Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1903
- Issue
- Heft 12 (20.3.1903)
- Date
- 1903-03-20
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4. Die Wahrheit. Nr. 12. Entdecker der Bibelkritiken, und als wenn Eberhard Schräder nicht bereits vor dreißig Jahren Alles und Jedes, was er breit tritt und ausschrotet, in vorzüglicher Form gesagt hätte. Diese Jgnori rung früherer Leistungen ist geradezu empörend. Und noch empörender, wie Delitzsch die solide Arbeit seiner Vorgänger verunstaltet und discreditirt. Doch ich will ja vom Monotheismus sprechen. . Delitzsch sagt: „Und damit sei mir ein letztes verstattet zu dem, was die weltgeschichtliche Bedeutung der Bibel ausmacht: dem Monotheismus. Auch hier hat uns Babel in der allerjüngsten Zeit einen neuen, ungeahnten Ausblick eröffnet. — Jenes altsemitische Wort oder vielmehr Wörtchen für Gott, uns allen wohl bekannt aus Mi, Eli lama azabtomi, heißt el und bedeutet Ziel; das Wesen, nach welchem, wie nach ihrem Ziele die Augen himmelwärts schauender Menschen sich richten. Wir finden bei den nordsemitischen Stämmen, die sich nin 2500 v. Ehr. in Babylonien seßhaft gemacht, Personennamen wie „Gott hat gegeben", „Gott ist Gott", „Gott mit mir". Aber noch mehr. Durch die Güte des Directors der ägyptischassyrischen Abteilung des britischen Museums bin ich in den Stand gesetzt, drei kleine Thontäfelchen im Bilde zu zeigen (natürlich mit einem theatralischen Hinweis auf das eben erscheinende Skioplikonbild). Was ist — wird man sagen — an diesen Tafeln zu sehen? Zerbrechlicher, zerbrochener Thon mit eingeritzten, schwer lesbaren Schriftzeichen. Wol wahr! aber sie sind aus der Zeit des Hammurabi, das eine aus der Regierungszeit seines Vaters Sinuballit; in noch höherem Grade aber deshalb merkwürdig, weil sie drei Namen enthalten, welche religionsgeschichtlich von weittragendem Interesse sind — die Namen: Javeh ist Gott! .Also Jaho, der Seiende, der Beständige, der allem Wechsel entnommen — dieser Javenamen geistiges Eigentum eben jener Nomadenstämme, aus welchen nach einem Jahrtausend die Kinder Israel hervorgehen sollten". So weit Delitzsch. Es sei zunächst ans die theatralisch-bombastische Art hingewiesen, mit der Delitzsch diese piece de resistance seines Vortrages einleitet. Des ist nicht die Art eines Gelehrten, sondern — es muß leider gesagt werden — eines M ark ts ch r e i e r s. Man sollte aber doch wenigstens meinen, daß die hier mit so viel Pathos aufgestellten Behauptungen unbedingt richtig sind. — Daß dies nicht und keinesfalls in dem Maße der Fall ist, wie es Delitzsch vorbringt, habe ich in meinem mehrfach erwähnten Vortrage auseinandergesetzt, der demnächst in den Mitteilungen des „Wissenschaftlichen Club^ erscheinen wird. Gegen diese gedachten Hypothesen hat sich ein Proteststurm erhoben, der aber, wie neuestens erwiesen, Delitzsch nicht eingeschüchtert hat. Unsicher ist nun erstens, ob die um 2500 in Babylonien eingewanderten Stämme Nordsemiten waren; unrichtig die Erklärung von ei als Ziel; ganz haltlos die Behauptung, daß die zwölf Stämme aus diesen Semiten hervorgegangen wären, und ein Phantasiegebilde l u f t i g st e r Gattung die Inanspruchnahme des Monotheismus für die Zeit Hammurabis. An dieser Stelle kann ich es mir vergönnen, die köstlichen Briefe des Pariser Assyriologeu Jules Oppert zu veröffentlichen, die er über diese Dinge an mich zu richten die Güte hatte. „Paris 2 me de Sfax, 13. Februar 1903. Hochverehrter Herr Doctor! Ihr so freundschaftlicher Brief, für den ich bestens danke, gibt mir die angenehme Gelegenheit, die lange unterbrochene Verbindung mit Ihnen wieder anzuknüpfen, und zu diesem Angenehmen gesellt sich auch das Nützliche. Er hat mich veranlaßt, einmal selbst die von Delitzsch angeführten Stellen durchzusehen und obgleich meine schlechten Augen mir dieses nicht ohne große Anstrengung möglich machten, ist es mir gelungen, die sehr schlecht geschriebenen Tafeln zu entziffern. Die ganze