richtigen Personen. Allein, bei aller Rücksichtnahme auf die natürlichen Hemmuiße erscheint es uns fast wie ein Rätsel, daß die Bemühungen der Frau Henriette Weiß, die in Wien seit Jahren für die Heranbildung jüdischer Pflegerinnen mit großer Sachkenntnis und Energie tätig ist, bisher erfolglos geblieben sind. 'Was in vielen Städten Deutschlands, in der Hauptstadt Ungarns, ja selbst in minder großen jüdischen Gemeindeweseu, wie zum Beispiel Preßburg, schon längst zur Tat geworden, sollte in der Metropole unseres Vaterlandes, in der großen Wiener Cultusgemeinde unmöglich sein? Das Unglaubliche wird jedoch zur Wahrheit, wenn man der jüngst im Verlage von Moritz Perles erschienenen Schrift der genannten Dame: „Gin Hilferuf für unsere armen Kranken" eine aufmerksame Lectüre widmet.. Die Berfafferin erzählt darin von ihren Bemühnugen und Enttäuschungen. Und enttäuscht wird man warhaftig, wenn man z. B. erfährt, daß die Verwaltung des Spitals der Wiener Cultusgemeinde der Errichtung von Pflegerinnenschulen Schwierigkeiten in den Weg legt. Mir dem Ausbau dieses Spitals har die Wiener Cultusgemeinde große Lasten übernommen, die unter Anderem auch dadurch motivirt wurden, daß es eine sociale Notwendigi feit sei, den jüdischen Aerzteu, denen der Zutritt zu den > öffentlichen Kliniken geradezu verschlossen ist, eine Stätte für