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Die Wahrheit · 1903-03-13 · Heft 11 (13.3.1903) · page 5

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1903
Issue
Heft 11 (13.3.1903)
Date
1903-03-13
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 11 Die Wahrheit. Seite 5. zeuge zerbrochen ist; es sind keine ergreifenden Tränen, welche er vergießt. Man ärgert sich über ihn. — So trennt auch hier Babel von Bibel eine unüberbrückbare Kluft. Sowie wir den Mangel an ethischer Vertiefung bei denn Vergleiche der beiden Erzählungen sahen, so muß er e i n für allemal für Alles constaticrt werden, was Delitzsch zum Vergleich herangezogen hat. Es ist in der That, wie wenn man aus den Fieberphantasien eines Schwerkranken in die gesunde Luft der Geistesklarheit und Nüchternheit käme, wenn man vom babyl. Epos zu den betreffenden Capiteln des ersten Buches Mosis kommt. Delitzsch führt einige Brocken aus der angeblichen Ethik der Babylonier an, aus denen er „Nächsten» liebe" „Menschlichkeit" und alle schönen Tugenden für seine inniggeliebten Assyro-Babylonier r e c o n st r u i e r t. Diesen Ausdruck gebraucht man für phantastische, aber nicht immer der Wahrheit entsprechende ideale Wiederanfbauten alter Ruinen. Bei Trümmern ethischer Weltanffassung der Religion ist das jedoch nicht gestattet. Hier bleibt es bei den Ruinen; hier giebt es keine Belebungsversuche, sie werden an einem Kadaver vorgenommen. Und im Vergleich zur Bibel ist Babel ein moralischer Leichnam. Selbst sammt den gewiß großartigen Gesetzsammlungen des für seine Zeit bewundernswürdige» altbabylonischen Königs H a m m u r a b i, über den ich an andere Stelle erzählen werde. Gewiß, man findet in der bab. Litteratur Schönes und an das hebräische, klassische Schriftthum leise Anklingendes. Kein Wunder! Man vergißt, daß das Assyrisch-Babylonische eine Schwestersprache des Hebräischen Und mit ihm innig verwandt ist. Satzbau, Grammatik, Klang, Wortschatz, rc. sind ähnlich. Ans ähnlichem Gedankenkreise heraus muß manches Aehnliche kommen. Das ist natürlich. Wer wird es aber wagen die „Babylonischen B u ß p s a l m eit* mit dem Psalter, die Hymnen an den Sonnengott mit unseren Psalmen zu vergleichen? Wer wird die babyl. Priesterorakel und Beschwörungsformeln mit den hebräischen Prophetien in Parellele bringen? Und Delitzsch, der in allem, was das Alte Testament betrifft, den sträflichsten Leichtsinn bekundet, unternimmt es, die Ethik Hammurabis über die der Bibel zu setzen! risrun teneatis! Aber er ist in diesem Punkte, wie überall, nicht erst zu nehmen. Die babylonische W e l i s ch ö p s u n g geschieht nach dem sogenannten Schöpfungsepos folgendermaßen: «Einst als droben der Himmel nicht benannt war, Drunten die Erde keinen Namen trug, Als noch der Ozean der uranfängliche, ihr Erzeuger, Der Urgrund T i h a m a t, ihrer aller Mutter, Ihre Wasser in eins zusammen mischten .... Da enstanden die ersten Götter." Es wird weiter ausführlich die Enstehung der Götterwelt erzählt. Insbesondere wird die Geburt des nachherigen Schöpfergottes, Marduk, hervorgehoben. Der ist derz Merodach der Bibel, der Stadtgott von Babylon, der als Beinamen den Titel Bel, der Herr, führte. So nennt ihn Be ros so 8 durchweg Bel. So ist er uns auch in der apokryphen Schrift „vom Bel zu Babel" bekannt. — Zn die neuerstandene Götterwelt kommt bald Streit. T i h a m a t, die Mutter der Götter, empört sich gegen die oberen Götter und bringt auch einen Theil derselben auf ihre Seite; sie erschafft Ungeheuer, die ihr helfen sollen. „Sie schuf ein Natter, eine wütende Schlange, einen tollen Hund, einen Skorpionenmenschen, einen Fischmenschen, einen Widder, schonungslose Waffen tragend, nicht fürchtend die Schlacht, trotzigen Sinnes, unüberwindlich für den Feind." Tiamats Empörung sodert die Rache der Götter heraus. Keiner wagt es, den Kampf aufrnnehmen, bis endlich Marduk sich erbötig macht. Er stellt die Bedingung, daß er nach Besiegung der Tiamat König über das Weltall werden müsse. Dies wird ihm in feirelicher Gölterversammlung zugesichert: „Marduk, du s eist geehrt unter den größten Göttern; dein Los ist ohnegleichen, dein Name ist Himmelsgott. Von Stund an sei gütig dein Geheiß, Erhöhen und Erniedrigen lige in deiner Hand! Fest stehe dein Wort, und unverbrüchlich seidein Gebot; keiner der Götter beschreite deinen Bezirk! O, Marduk, da du unser Rächer sein willst, so verleihen wir dir das Königtum über das ganze All! " Marduk vollführt dann ein Zauberstück als Beweis seiner Kraft. Darauf rüstet er sich zum Kampf mit Tihamat. Er fordert sie nach einer Strasrede wegen ihrer angezettelten Verschwörung zum Zweikampf auf und bleibt Sieger. Er stößt ihr das Schwert in den Leib, wirst ihren Leichnahm hin und stellt sich darauf.