Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1903
- Issue
- Heft 15 (10.4.1903)
- Date
- 1903-04-10
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Ais Wahryeii Nedaction und Administration: Wien, II/l. Novaragaffe 27. K. k. österr. Posisp^rcasia Check-Conto Nr. 846.251' Inserate 20 Heller per Nonpareille-Zeile. Abonnements, und JnserationSbeträge sind in Wien zahlbar und klagbar. Möhöngtge Aeiischrifi für Misch Mtereflen. Erscheint jeden Freitag. Berugspreis: . Ganzjährig . .7. ft. 12.— v i Halbjährig .... ff. 6 — Motto: „Das Siegel Gottes ist Wahrheit!" Für Cultusbeamte: Ganzjährig.... ff. 10.— i Für Ausland: | GanzjäNrig . . .8 SDtarf. i 6 Rubel o>er 16 FcS Ar. 15. Wien, 10. Äpril 1903. Inhalt r Pessach. — Wie erzieht der Jude sein Kind zum Judenthum? — Die Juden in Meran. — Die Juden uud der Talmund. — Zu König Salomo's Zeiten. — Verschiedene Nachrichten. — Eine Andachtsstätte sür die kranken Israeliten im allgemeinen Krankenhause in Wien. — General-Versammlung des „Oesterr.-ungar. Canttoren-Vereines". — Berichtigung. Are geehrten «Herren Aöonnenlen werden um eingehende Erneuerung der Aöonnements für das am 1. April begonnene II. Huartal ersucht, damit die regelmäßige Zusendung des Mattes keine Mnterörechung erleide. Die Administration. Pessach. „Wenn uns der Herr nur aus Egypten geführt hätte, wäre für uns genug". So herrlich, ergreifend jeder einzelne Satz der Hagada ist, so tiefe Lebenswahrheit uns jedes Wort dieses Meisterstückes unser Alten lehrt, so sehr muß uns besonders das Dajenu-Lied auffallen, welches die Zufriedenheit mit dem vom Weltenkönig Gegebenen lehrt und uns zu immer wieder erneutem Danke gegen Gott auffordert, der uns aus der Knechtschaft zur Freiheit geführt, aus dem Lande der Vorurtheile und thörichten Kastengeistes zur Sinaihöhe, zur Vollkommenheit durch das Gesetz. Wenn auch die Menschen, wie das kleine Völklein Israel zeigt, nur sehr langsam, Schritt für Schritt vorwärts gelangen und große Ideen nur bei Wenigen Verständnis und Förderung finden, so können wir doch aus unserer Geschichte Lernen, daß die Welt trotz des scheinbaren Rückschrittes, trotz der steten Kämpfe zwischen Fort- und Rückschritt dennoch in Eultur und sozialer Ausgestaltung rastlos arbeitet und damit die letzten Reste egyptischer Finsternis entfernt. Allerdings darf man nicht erwarten, daß in absehbarer Zeit eine Jdealmenschheit erstehen wird, deren einzelne Glieder nur die höchste ethische Entwicklung des einzelnen wie der Gesammtheit fordern, nein, dazu werden wir trotz der „ethischen Gesellschaften" nicht so rasch kommen, sondern man muß mit dem tatsächlich Erreichten zufrieden sein und alle Kräfte zur Ausgestaltung, zur Hebung nnd Förderung seines Besitzstandes verwenden. Je weniger dabei Reibungen und Störungen anderer Kreise erfolgen, desto mehr können wir der angenehmen Hoffnung Raum geben, daß doch endlich die Zeit eines allgemeinen Friedens nahe, die Tage, in denen jeder frei seinen Idealen nachhängen darf, ohne an Verfolgung und Unterdrückung durch rohe Gewaltmit Entsetzen denken zu müssen. Denn dies ist ja die Lehre, die wir aus der egyptischen Sklaverei schöpfen, daß uns allen ohne Unterschied der Confeffion nnd Nation die freie Bethätigung unserer Ueberzeugung innerhalb des gesetzlichen Rahmens voll und ganz gewährleistet sei, daß nie-! mandem wegen seiner Confeffion oder Nation ein Unrecht geschehe, > sondern die Individualität sich frei entfalten dürie^ zum l Wohle des Ganzen. Erst wenn wir Menschen diesen Dtandj Punkt höchster Duldsamkeit erklommen haben, werden wir voll! und ganz uns verstehen und würdigen, daß die Thora uns! so oft die Schonung, Achtung und Schätzung des Fremden j einschärft „denn Fremdlinge wäret ihr in Aegypten." j Allerdings, sind wir ja noch in Aegypten, denn noch j bedrohen Haß, Neid, Herrschsucht und andere trübe Neigungen? die Menschheit, die sich in thörichten Fragen verzehrt, die nöthigj sten Bedürfnisse nicht kennt, um nur den Leidenschaften einj zelner Hetzer zu dienen. Erst wenn dieser Chome; beseitigt ist, wird ein gemeinsames Freiheitsfest möglich, erst dann wird die Zeit der Freiheitanbrechen. Chomez ossur bemaschehu. I Diese Elemente des Streites so gering sie auch scheinen, ve.eiteln alles. Wo auch nur ein einziger Hetzer das Friedenswerk stört, da ist es um die Entwicklung des Ganzen geschehen. Darum das zweifache Verbot, daß Gesäuertes weder gesehen noch gefunden werden darf. Denn wo immer sich ein solches Element der Gährung zeigt, da entsteht bald Streit, da die besseren I Kräfte bald durch dieses minderwertige Element des Rückschritts! gehemmt oder gar in ihrer Thätigkeit gehindert werden. Man! betrachte nur die lähmende Wirkung des deutsch-böhmischen j Sprachenstreites, dem so viele Regierungen bereits erlagen! und die wichtigsten wirthschaftlichen Interessen weichen müssen. > Jahre hindurch scheinen beide Volksstümme sich zeitweilig zu! nähern, im letzten Augenblicke aber scheitert die Versöhnung durch den Terrorismus einzelner, welche die großen Volksmaffen aufwiegeln und mit Utopien Hinhalten. Das Volk will Arbeit.! Lrot, wirthschaftliche und moralische Stärkung, nicht aber! thörichten Sprachenstreit einzelner Interessenten, deren Beruf! die Hetze, deren Ziel die Auflösung der bestehenden Ordnung! ist. Ist es nicht ein lächerlicher Streit, der da Jahre hindurch i die Gemüther aufregt und jede wirtschaftliche Entwickelung hemmt, zu Gunsten Weniger, die unbeachtet im Trüben fischen?! Das sind die Zustände des alten Egypten, wo die herrschende Kaste ängstlich jede bessere Regung zu unterdrücken verstand, um nur keines ihrer Vorrechte aufzulaffen. sollte dabei auch der Staat zugrunde gehen.