Mannheim
Compact Memory

Die Wahrheit · 1903-04-10 · Heft 15 (10.4.1903) · page 4

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1903
Issue
Heft 15 (10.4.1903)
Date
1903-04-10
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3062972-3063163-3063178--02432-3069107
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seitc 4 Die lvahrheil. Nr. 15. In der Unterdrückung der Juden aber sind alle einig, da gibt es keinen Zwist, sondern die beste Harmonie: beebol dor vodaur omdim olenu lechalausenu in jedem Zeitalter erheben sie sich zur Vernichtung des verhaßten Israel, Gott aber rettet uns aus ihrer Gewalt. Die Manschen wollen stets die Schwächeren vertilgen, würde nicht Gott sie schützen. Man spricht vom Fortschritte der Cultur. vom tagenden Morgen, vom Frühling der Menschheit, nein, es ist doch noch der Mensch- Veit Winter, noch die Nacht mit allen ihren Schrecken! Wohl ist es in Israels Zelten Licht, wohl flammt hier die Begeisterung für das herrliche Erbe der Väter auf und läßt alle Leiden der Zeit erträglich erscheinen. Aber draußen ist eisiger Winter! Die Vorurtheile, die sich an den Namen »Jude" knüpfen, sind nicht beseitigt, ja, es scheint, daß sie kaum zu beseitigen sein werden. Die Menschen müßten denn ja so viet Eigendünkel, so viel Stolz, Ueberhebung und Unbildung beseitigen, daß wir es kaum erwarten dürfen. Das wäre dann (in pessach leosid, ein pessach dorot ein Freiheitsfest der gesammten Menschheit, die den Schutt der Jahrhunderte hin weggeräumt, die Vorurtheile und Jrrthümer ganzer Geschlechter entfernt hätte. Dann müßte der herrliche Satz erfüllt werden: leolam chajebh odom .... „Immer ist der Mensch verpflichtet, sich so anzusehen, als ob er selbst aus Egypten gezogen wäre!" Wenn der einzelne sich in die Lage des anderen versetzt, der unschuldig verachtet, verstoßen herumirrt, dann kann die bessere Einsicht alles umgestalten, dann werden uns die Völker würdigen lernen, uns, denen sie ihren Glauben, ihre religiöse Erhebung schulden! Mit dieser Erkenntnis werden sich die Gegensätze mildern, die Vorurtheile schwinden, denn dann weiß Jeder, daß er als Antisemit auch consequent die Evangelien, die Schriften der Apostel hassen müßte, da sie ja jüdischen Ursprunges sind, daß die ganze „christliche" Cultur ja nur eine von Juden gegründete in. Erst mit diesen letzten Consequenzeu kann eine Besserung eintreten: Entweder werden diese Elemente sich ganz von- Christenthume lossagen und zum Wodancult zurückkehren, oder sie opfern ihren Semitenhaß, dessen Berechtigung sie mit ihren Scheinargumenten nicht halten können. Es ist aber doch bei dem Fortschritte der Cultur an eine Befferung der Verhältnisse zu denken, da ja kaum irgend ein heidnischer Cultus mehr Eingang finden dürfte. So werden wir wohl auch bei den verbissensten „Racenantisemiteu" einen Umschwung der Verhältnisse erwarten können. Allerdings ist an dem großen Hasse mehr der Mangel religiösen Wissen-' und Gefühls schuld, und die vier Fragen der Agada sind auch hier am Platze: Der besonnene Mensch fragt: Was bedeuten die Zeugnisse, Gesetze und Rechte, die Gott euch befohlen? Die Zeugnisse, die Gott ins Herz des Menschen, in Natur und Offenbarung gegeben, sie bedeuten das Walten einer Mächtigen Vorsehung, die sich nicht von der Bosheit der Menschheit in ihren Plänen hindern läßt, die den Menschen seine Wege zu gehen zwingt, seine Pläne in ihren Dienst stellt und ihn oft mitten in seiner Arbeit abberuft — das ist die Vorst hung, der niemand sich entzieht, gegen die ein jeder erfolglos kämpft, die die besten Wege für die Menschen findet Was bedeuten die Gesetze und Rechte, die Gott bem Menschengeschlechte gegeben? Sie sollen die fortschreitende sittliche Entwicklung der Menschen befördern, vor Unrecht und Gewalt zurückhalten und das gekränkte Recht gegen Gewalt und Finsternis schützen. Die Gesetze und Rechte, die Gott dem Menschen ins Herz geschrieben, die niemand ungestraft verletzt; wie Pharao und seine Schaar, von freventlichem Hochmuthe die Menschenwü de in den Staub zu treten getrieben, bestraft wurden, so wird es allen gehen, die da Unrecht und Gewalt verbreiten. „Mit dem Maße, womit Du ausmißt, mißt man Dir zu," das ist ein herrliches Wort unserer Alten, deffen Wahrheit uns jedes Blatt der Geschichte lehrt. So will uns ja auch das wahrhaft schöne