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Die Wahrheit · 1903-04-10 · Heft 15 (10.4.1903) · page 6

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1903
Issue
Heft 15 (10.4.1903)
Date
1903-04-10
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 6 Die Wahrheti. Nr. 15 dessen rühmen, dass wir vollständig organisirte Schulen mit Ober- und Unterclassen seit tausend und noch mehr Jahren besaßen, allenfalls die ältesten Schulen unter allen Culturnationen. Dass dieselben in schlechten, gesundheitsabträglichen Räumen uutergebracht wurden, das lag ja nicht im jüdischen Lehrsysteme, sondern in den schrecklichen Verhältnissen, unter welchen unser Volk zu schmachten verdammt war. Allerdings waren die Cheder schlecht untergebracht, aber waren denn die Wohnungen der einzelnen Stammesgenoffen im Ghetto aller Staaten Europas besser? Absichtlich wurden ja den Juden die sumpfigsten und niedrigsten Stadttheile angewiesen, die engsten Räumlichkeiten zugemeffen, damit ihre physische Kraft degenerirt, ihre Leiber rasch und noch beim Leben verwüstet werden. Die Absperrung von Licht und Luft hat wol unser altberühmtes Heldenvolk zu Pygmäen gemacht, allein unseren Geist, unsere geistigen Waffen konnten unsdie Feinde aller vorangegangenen zweitausend Jahre nicht nehmen. Dieser im Cheder geborene Geist hat sich zu allen Zeiten als der brennende Dornbusch der siuaitischen Gotteslehre bewährt, welcher unser Volk in allen Wandlungen tausendjähriger Geschichte unversehrt erhielt. Was wir aber heutzutage in den Reihen unseres Volkes nach der Emancipation vom Cheder antressen, muß jedem aufrichtigen Juden tiefen Schmerz und trostlosen Kummer bereiten. Es ist, als wollte das Judemhum überall außer Rand und Band gerathen, darum erscheint mir, so sehr ich auch der Errichtung von jüdischen Mittelschulen das Wort geredet habe und es stets thun werde, zunächst die Errichtung von Spiel- und Volksschulen in allen jüdischen Gemeinden nothwendig. Man darf ja nicht vergessen, wie in der Pfianzenwelt nur der Frühling die geeignete Zeit der Anpflanzung für die ganze Natur ist, wie der leise und warme Hauch genügt, um neues Leben heraussprießen und wachsen zu lassen, so bilden die Kinderjahre den Frühling, welcher für den geistigen und physischen Ausbau des Menschenthierchens zum Menschen verwerthet werden muß. Diesen Frühling nützt die christliche Schulverwaltung aus, um den tausenden zarten jüdischen Kindlein die Liebe zum Christenthum einzuimpsen, und der Samenwurs gedeiht um so üppiger, als die jüdischen Eltern ihnen das Jndenthum und seine heilige Lehre theils gar nicht, oder höchstens nur in stark abgeschwächter Dosis zuführen lassen. Ich fühle wohl, dass diese Ansicht „Zurück zur jüdischen Schule!" sofort tausende Gegner Hervorrufen wird. Die große Schaar die Assimilanten, die Utilitarier, dann die religiös Indifferenten und schließlich die modernen Fortschrittsjuden, sie werden alle dagegen Protest erheben. Allein wir wollen für diejenigen das Wort ergreifen, welche dem Jndenthum noch zugänglich sind; die Speculanten werden stets dem irdischen Vortheile, dem verblüffenden Momentersolge nachjagen, und mit diesen ist jede Auseinandersetzung unmöglich. Natürlich wird auch das Argument ins Treffen geführt werden, dass die Separirung der Kinder nach Religionsbekenntnißen eine Selbstausschließung aus der Gesellschaft bedeute, wir werden aber diesen Sarkasmus rasch überwinden, sobald wir aus freiem Antriebe die jüdischen Kinder in unsere ' eigenen Lehranstalten schicken und uns klar zum Bewusstsein kommen wird, dass diese Schulen die Heim- und Pflanzstätten unseres Volksthums bilden, woselbst es vor Vernichtung bewahrt wird. In diesen jüdischen Schulen wird auch die Zuneigung der Kinder zu einander geweckt und dadurch die Möglichkeit geboten werden, die alte Solidarität und Gemeindebürgerschast schon in die zarten Kinderherzen einzupflanzen. Und eine der vornehmsten Aufgaben der jetzigen Generation ist es ja, einen Nachwuchs zu schaffen, welcher zunächst ein gutes Pfund Liebe zu seinen Brüdern und Schwestern besitzt. Die Liebe der nichtjüdischen Umgebung macht sich von selbst — und