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Die Wahrheit · 1903-04-10 · Heft 15 (10.4.1903) · page 5

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1903
Issue
Heft 15 (10.4.1903)
Date
1903-04-10
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 15. Die Wahrheit. Seite 5. Geschlechtern? Die Antworten sind alle treffend. Die früheren Geschlechter - machten torasorn keba umelachtom arai zur Hauptaufgabe ihres Erdenseins die Erforschung der Lehre und zur zweiten Aufgabe erst die Arbeit. Darum war beides in ihren Händen gesegnet, Wissenschaft und Gotteserkenntnis halsen der Arbeit, dem Kampfe ums Dasein zu reichen Erfolgen, während bei den folgenden Geschlechtern, die nur dem materiellen Erwerbe ihres Lebens Hauptzweck, der Thora, der Pflege idealen Menschenthums, nur eine untergeordnete Rolle zuwiesen, weder das eine noch das andere gedieh. Ein zweiter Unterschied ist noch bezeichnender: Die doröt rischonhn waren opferwillig und gaben alles, die aoharonim entzogen die Gaben dem Heiligthume So ist es mit unserer Zeit, die für religiöse Fragen fast kein Verständnis besitzt und darum auch keinen Opersinn; diese Zeit versteht keine religiöse Frage zu stellen, sie will es auch nicht verstehen und hat sich damit selbst das Urtheil gesprochen. Darum hat sich auch die Jugend wieder von diesem traurigen Thun religiös-nationaler Arbeit zugewandt, und „da sie Gottes Willen thun, so besorgen andere für sie das Werk des Lebens." Sie stellen sich in den Dienst des Judenthums, was jedem ehrlich Denkenden nur Achtung und Sympathie einflößt. Raschi bemerkt in seiner bekannt geistreichen Erklärung zu dieser Stelle (Berachot. 6. Abschnitt): Wenn die Menschen Gottes Willen thun, gibt er ihnen Getreide, wenn sie aber mit ägyptischem Hochmuthe sein Gesetz mißachten, so zeigt er ihnen des Feldes Früchte, genießen aber dürfen sie nichts, anderen.spendet er es. Darin liegt des Lebens Heil. Wenn unr unserem Gotte, unserer Thora leben, so werden wir die Frucht dieses gut bestellten Bodens essen, anderenfalls werden andere, die wir durch offenen Abfall gewinnen wollen, die Früchte unserer verkehrten Lebensführung für sich gewinnen, uns abweiseu und so belehren, daß nicht im Abfall, sondern in der Vertheidigung unseres Glaubens der Zukunft Boden gesichert ist. Dies sah unsere Jugend, die mit Recht den Weg der dorot rischonim einschlug, der zum Ziele führt und uns wieder das Verständnis religiöser und nationaler Fragen ver bürgt. Denn, wir sind ja nicht so kurzsichtig, daß wir nicht die religiöse Begeisterung bemerkten, die ob des Elends unserer Zeit, ob der schwebenden socialen Fragen alle ergriffen. Auch die nationale Erhebung der Völker hat ihre Berechtigung, sofern sie nur ihre Fluthen eindämmt und nicht alles hinweg schwemmt. Unser Fest ist ja ein eigentlich nationales Fest, sofern im Hause Israel irgend ein Fest einen nationalen Sinn allein, ohne reli giöse Färbung zuläßt. Es will aus dem großen Schriftthume unserer Alten mir überhaupt hervorzugehen scheinen, daß sienational und religiös beinahe identisch hielten. Es sei dahingestellt, ob sie den Begriff „Nation", ohne den mit ihm enge verknüpften der „Religion" kannten. Es ist für die nationale Literatur Israels ein jedesfalls unterscheidendes Merkmal, daß überall die religiöse Idee stark hervortritt, was bei den übrigen Nationen kaum gesagt werden kann, denn dort wiegt die waltende Gerechtigkeit des Ewigen vor, hier, bei den Völkern, handelt sich stets um Gebietserweiterungen, selten aber um die Sühne beleidigter Gerechtigkeit. Wir wollen gar nicht von jenen Kämpfen des Alterthums sprechen, die lediglich die Unterdrückung der Freiheit ganzer Elasten oder Völker bezweckten, wir wollen nicht von den Sklav.nkriegen reden, die tausende von unglücklichen Menschen ans Kreuz brachten, weil sie für ihre Menschenrechte stritten, wir wollen uns nicht mit jenen Religionskriegen des Mittelalters befassen, die, wenngleich religiöse Motive stark vorwalteten, eine fanatische Verirrung bezeichnen, der tausende Menschen zum Opfer fielen: Die Herrschsucht des Menschen erhält eben scheinbar durch religiöse Gefühle eine Berechtigung, unter dem Leckmäntelchen religiöser Entwicklung und einheitlicher Gestaltung der