Nichtigkeit der Schlüffe Delitzsch wird Ihnen selbst einleuchten. Es folgt Jmtit eine streng wissenschaftliche textkritische Abhandlung über die drei Tontäfelchen, aus welchen nach Delitzsch der Jahve-Namen zu lesen ist. Oppert zeigt, daß die Lesungen höchst unsicher, zum Teile falsch sind. Der Inhalt der drei Täfelchen, welche Rechtsnrkunden sind, schließt jede religiöse Deutung aus. Die drei Namen lauten : 1 aup-pi-ilu (nach Delitzsch Ja-a-ve-ilu) J a-pi-il (nach Delitzsch Ja-ye-ilu) Ja-u-um-ilu. Die zwei ersten Namen sind also bestimmt nicht das, was Delitzsch behauptet. Ich werde an anderer Stelle auseinandersetzen, daß Delitzsch's wissenschaftliche Stützen für seine Lesungen, die er im Anhänge zum ersten Vortrage bringt, haltlos sind. In Bezug auf den letzten Namen schreibt Oppert sarkastisch weiter:. " „Dieser Ja-u-um-ilu war ein Stockalamite. Ist der ein Jude gewesen, was 800 Jahre vor Moses nicht leicht Möglich war, so ist er geschmadt und benimmt sich wie ein getaufter Jude, der Jesus Christus rnst. Wir haben aber uicht^das Recht, diesen vielleicht ganz anständigen Goj in so ehrenrühriger Weise zu. verdächtigen! „Was ich in dem Artikel der „Zeit" nicht gesagt habe, ist die schmählich unhistorische Art, mit welcher Delitzsch in seinen Forschungen verfährt. Aus einem kleinen Tontäfelchen, das gerade das Gegenteil von dem bedeutet, was er beweisen will. Wäre ein Gott bei den Babyloniern, so hieße er nicht in den verschiedenen Verbindungen bald so, bald so Auch, der heilige Augustinus behauptet, die Römer hätten eigentlich einen Go tt, der nur in den verschirdeu'en Attributen bald Jupiter, bald Apollo, bald Neptun und anders heißt. . Mit besten Grüßen Ihr freundschaftlich ergebener I. Oppert/': So viel ist sicher. Delitzschs Ausführungen tragen für jeden nur halbwegs Eingeweihten den Stempel teils der Unsicherheit teils der Falschheit an sich. Die letzte Bemerkung Opperts bezieht sich ans die Bemerkung Delitzsch, daß „f r e i e, erleuchtete Gei st er in B a b y l o n i e n , o f f en lehrten, daß N er gal, N e b o, Mondgott und Sonnengott, der Don ne r g o t t Ra mm a u u n d alle anderen G ö t t e r e in es seien in M a r d u k, dem Gotte des'Lichtes". Dagegen hatte Jens en, einer!der größten jetzt lebenden Assyriologen bemerkt^ „Das wäre wohl eine der belangreichsten Entdeckungen auf religiös-geschichtlichem Gebiete, die je gemacht worden sind, und darum ist es höchst bedauerlich, daß uns Delitzsch seine Quelle verschweigt. Aus den mir zugänglichen Texten läßt sich, das glaube ich mit aller Bestimmtheit versichern zu können, nichts der Art entnehmen. Wir bitten dringend darum, daß er recht bald die Stelle veröffentlichen möge, die Israel der größten Ruhmesthat beraubt, in deren Glanz es bisher geleuchtet hat, daß es sich allein von allen Völkern zum reinen Monotheismus hindurchgerungen hat." Dagegen ruft Delitzsch mit Emphase:. „Nun wol, Israel ist jetzt, wenn anders Je ns en seinen Worten treu bleibt, dieser seiner größten Ruhmestat beraubt, nämlich durch die seit 1895 bekannte, von Th. G. Piuches int Journal of the Transactions of the Yicjtoria Institute veröffentlichte, neubabylonische Keilschrifttafe! 81—11—3, 111, welche zwar nur bruchstückweise erhalten ist,, deren uns verbliebener Teil aber lehrt, daß auf ihr sämmtliche Gottheiten des babylonischen Pantheons als eins mit, eins in dem Gott -Marduk ' bezeichnet werden". --Diese Inschrift, über. welche, wie mir met.i verehrter Lehrer, geheimep Regierüngsrat Dryfeffor Eberhard Schräder iw Berlin, mitteilte;' Piuches bereits M Jahre 1896 im Victoria-Institute zu London einen Vortrag' gehülten Hat (the religions ideas of the Babylöniahs), der Much als Abhandlung erschien, beweist nicht das, was Delitzsch behauptet. Schräder schreibt mir darüber: Berlin H. W., Kronprinzenuser 20, d. 16./2. 03. Lieber Herr Doctor! „Gern entspreche ich Ihrem Wunsche, meine Ansicht über Delitzsch's Stellung zur Herkunft des Jahveglaubens aus