Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1903
- Issue
- Heft 13 (27.3.1903)
- Date
- 1903-03-27
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Setters. Me Wahrheit. Nr. 13. und Babel! Los vom Semitisjmus, zurück zum Ariertuml Wenn aber Delitzsch wirklich Sem's Gefilde durchaus meiden will, dann wird er die erschreckende Erfahrung machen, daß er vom Regen in die Traufe kommt; denn, wie allerneueste Forschungen keines Geringeren als Hugo Wincklers erweisen, stecken im Grundwesen und Grundglauben der ältesten Germanen ursemitische Elemente. Ist das nicht traurig? Die rumämsche Iudenfrage. Der stammende Protest, welchen der amerikanische Staatssekretar Hay in seiner an die Signatarmächte des Berliner Vertrages gerichteten Circularnote gegen die jedem Menschen- und Völkerrechte hohnsprechende Behandlung der rumänischen Juden erhob, hat wol bisher keinerlei praktischen Erfolg gehabt, aber dennoch beginnt sich allmalig das öffentliche Gewissen zu regen und in England, Deutschland, ja sogar in unserem für Judenfragen sonst nicht so leicht zu enthusiasmirenden Oesterreich werden die Regierungen durch hervorragende Parlamentarier aufgefordert, ihre Aufmerksamkeit den unerhörten Bedrückungen der rumänischen Juden zuzuwenden. Im Deutschen Reichstage brachte am 20. März beim Etat des Auswärtigen Amtes der Sozialist Bernstein die rumänische Judenfrage zur Sprache. Zu den Diplomaten, die auf der Tribüne diesen heftigen Protest gegen ein anstößiges Willkürregiment anhörten, gehörte auch der österreichisch-ungarische Botschafter Szögyenyi. Er folgte der Debatte mit ersichtlichem Interesse. Bernstein beklagte zunächst die Untätigkeit der Signatarmächte gegenüber den armenischen Greueln und fuhr dann fort: Roch ein anderer Volksstamm leidet unsäglich, entgegen den Beschlüssen des Berliner Vertrages, das sind die rumänischen Juden. Die Gleichberechtigung der Religionen ist im Berliner Vertage ausdrücklich gerade im Hinblicke auf die rumänischen Juden ausgesprochen worden. Rumänien verdankt seine Wstenz der Hilfe der europäischen Staaten, in denen damals noch der liberale Gedanke mächtig war. Als Preis für diese Hilfe wurde eine humane Behandlung der jüdischen Bevöllkerung von Rumänien verlangt, aber die rumänischen Staatsmänner haben ihr Versprechen noch schlechter gehalten als die Türkei, und zwar nicht aus Unfähigkeit, sondern aus bösem Willen. Ein schmählicher Wortbruch wird täglich begangen. Mit unerhörter Grausamkeit werdcu die Juden dort behandelt. Unter den 6 Millionen Rumänen befinden sich 370,000 Juden, in der Mehrzahl echte Proletarier, Arbeiter und Handwerker. Gegen sie richtet sich eine Politik der Aushungerung, wie sie ein rumänischer Staatsmann selbst genannt hat. Redner gibt einige Beispiele für die Art der Behandlung. Die rumänischen Staatsmänner haben mit der Schlauheit, die nur im Orient zu finden ist, verstanden, sich um die eingegangenen Verpflichtungen herumzudrücken, es werden keine „Juden" mehr ausgewiesen, sondern nur die „Fremden". Der größte Haß gegen das Judentum in irgend einem Lande hat nicht so grausame Maßregeln erdacht, wie sie in Rumänien durchgeführt werden, und Europa sieht diesen Zuständen müffig zu und duldet das! Im österreichischen Parlament steht die Einbringung einer Interpellation bevor, worin ^.die österreichische Regierung gefragt wird, was sie gegenüber jbeii bem Berliner Vertrage geradezu hohnsprechenden rnmäni- „ schen Zuständen zu thun gedenke. So fragen auch wir heute den. Reichskanzler: Ist dem Reichskanzler bekannt, daß Schritte getan werden, um die rumänische Regierung an ihre Verpflichtungen zu erinnern, und ist der Reichskanzler entschlossen, sich solchen Schritten anzuschließen? Deutschland ist ja in Rumänien Handels- und leider auch finanzplilisch interessiert, aber diese Interessen sind ebensowenig bedroht wie die des Friedens, wenn Deutschland in energischer Weise die rumänische Regierung an die Pflichten der Menschlichkeit mahnt. Rumänien ist korrumpiert durch ein blutsaugerisches Heer voll Beamten. Leider war Deutschland viel öfter beteiligt