tun Staat bildenden Elenlente einen gemeinen Vernichtungskampf der schwächeren Elemente zu beginnen. Auch in unseren Tagen entwickeln sich diese niederen Tiebe, diese gemeinsten Aeußeruygen menschlicher Entartung, wie sie in Egypten zur Erkrankung unschuldiger Kindlein führten. Wir aber werden zwar kämpfen, aber den Hauptkampf müssen wir dem Herrn überlaffen, der den Kampf der Gerechten, der Guten führt. Wie er die Ahnen aus Egyptens Finsternis zur Sinaihöhe geführt, wie er in den verschiedensten Abschnitten der Menscheugeschichte uns sein Walten zeigt, wie er das scheinbar siegende Vorurtheil aus den Herzen der Menschen entfernt und Licht wie Frieden allen gibt, so müssen wir im Kampfe für die Ideale ansharren, eine Bruderschaar von gleichgesinnten Gotteskämpferu! Wer für Gott kämpft, den darf Verstimmung über scheinbare Mißerfolge nicht niedere ringen, sondern sie muß ihn zu neuem Kampfe wieder anspornen! Nur so gelangt er zum Siege, er wie alle, die ruhmvoll für die der Mehrheit verhaßten Ideen der Menschenwürde und für Freiheit kämpfen! Muthig wollen wir Gottes Lehre von der Menschenverbrüderung durch die Welt der Borurtheile tragen! Dr L. Hirsch. Wie erzieht der Jude sein Kind znm Iudenthnm? In überaus feinfühliger Erkenntnis dessen, was zeitgemäß ist, hat „Die Wahrheit" vor längerer Zeit schon die Errichtung jüdischer Mittelschulen zur Discussion gestellt, und der gegebenen Anregung Folge leistend, haben zwei hervorragende Fachmänner zu dieser wichtigen Frage der Erziehung und Heranbildung der jüdischen Jugend in jüdischen Lehranstalten das Wort ergriffen. Die löbliche Initiative der Redaction dieses Blattes ist damals wirkungslos verhallt, aber gerade jetzt, wo die Klagen über zunehmenden Abfall sich überall mehren, ist es doppelt geboten, diese Frage neuerdings aufzunehmen, und nicht nur dem Schnlmanne sondern auch dem Laien erwächst die Pflicht, dieses Thema wieder aufzunehmen und dasselbe eingehend zu erörtern. Wie erzieht der Jude sein Kind zum Judenthum? Oder mit anderen Worten: Wie müssen die Kinder geschult werden, dass sie mitten in der Brandung der anderen Nationen, inmitten der vielen fremden, enljndaisirenden Einflüsse unentwegt bei ihrem Volke sieben, nicht wanken und nicht weichen, weder nach links noch nach rechts? Gerade die vierzig Jahre, welche unser Volk gewandert ist in der Wüste der Assimilation, haben es den Epigonen klar gemacht, dass mit der Frage des Unterrichtes das Judentbnm aufs Engste verbunden ist, dass mit derselben die jüdischnationale und jüdischreligiöse Existenz stehe und falle. Man wird es hoffentlich dem Schreiber dieser Zeilen Nachsehen, wenn er als Laie in die Gemeinde der schulmännischen Fachleute einbricht, um auch seine Ansicht über die jüdischen Schulen vernehmen zu lassen. Freilich nicht zum ersten Male, denn schon in früheren Jahren nahm die Frage der jüdischen Erziehung mein Denken und Fühlen ein. Der Verein „Schomer Israel" in Lemberg, gegründet 1867, gab mir Gelegenheit, mich mit den großen Fragen unseres Volkes zu befassen, und damals schon wollten wir eine Mittelschule in Lemberg errichten, welche gleichzeitig als höhere Mnster-Talmndschule dienen sollte. Leider wurde dieser Gedanke in einer Generalversammlung des genannten Vereines mit einer Majorität von 3 Stimmen, wobei die Vertreter der fälschlich genannten Ortodoxen den Ansschlag gaben, verworfen; er fiel auch ein zweites Mal beim ersten jüdischen Gemeindetage in Lemberg. Doch vor meinem inneren Forum konnte diese Angelegenheit niemals fallen. Zahlreiche Refus, welche ich mir seitens der Redactionen der jüdischen Blätter holte, haben mir die Hoffnung nicht geraubt, dass das von unserem Volke so arg vernachlässige Schulwesen sich einmal, bearichs hajomim, in die vorderste Reihe drängen und dann seine Lösung finden werde. Und so erachte ich jetzt den Moment gekommen, um meine Stellung zur jüdischen Schule, welche ich bereits in der Conf^renz der Zionisten in Philippopel vor 5 Jahren einnahm, näher zu präzisiren. Die Frage der Errichtung von jüdischen Mittelschulen erscheint mir wie ein Eckstein, herausgerissen aus einem Bauwerke, das erst aufzusühren ist. Wir Juden können uns ja

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