wird adäquat sein der Behandlungsweise, die wir von außen erfahren. Dr. B. Die Zuden in Meran. Von Landesrabbiner Dr. Tänzer in Hohenems. Herr Leo Herzberg-Fränkel hat, in gewohnt geistreicher Weise und als warmer Freund der Hilfsbedürstigen, in Nr. 18 der „Oesterreichischen Wochenschrift" unter vorstehender Ueberschrift die Aufmerksamkeit der Leser auf die eminent wohltätigen Leistungen des israelitischen Krankenasyls in Meran — sogen. Königswarter'sche Stiftung — und dessen schwache Mittel hingewiesen. Dabei aber sind der bewährten Feder Herzberg- Fränkels einige historische Unrichtigkeiten entflossen, die richtigzustellen ich mich umsomehr verpflichtet erachtet, als ich dabei, da Tirol zum hiesigen Rabbinatssprengel gehört, gewissermaßen. pro domo spreche und ferner die Erforschung der Geschichte der Juden in Tirol und Vorarlberg seit ungefähr sechs Jahren zu meinen vornehmsten Ausgaben gehört. Als Ergebnis derselben befindet sich derzeit, Dank der bewährten Munifizenz der Vorstehuug der israelitischen Cultusgemeinde in Hohenems, die Die Deckung der Druckkosten übernahm, der erste Band des Geschichtswerkes (2 Teile in 1 Bande) in Druck. Sowohl dieser Band, der vornehmlich die Juden in Hohenems und im Vorarlberg zum Gegenstände hat, wie der zweite, der ganz den Juden in Tirol gewidmet sein soll, bietet, weil ausschließlich aus zum größten Teile noch unveröffentlichtes, handschriftliches Material und ungemein mühsamen archivalischen Forschungen fußend, eine reiche Fülle neuer und Richtigstellungen bekannter Thatsachen, die es selbst dem Laien klar machen werden, in welch oberflächlicher, flüchtiger Weise selbst bewährte christliche Historiker da arbeiten, wo sie jüdische Geschichtsmaterien behandeln. Änderte von Rinn, Ursula von Lienz und Simon von Trient werden, meines Wissens, mit Ausnahme von Scherers *) kritischen Bemerkungen das erste Mal da in's richtige Licht gerückt erscheinen. Doch davon naturgemäß im Geschichtswerke selbst des Ausführlichen. Nur kurze Auszüge dieser meiner historischen Arbeiten habe ich bisher auf Wunsch Dr. I. Singers für die „Jewish Encyclopedia“ in Newyork in einer Serie von 10 Artikeln : Hohenems, Innsbruck, Meran, Tirol u. s. w. bearbeitet. Herr Herzberg-Fränkel meint, sich der Zeit erinnern zu tonnen, „wo in Tirol noch kein Jude lebte." Der jugendlichbegeisterte Stil Herzberg-Fränkels ist mit dem unheimlich hohen Alter von 600 Jahren, das er sich da viudiziert, nur schwer vereinbar. Denn so alt müßte derjenige mindestens sein, der sich eines vollständig „judenreinen" Tirols zu erinnern vermöchte. Seit 1308 gibt es nahezu ununterbrochen Juden in Tirol, wenn sie auch bis heute noch keine eigene, gesetzlich anerkannte Cultusgemeinde bilden. Garnicht zu gedenken des von den berufensten Historikern mit gutem Rechte nngezweifelten Berichtes des Privilegium ecclesiae 8. Stephani in Rendena (Abgedr. bei Stormayr, Geschichte Tirols, 1808, I. Urk. 231), ^nach welchem Karl der Große schon im Jahre 800 jüdische Schloßherren in Tirol bekämpft haben soll. Lange noch ehe das alte Mairania von seinem heutigen Weltrufe als Kurort träumte, gab es dort schon Juden und sogar in gewissermaßen öffentlichen Stellungen, da die historisch älteste Nachricht von Juden in Tirol uns ,,Isaak judens de Luncz“ (Lienz) als Münzpächter in Meran, am 16. August 1308 genannt, zeigt. Auch in Bozen und Riva finden wir im 14. Jhd. Juden. Der Bozner Jude Nikolaus wird 1318 von König Heinrich von Kärnten mit Haus und Garten in Bozen belehnt. Auch von bedeutenden Judenverfolgungen in Tirol infolge des schwarzen Todes im 14. Jhd. weiß die Geschichte zu berichten. Jüdische Münz- und Zollpächter hatten schon im 14. Jhd. auch die Bischosstädte Brixen und Trient. Gab es auch naturgemäß kein allgemeines Judenstatllt in Tirol, so dafür sehr beachtenswerte und für jene Zeit sehr liberal gehaltene Specialprivitegün, die zwar einzelnen mit Namen angeführten Inden verliehen wurden, aber für einen größeren Kreis jüdischer Landesbewohner Geltung i) Scherer, Rechtsverhältnisse der Juden i. d. Oesterr. Ländern, Leipzig 1901.

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