bei der Niederhaltung als bei der Befreiung der Völker. Deutschland, fuhr der Redner fort, ist einer der Unterzeichner des Berliner Vertrages, Deutschland ist mitverantwortlich für die rumänischen Zustände. Die dortigen Unterdrückten schauen hilfeflehend auf das Deutsche Reich, und es geht jetzt die dringende Mahnung an die deutschen Staatsmänner, ihre Pflicht zu tun, damit es nicht wieder heiße wie im „Don Carlos": „Verkauft, verkauft und wiederum verkauft von dem berühmten Handelsmann im Norden!" (Lebhafter Beifall bei den Sozialisten.) Es ist bezeichnend für die Haltung der Konservativen, daß Oertel Bernsteins Rede mit einigen witzig sein sollenden Redens arten abtun zu können glaubte. Oertel sagte: Der Herr Vorredner hat mit Mund und Hand flammenden Protest erhoben gegen die Bedrückung der rumänischen Juden. Europa hat den Protest gehört, und Europa wird sich danach zu richten haben. (Große Heiterkeit rechts. Unruhe bei den Sozialdemokraten.) Der Herr Vorredner hat sich darüber beklagt, daß die rumänischen Juden nicht Makler werden dürfen und nicht zu Versteigerungen zugelassen würden. Das ist gewiß sehr bedenklich. (Heiterkeit rechts.) Es ist nur die Frage, ob der deutsche Reichstag das Recht hat, gegen diese Behandlung der rumänischen Juden einzuschreiten. Ein gewisses Recht konzediere ich, weil im Berliner Vertrage Bestimmungen enthalten sind, gegen die die rumänische Regierung verstoßen haben soll. Die rumänische Regierung ist aber nicht der Meinung, daß sie das getan hat, und die europäischen Regierungen haben diese Meinung auch nicht bekundet. Die Anregung Amerikas hat auch keine Gegenliebe gefunden. Schräder (freisinnig) berührt ebenfalls kurz die rumänische Judenfrage. Nach seiner Ansicht sollte Deutschland diese Angelegenheit in die Hand nehmen und bei den Si natarmächten entsprechende Schritte tun, zumal die Abmachungen des Berliner Kongresses vielfach auf Bismarcks Jntiative zurückzuführen seien. Die Großmächte sollten mit Rumänien ein ernstes Wort geden. (Zustimmung links.) Vom Bundesratstische kam keine Antwort. Die deutschen Staatsmänner scheinen keine Neigung zu haben, sich mit dem rumänischen Problem zu beschäftigen, aber einigen Hoffnungsschimmer mag immerhin die aus Berlin kommende Nachricht gewähren, daß die Vorsitzenden des dortigen Hilfscomitäs, James Simon und Stadtverordneter Dr. Paul Nathan, welche jüngst beim Reichskanzler Grasen Bülow Audienz hatten, in dem über diese Audienz dem Comit« erstatteten Berichte erklärten, daß sie alle Veranlassung haben, dem Reichskanzler für sein Entgegenkommen dankbar zu sein. Anläßlich der letzthin im österreichischen Abgeordnetenhause eingebrachten Interpellation in Angelegenheit der rumänischen Juden bringt auch die „Nene Freie Presse" in ihrem Leitartikel vom 23. März von einem ausgezeichneten Kenner der Verhältnisse, einem Manne, der an der Spitze des öffentlichen jüdischen Lebens in Wien steht, eine eingehende Schilderung der rumänischen Judennot, die die ganze Niedertracht der rumänischen Regierungsmänner bloßlegt. Dieser treffliche Artikel verweist in seiner Einleitung auf die große Theilnahme, deren sich die armen rumänischen Juden in den hervorragendsten Kreisen der englischen Nation erfreuen. Es heißt daselbst: „So hat denn endlich auch das österreichische Abgeordnetenhaus den Gewissenmahnungen Folge geleistet, welche namentlich in den letzten Jahren und immer und immer wieder von neuem hervorragende Staatsmänner, Parlamente und andere öffentliche Körperschaften in und außer Europa zu Gunsten jener Hunderttausende von Unglücklichen erhoben. Da erscheint in London in unbestimmten "Zeitabschnitten eine Flugschrift: „lb.6 Roumanian bulettin. A record of persecution“, welche über die Lage der Juden in Rumänien eingehend berichtet. In derselben finden sich Zuschriften von dem Erzbischhof von Canterbury, den Lords-Bischöfen von Landen und Wakefield, Lecky, Herbert Gladstone, Chamberlain, Charles Dilke, Professor Diceh (Oxford),; Campbell-Banermann, William Harcourt, Asquith, Jessie Collings, dem General der Heilsarmee Booth,