- Dann überwindet er ihre Helfershelfer. Darauf zerschlägt er Tihamat in zwei Theile: die eine Halste nahm er, machte sie zum Himmelsdach, zog eine Schranke davor, stellte Wächter hin, ihre Wasser nicht herauszulaffen, befahl er ihnen. Die oberen Wasser der Tihamat bilden also von nun an, durch eine Schranke zurückgehalteu den H i m m e l. „Den Himmel entsprechend der untern Welt befestigte er — dann maß aus Bel des Oceans Bau, als einen Palast gleich diesem errichtete er E s a r a, den Palast Esara, den er als Himmel baute, ließ er Bel und Er als ihre Stadt bewohnen. Abgesehen von einigen spärlichen Zügen ist diese Erzählung läppisch; kindlich, urwüchsig-derb, realistisch-roh gegenüber der Bibel. — Gänzlich zu verschweigen des Umstandes, daß die Erschaffung der Götter den Beginn der Schöpfung ausmacht und von der Erschaffurig der Erde nicht deutlich die Rede ist. Allerdings erzählt ein Fragment auch die Schaffung von Sonne, Mond, Sternen, Tieren, Pflanzen. Bon einer Erschaffung eines Menschenpaare s, wie sie Delitzsch direkt einschmuggelt, ist keinerlei Rede. Wo, um alles in der Welt, ist in dem babylonischen Berichte etwas von dem wuchtigen „Es werde Licht!" zu finden. Ja, Marduk ist der Lichtgott! sagt man. Er ist übrigens auch Sturmgott. Und solche Abstraktionen darf man bei Vergleichen nicht machen! Die Reiheusotge des Erschaffenen ist im Wesentlichen gänzlich verschieden. Bei den Babyloniern stehen zwei Prinzipien am A-.fang: Apsu der Erzeuger und Tiamat biej Gebärende. Das Urwasser wird allerdings auch bei den Hebräern Ti amat genannt. Aber, wie Barth sagt, ist dieses Wort ein ursemitisches. Wie bereits oben bemerkt, kann und darf von Entlehnung nicht die Rede sein. Die Gründe dafür habe ich bereits auseinandergesetzt und füge nur hinzu, daß ebenso wie nach Müller die Grundgesetze der semitischen Poesie, Strophik und Responsion, aus ursemitischer, gemeinsamer Quelle stammen, auch der U r ft o f f ähnlicher Erzählungen hüben und drüben aus ursemitischer Zeit vor Trennung der semitischen Stämme herzuleiten sei. Delitzsch stellt sich diese Dinge allerdings einfacher vor, als sie sind. Man kann ihn von Escamotage nicht ganz freisprechen. Er liebt es, durch Undeutlichkeit, Andeutung, Aposiopesis, rhetorische Fragen, Verschleierung zu täuschen. Utld das gelang ihm vor seinem Laienpublikum ausgezeichnet. Dieser Kamps Tiamats mit Marduk, also Gottes mit dem Urozean, nach Vielen mit eirrem Ungeheuer (nicht so Zensen, der behauptet, Tiamat sei als Weib und nicht als Drache gedacht), hat Gunkel Stoff zu einem sehr geistreichen Buch geliefert, das auch Delitzsch gründlich ausnützt. Zn seinem Werke „Schöpfung und Chaos" stellt Gunkel die Behauptung aus, jener Kampf Mardnk's mit Tiamat finde sich in monotheistisch-priesterlich umaeftalteter Form sowie in Genesis, so insbesondere in den Propheten, Psalmen und im Hiob. Alle Stellen, in welchen von Rahab, Leviathan, Tannin, Nachasch boriach, die Rede sei, spielen ans jene Urzeit an, insbesondere z deshalb, weil sie gewöhnlich im Zusammenhänge mit Schöpfungsi erinnerungen sich befinden. Davon ist möglicherweise soviel! wahr, daß im Hintergründe vielleicht längst erstorbene Volkssageu von solchen Ungetümen, wie sie unter Rahab und Leviathan verstanden werden können, schlummern. Rahab ist unzweifelhaft symbolische Bezeichnung für Aegypten; es ist keine Tiamat, sondern ein Land und Reich. Die Stelle Jesaia 51, 9 ff., welche Delitzsch als T e £ t zu einem Bilde betrachtet, das den Lichtgott Marduk darstellt^ der zu seinen Füßen einen besiegten Drachen hat, ist für jeden ehrlichen Exegesen, der sich * nicht selber blenden und Anderen blauen Dunst vormachen will,

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