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Die Wahrheit · 1903-03-27 · Heft 13 (27.3.1903) · page 5

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1903
Issue
Heft 13 (27.3.1903)
Date
1903-03-27
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Die Wahrheit. Nr. 13 Getter 8^ Da gilt eine Betrachtung, welche Pröfeffor Büchler in der Einleitung se ines treflichen Wertes „Das' Synhe driou in Jerusalem" anstellt und wo er sagt, daß den talmudischen Quellen dieselbe Methode wissenschaftlicher Arbeit gebührt, wie sie an allen anderen litterarischen Ueberlieferungen geübt wird und daß die nichtjüdischen Forscher diese Forderung nicht nur nicht erfüllen, sondern umgehen; daß es ferner nicht anginge, daß, sobald talmudische Meldungen denen des Evangeliums gegenüberstehen, die Sachlichkeit der Forscher ein Ende habe. Das ist auch in gewissem Sinne bei dem von uns behandelten Gegenstände der Fall. Der Bibel und den Propheten gegenüber erscheint Alles, auch das Unsinnigste gestattet, nicht aber gegenüber den Religionsnrknnden des Christentums, vor denen Delitzsch übrigens erst jetzt, nachdem er ans protestantischem wie katholischem Lager heftige Angriffe erfahren, seine tiefsten Reverenzen macht und ganz bedenklich die Augen verdreht- Er ist nicht nur unwissenschaftlich und u n g eschichtlich, er ist auch unehrlich. Bleiben w i r aber bei der Wissenschaft. Daß es „immerhin dankenswert" ist, wie Delitzsch sagt, wenn aus den keilinschriftlichen Denkmälern Bestätigungen der biblischen Berichte hervorgehen, wer hat das jemals in Frage gestellt? Daß in Kutha der Gott Nergal verehrt wurde, daß die Stadt Chalech wirklich existirte, daß auf dem schwarzen Obelisk Salmanasser II. tributbringende Inden abgebildet sind, daß der Prophet Nehum ausgezeichnete Kenntnis assyrisch-babylonischer Dinge hatte, wer weiß es nicht? Nebenbei gesagt, schmückt sich Delitzsch absichtlich oder unabsichtlich oft mit fremden Federn, woran der Umstand nichts ändert, daß er Eb. Schräders doch endlich einmal gedenkt und dessen Abhandlung über Nebukadnezars Wahnsinn citirt. Sowie dasjenige Wahre und Richtige, was er über den Gottesnamen und Monotheismusmns sagt, bereits in KU? zu finden ist, so auch die bombastischen Auslassungen über den ßeem; (bei Schräder freilich nicht banausisch und phrasenhaft); über U eberein stimm un gen des Hebrä.is ch e n m i t dem Babylonischen nach Sprache, S t i l, D e n k - u n d V o r st e l l n n g s w e i s e. Die wolfeile und seichte Art, mit welcher Delitzsch etwa über Jonah spricht, verdient nicht beachtet zu werden; er weiß ganz gut, was die wissenschaftliche Exegese, auch die jüdische, darüber urteilt. Die Herausschülung des sittlichen Kerns macht Delitzsch viel Freude; als wenn niemals jemand vor ihm davon etwas verstanden hätte! Der Geist der beabsichtigten Aeudernngen im zweiten Dekalog ist Delitzsch natürlich nicht begreiflich. Wie ihm überhaupt alles^ nicht begreiflich ist, was Israel znm Vorteil, Ruhme und stolze gereicht. Er dnrchwühlt mit heißem Bemühen die heiligen Schriften und reißt da und dort ein Stück aus seinem Zusammenhänge, um dadurch die Inferiorität der Bibel, der Propheten zu beweisen. Ans dem Banne der Voreingenommenheit befreit sich ja selbst Cornill nicht in seinem sonst herrlichen Buche der „Israelitische Prophetismus". Auch er bestreitet den Universalismus des israelitischen Monotheismus. Das müssen die nichtjüdischen Religionsforscher alle. Denn das soll ja den höchsten Ruhmestitel des beginnenden Christentums ausmachen. Wenn aber weltumfassende Menschenliebe und idealster Monotheismus Kern und Stern der israelitischen Religion vom Anfang an gewesen sind, was bliebe denn für die alleinseligmachende Confession übrig? Delitzsch abe ist so fromm nicht, wie er jetzt tut. Er flüchtet sich jetzt offenbar in den ^choß der Kirche und haut von d tes em Ver st e cke auf das Judentum los. Daß er dabei auf seine Rechnung kommt, wer findet es nicht selbstverständlich? Oder heißt es nicht die Geschichte in lüderlichster Weise entstellen oder gar fälschen, wenn man sagt: ^„Diesen national-partikularistischen Monotheismus, welcher naturgemäß in Abschnitten wie der Weltschöpsnngserzählnug nicht hervortreten