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Die Wahrheit · 1903-03-20 · Heft 12 (20.3.1903) · page 7

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1903
Issue
Heft 12 (20.3.1903)
Date
1903-03-20
Page
– (sequence 7)
Language
German
Belongs to
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Nr. 12 Die Wahrheit. Seite 1. blichenen, der eine so große Lücke in der Gemeinde zurückgelassen hat, das letzte Geleit zu geben. Die Vorhalle war. mit ernstem Blumenschmuck besetzt, aber eine überaus reiche Trauerdekoration wies die Umgebung der heiligen Lade auf. Schwarze Florgehänge, vor denen große Kandelaber brannten, und dazwischen Lorbeer und Palmen. Vor dem Allerheiligsten lag der Sarg aufgebahrt, bedeckt mit einer Fülle von Kränzen, die von Familienhand niedergelegt waren. Ringsum stauten sich die übrigen Kränze, die die Freundesschaar des Verblichenen gespendet hattte. Neben den Angehörigen der Familie sah man vorn auf den ersten Sitzreihen die Vertreter der Berliner Kommune, Oberbürgermeister Kirschner, die Stadträte Namslau, Marggraff, Friede!, Kalisch Straßmann, Münsterberg und Gerstenberg. Weiter waren erschienen die beiden Vorsteher der Stadtverordnetenversammlung Dr. Langerhaus und Michelet. Die alte Fraktion der Linken, in der der Verstorbene i lange Jahre den Vorsitz geführt hatte, war fast vollzählig am Platze mit ihrem jetzigen Führer Justizrat Cassel. Aus den Kreisen der Anwaltschaft waren erschienen unter anderen Geheimrat Lesse und Geheimrat von Simson. Unter den zahlreichen Vertretern der Berliner Finanz- und Handelswelt sah man den Geheimen Kommerzienrat Herz. Der Vorstand, die Repräsentantenversammlung und das Rabbinat der jüdischen Gemeinde waren vollzählig erschienen nebst zahlreichen Deputationen aus den Verwaltungszweigen der Gemeinde und humanitärer Anstalten. Mit Orgelpräludium, dem Chorgesang folgte, setzte die Gedenkfeier ein. Dann bestieg Rabbiner Dr. Maybaum die Kanzel, um ein scharfumrissenes Lebensbild des Heimgegangenen zu zeichnen, der in Racheifrung seines Vaters stets das Wort sich gegenwärtig hielt: „Besser ein guter Name, denn duftiges Oel- und in echt freiheitlichem Geiste als.Oberhaupt der Gemeinde wirkte. Namens des Gemeindevorstandes sprach der jetzige Vorsteher Julius Jacoby einen warmen Nachruf. Ein recht inniges Gedenkwort widmete Professor Ludwig Geiger namens des Schulvorstandes. Er schilderte in kurzen Zügen, wie es dem Verstorbenen am Herzen lag, der Jugend neue Heimatstätten zu schaffen, auf daß fie gefestigt und mit echt deutschem Geiste getränkt den Kampf mit dem Leben aufnehmen könne. Für die Fraktion der Linken schprach Stadtverordneter Cassel. Der Redner der Kommune rühmte die unermüdliche, durch hervorragende Rednergabe unterstützte Tätigkeit des Dahingeschiedenen im Dienste der Stadt Berlin. Für ihn gelte mit Recht das Wort: Mensch sein, heißt ein Kämpfer sein. Rabbiner Rosenzweig gab zum Schluß noch einmal einen Ueberblück über das Wirken des ' Verstorbenen und sprach ein Gebet. Chorgesang beendete die Feier. Dann wurde der Sarg, mit Palmenträgern vorauf, aus dem Gotteshaus getragen. Dicht hinter dem Sarg schritt das Rabbinat, dem der Oberbürgermeister, die Stadträte, die Stadtverordneten und die Familie nebst den übrigen Leidtragenden folgte. Dann setzte sich der Kondukt in Bewegung nach dem Friedhof in den Schönhauser Allee, wo unter würdiger kurzer Andacht die Beisetzung stattfand. __ Verschiedene Nachrichten. ßin interessanter Hag. Ostersonntag und der erste Tag des jüdischen Passahfestes fallen in diesem Jahre zusammen. Das ist ein Erreignis, welches seit dem Jahre 1328 nicht stattgefunden hat. Das Concil zu Nicäa glaubte, dies Zusammentreffen unmöglich gemacht 311 haben, indem es die Bestimmung traf, der erste 'Ostersonntag sollte am ersten Sonntag nach dem Vollmond der Frühlings-Tag- und Nachtgleiche sein. Diese Rechnung erwies sich weniger genau, als die uach dem jüdischen Kalender. Diesen Kalender bezeichnete der berühmte Gauß als die feinste mathematische Berchnung; die diesjährige Konstellation am 13. April ist ein neuer Beleg der Behauptung Hauß'. Ein Zusammentreffen der obengenannten Tage geschieht äußerst selten, und erst in vieljährigen Zwischenräumen.