Stück des Hagada- Schluffes „chad gadjo, chad gadjo" die Vergeltung lehren, die noch nie ausblieb. Der Weise kommt denn auch zur Einsicht und Besserung. Anders fragt der von Natur aus Böse: Wozu soll euch denn der unnütze Ballast der Religion? Er hat die Religion der Liebe und Menschenachtung längst abgestreift, ihm war sie nie mehr denn ein leerer Formelkram, dessen sich ein jeder am besten ganz entledigt. Es ist jene Schar der Zerstörer, die alles niederreißen und damit etwas Neues zu bauen wähnen, frei von „priesterlicher'" Einmengung, von denen unsere Alten treffend bemerken: binjdn jelodim sesiro der Jungen Bau ist Zerstörung. Zu allen Zeiten hat es solche Elemente genug gegeben, und es wird kaum eine Aenderung erfolgen. Doch zu mächtig ist das Gottesgesetz der Freiheit, wie^ unsere Meister bemerken: al tikro chorut, elo cherut. Frei macht nur das Wissen, die Kenntnis, die Forschung im Gesetze. Wer frei sein will, muß also sich der Forschung weihen, nicht wie der Welthasser, der Menschenfeind, sondern der liebeerfüllte Erdensohn, der Leben und Geschichte betrachtet und aus beiden wie aus der Natur seinen Gottesglaubeu schöpft, den ihm dann kein Zweifel rauben kann. Man muß unseren Alten das Zeugnis tiefen Denkens, ernster Forschung und großer Sittlichkeit geben. Wer nur halbwegs irgend eine Sugjo, eine talmudische Abhandlung in ihrer Vertiefung, dem systematischen Ausbau der Fragen und Antworten „lernt" (denn hier heißt es nicht bloß „lesen", sondern überlegend „lernen"), wird zngeben, daß Gedankentiefe und Forscherernst nebst einem unbesiegbaren Wahrheitsdrang zu den hervorragenden Eigenschaften des jüdischen Stammes gehört. Unsere Lehrer haßten die Oberflächlichkeit, sie waren für ernste Forschung, für freie Lehre, sie unterdrückten keine Meinung sondern brachten die verschiedensten Meinungen, dann erst wurde nach Prüfung aller die Norm (halacha) festgestellt. Auch in diesem Sinne ist unser Pessach ein Fest der Freiheit, iiibem im Judenthume jede Meinung zur Geltung, jede Individualität zur Entfaltung kommen kann, sofern sie nicht direkt der Religion den Boden entzieht. Die Frage des Bösen, der der Menschheit für ihren Glauben nichts zu bieten vermag, ist, Gott Lob, selten in Israel gestellt worden, denn immer wieder k hrte die bessere Besinnung ein und die Erleuchtung bewahrte vor gänzlichem Abfall. Zadikim daumim biphne haschechino k’ner biphne hoabuko : Die Gerechten gleichen vor Gott einem Lichte, das sich durch Staubwolken Bahn bricht, um Gott zu finden (Joachim). So war es immer in Israel: die Weisheit erleuchteter Männer bewahrte das Volk vor dem Jrrlichte der Sünde, das ins Verderben lockt, wenn nicht das Licht der Gotteserkenntnis rechtzeitig die Finsternis durchbricht. Es hat Zeiten gegeben, wo Götzendienst die Menge beherrschte, und Vorurtheile, Unterdrückung jeder Denkfreiheit durch herrschsüchtige Priester den Rückschritt auf allen Gebieten förderte, auch in Israel: initchilo abodo soro hojso anfangs war Götzendienst, Jrrthum und Finsternis bei unsere Vätern, bis Abraham das Licht der Gotteserkenntnis und des praktischen Glaubens der Wohlthätigkeit verbreitete. Darum eben konnten Unglauben und Abfall in Israel nicht dauernd platzgreifen. Wenn der Naive neugierig fragt: Was ist dies? So genügt die kurze, klare Antwort: Mit starker Hand führte uns der Ewige aus Egypten. Für den Naiven, der ja dem Gottesglauben nicht feindlich, sondern nur unwissend gegenüber steht, genügt der Hinweis auf die gewaltige Hand des Herrn, der, ein unterdrücktes Volk rettend, seine Allmacht dem Pharaonenlande strenge zeigt. Für die Naiven genügen Thatsachen, die mehr besagen als Folianten von abstrakten Formeln. Dem Kinde, dem einfachen Menschen zeige das Gotteswalten in Natur und Leben, weise auf den Aufschwung gerechter Völker, auf den Untergang gottvergessener Nationen hin, und du leistest für die Gottesidee mehr, als wenn du ihm die strengsten Gottesbeweise beibringen willst, für die sein Geist nicht die nöthige Schärfe noch besitzt. So behandle den Naiven, unter welchem noch jener steht, der in solchen Dingen garnicht einmal zu fragen versteht. In Berachot wird die interessante Frage aufgeworfen r Welcher Unterschied besteht .wischen den früheren und.späteren

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.