kann, aber sonst unleugbar, das ganze alte Testaurent durchzieht,vom Sinai an: „Ich bin Jhv, dein (Gott", bis zu Deuterojesajas „Tröstet, tröstet mein. Volk" > und Zacharias Prophetenwort „So spricht I. Zebaoth: In! jenen Tagen geschieh't's, daß zehn Männer aus allen ZnnHen! der Völker (Grojim) (Delitzsch setzt diesen, von. Feindesseite! mit besonderem Behagen uns vorgeworfenen Ausdruck .mit! lucht minderem Behagen so oft als möglich in Klammern)! sich festklammern werden an den Rockzipfel eines jüdischen i Mannes, bittend: laßt uns mit euch gehen, denn wir haben! gehört, Gott ist mit Euch"; diesen Monotheismus, welcher; wie z. B. noch Paulus annimmt, alle übrigen Völker der l Erde Jahrtausende hindurch ohne Hoffnung sein ließ und ohne j Gott in der Welt, hält es schwer, für „offenbart" zu halten; von dem heiligen und gerechten Gott! Und doch sind wir j alle von Jugend auf von diesem Dogma des alleinigen j Bürgerrechts Israels dermaßen hypnotisirt, daß wir die Ge-! schichte der alten Welt unter einem ganz schiefen Gesichts* j winkel betrachten und uns auch jetzt noch gern mit der Rolle i des geistlichen Israel begnügen, dabei der gewaltigen Um-; wälznng vergessend, welche sich in der mit Johannes dem! Täufer und Jesu Predigt anhebenden neutestamentlichen Zeit i vollzog, jenes dramatischen Kampfes zwischen Judentum, Juden-! christen- und Heidenchristentnm, bis Petrus ausrufen konnte: j Ich fasse in Wahrheit, daß Gott nicht auf die Person stehet, sondern wer in irgend einer Nation ihn fürchtet und Gerechtigkeit übt, der ist ihm angenehm, damit die Scheidewand zer-! reißend, zwischen orientalisch-israelitischer und chriftlich-phylo-! sophischer Weltanschauung."! Wo soll man da zuerst anfangen zu widerlegen? Als ' wenn Petrus der erste wäre, der solch' hohe, edle Auffassung gehegt hätte und nicht vielmehr alle Propheten zurück bis in die ältesten Zeiten. „Es ist in: innersten Wesen des Judentums begründet, daß es sich nicht für allein seligmachend hält. Für das Judentum ist das Entscheidende und das die Menschen Einigende: die Heiligung Gottes durch die Heiligung des Lebens. Wem immer diese gelingt, der ist wahrhaft! fromm und des höchsten Lohnes wert. Ein Himmelreich, in! das nur Inden Einlaß finden, oder in welches der Eintritt! nur auf ein jüdisches Symbolium gewährt wird, kennt das! Fndentnm nicht." Diese Worte eines der ersten Kenner und! Forscher des Judentums unserer Zeit sollte sich Herr Delitzsch i merken, der von „wissenschaftlich überwundenen Dogmen"! faselt. Wo sind die Dogmen? Etwa gar im Judentume und j bei Israel? Da muß man doch ganz irgendwo anders suchen.! Die „Umwälzung", von welcher Delitzsch spricht mrd die aller-! dings in der W rkstätte der Schönfärberei selbst der größten! nichtjüdischen Religionsforscher, wie Franz Delitzsch, Kuenen, j Duhm, Dillmann, Schürer, Cornill rc. rc allgemein behauptet j wird, war aber denn doch nichts anderes als eine Abwälzung j der Besten, welche das gesetzestreue, pharisäische Judentum gez fordert hatte unter Herausholuna des reinethischen Bestandes! des überlieferten Judentums, das im Evangelium Matthäi i niedergelegt wurde. Das Judentum hat also tatsächlich nur i ein gewaltiges Plus, nicht aber ein Minus.; Man kann das übrigens tausendmal beweisen; es wird j licht helfen. Das wird und will mau uns nicht glauben, j Da lobe ich mir schon den Standpunkt der mit der alt-! israelitischen Ueberlieferung aufräumt und auf Germaniens! Urzeit girückweist. Aber, welch' ein Wunder? Delitzsch, der! unermüdliche Anwalt der semitischen Altbabylonier, wird ihnen! plötzlich untreu. Auch er sagt: „Statt uns mit Dank be-! wundernd zu versenken in das Walten Gottes in unserem : eigenen Volke, von der germanischen Urzeit an bis j ans diese Tage, fahren wir aus Unkenntnis, Gleichgiltigkeit! oder Verblendung fort, in jenen altisraelitischen Orakeln den j officiösen Charakter anznerkennen, der weder im Licht der j Wissenschaft, noch in dem der Religion oder der Ethik j standhält." Höchst sonderbar. Der Panegyrikus ursemitischer Zeit j verwandelt sich in einen Urgermanen; wir erwarten im dritten Vortrage Delitzsch's das Losungswort: Los von Bibel

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