- Wien. In dem besonders reich decorirten Tempel in der Seitenstettengasse fand Dienstag, den 17. März halb 1 Uhr nachmittags die Trauung des Fräulein Lucie von Rappaport, Tochter des Reichs- ' rathsabgeordneten Dr. Arnold Ritter von Rappaport-Porada mit sHerrn Albrecht Freiherrn von Schey-Koramla statt. Dem Trauungsacte, welchen Oberrabbiner Dr. Güdemann und Obercantor Singer vollzogen, wohnten die vornehmsten Kreise der Wiener Gesellschaft bei und bemerkte man den Minister Dr. Pientak, Geheimrath Dr. Unger, die Abgeordneten Ritter M. Jaworsky, Dr. Dzieduszycki, Ritter von Abrahamovitz, Fürst Sapieha, Fürst Lubomirsky, den I. Vicevräsidenten der Wiener Cultusgemeinde Dr. Stein, die Cultusvorsteher Ritter von Goldschinidt. Ritter von Taußig, Baurath Stiasny, Dr. Spitzer und andere hervorragende Persönlichkeiten der Wiener Gesellschaft. Wien. Mittwoch, den 18. d. 3 Uhr Nachmittags wurde unter überaus zahlreicher Theilnahme Frau Amalie Bardach, Witwe nach dem ehemaligen Bethausvorsteher Jaques Bardach uad Schwester des zweiten Vicepräsidenten der Wiener Cultusgemeinde, Herrn Dr. Gustav Kohn, zu Grabe getragen. Im Trauerhause, II., Ullrichgaffe, sprach Herr Rabbiner Dr. Schmiedel und am Friedhofe hielt Oberrabbiner Dr. Güdemann der Verblichenen einen warmen Nachruf. Die cantorale Function versah Obercantor Guttmann. Wien. Knapp vor Schluß des Blattes erhalten wir die traurige Nachricht, daß der Präsident des Curatoriums der isr. theol. Lehranstalt in Wien und Obmann der Chewra Kadischa, Herr Moritz Karpeles, Mittwoch Abends von einem Plötzlichen Tode ereilt wurde. Das Leichenbegängnis findet Freitag, den 20. d. Vormittags vom Trauerhause, I., Ebendorferstraße, statt. Wie«. Am verflossenen Sabbath Schekalim hielt der Gemeinderabbiner M. Mayersohn in der Synagoge des „Beth Israel-Vereins'* eine außergewöhnliche Derascha, die die Cermonie des Machzis Haacheksl sowohl halachisch als agadisch erörterte und deren hohe Bedeutung an der Hand tiefsinniger Talmud- und Midraschstellen würdigte. Obschon der der geistreiche Vortrag nahezu V* Stunden währte, erlahmte das Interesse des zahlreich erschienenen Publikums nicht und erhielt sich bis zum Schlüße rege. — — (Ehrung.) Am verflossenen Purimfeste wurde dem Funktionär des »Beth Israel-Vereines-, Herrn Oberkantor M. Schorr, eine besondere Ehrung zutheil. Um die dritte Nachmittagsstunde fand sich in dessen Wohnung, in Vertretung des Vereines, eine Deputation ein und überreichte ihm in Anerkennung seiner ersprießlichen cantoralen Thätigkeit und in besonderer Würdigung seiner vorzüglichen Leistungen an den verflossenen hohen Feiertagen ein Ehrengeschenk. Dasselbe besteht aus einem prachtvoll angefertigten Tischaufsatz aus massivem Silber, mit der eingravierten Inschrift: Andenken von den Mitgliedern des Vereines „Beth Israel" ihrem verdienstvollen Obercantor, Herrn Mayer Schorr, sowie aus einer von einem zierlichen Rahmen umgebenen Adresse, die in schwungvollen Worten die Verdienste des Gefeierten hervorhebt und die Unterschriften zahlreicher Mitglieder des Vereines trägt. Auf die herzliche Ansprache, die der Führer der Deputation bei der Ueberreichung des Ehrengeschenkes hielt, dankte Obercantor Schorr, der seine freudige Rührung kaum zu bemeistern vermochte, in wenigen aber tiefempfundenen Worten und versicherte schließlich, daß ihm der heutige Tag stets ein doppelter Freudentag sein werde, mit Rücksicht auf die hohe Ehrung, die ihm derselbe gebracht habe. Erst nach mehrstündigem fröhlichem Beisammensein, bei welchem die gegenseitige» freundschaftlichen Gesinnungen erneuten Ausdruck und zahlreiche humorvolle Gedanken sinnige Anwendung fanden, verabschiedete sich die Deputation von dem Bewußtsein beseelt, in geeigneter Zeit eine Ehrenschuld abgetragen und einein längst gefühlten Herzensbedürfnis concrete Formen verliehen zu haben. D. S k u t e z k y. Wien. (Ein Purimfest.) Der überaus rührige und segensreich wirkende Brigittenauer israelitische Unterstützungsverein läßt sich keine Gelegenheit entgehen, wo es gilt, die Mittel zu schaffen, um der überhandnehmenden Armuth der Brigittenauer jüd. Bevölkerung wirksam zu steuern. Was lag nun näher, als zu diesem Behufs am Purim Abend Donnerstag den 12. d. M. im Prachtsaale des Baierischen Hofes eine geschloffene Maskenredoute;u veranstalten. Unsere Jugend beiderlei > Geschlechtes folgte in großer Zahl dem Rufe des sehr wackern Vereinsvorstandes; galt es doch einmal recht lustig und ausgelassen zu sein im Dienste der Humanität. — Und so bot sich.dem ruhigen Beobachter von dev Galerie des Saales ein ebenso bewegtes wie yerzerfreuendes Bild dar. Um die Mitternachtszeit führten mehr als 100 Paare in bunten und malerischen Costümen eine Quadrille auf und man konnte sehen, wie ernste und glaubenseifrige Männer: Dr. Weinstein, Dr. Roth, Dr. Schreiber u. A. mit freudigem Herzen über das Gelingen des schönen Festes tanzten. Da kam mir ein Ausspruch Max Kalbecks in den Sinn: „Opfere dein Herz auf dem Altar der Menschheit und lasse deinen Schmerz untergehen in der allgemeinen Freude." — Daß jüdische Frauen und Mädchen nicht blos durch Herzens- und Geistesandel glänzen sondern auch in vielen Fällen durch die äußere Erscheinung geradezu fascinieren, bedarf nicht erst der Beweise; deshalb möge es uns erlassen sein, einzelne Namen wie überaus hübsche Costüme hervorzuheben. Nicht versagen können wir es uns jedoch zu erwähnen, daß die Vorstandsmitglieder deL Vereines, die Herren: Friedmann Papa Schreiber, Polatschek, Goldner» Weiß, Bäckmann, Bernkopf, Schick, Körner und Spira in Altwiener Toilette, färbiger Frack, buntes Wamms und Spitzhut, Herr Bernkopf sogar als „Ritter ohne Furcht und Tadel" in Seidencostum mit Degen den Erschienenen die Honneurs machten. — Nicht in letzter Linie und lobend muß noch hervorgehoben werden, daß der Brigittenauer Frauen» Unterstützunsverein, geführt von der Präsidentin Frau Dr. Weiß, sich zahlreich an dem Fest betheiligte und wesentlich zum materiellen Erfolge beigetragen hat, ebenso hat sich Herr Dr. Armin Süß als Obmann deS Ballcomitös um die Sache sehr verdient gemacht. Zur Vollständig-! keit unseres Berichtes sei noch zum Schluffe erwähnt, daß je drei Preise j für originelle Engelmasken und Gruppen, bestehend in 1 gold. Damenuhr^! 1 gold. Kette, 1 hübscher Goldring, 30, 20, und 10 Kronen in Gold, zur j Vertheilung gelangten. — Wie nothwendig diese Veranstaltung für die j armen Glaubensgenossen in der Brigittenau war, möge folgende mir von befreundeter Seite noch mitgetheilte Episode drastisch illustrieren. Bor Kurzem fand ein wahrer „Run" auf den Obmann dieses Vereines, Herrn Jg. Friedmann, statt. Er konnte nicht allen Wünschen gerecht werden uni» sagte: „In 14 Tagen." M. Ch. Wien. Sonntag, den 22. März 3 Uhr Nachm, findet im Tempel in Floridsdorf (Schindlergasse) die Trauung des Fräulein Gisela. Skutezky, Tochter unseres geschätzten Mitarbeiters, Herrn Religionslehrer D. Skutezky, mit Herrn Moritz Sachs statt. Znaim. Dienstag, den 17. d. M. fand hier die Trauung des- Herrn Hermann Teltscher, Weingroßhändler, ,nit Frl. Theresia Reininger, Tochter'des Herrn D. Reininger aus Battelau, statt. In Anbetracht der großen Beliebtheit deren sich die Familie Teltscher erfreut, hatte sich zu der Trauung ein zahlreiches Publikum eingefunden. Den Traungs» akt vollzog Rabbiner Dr. Kahan und den liturgischen Theil Herr Kantor- Rosenzweig.

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