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Die Wahrheit · 1903-03-13 · Heft 11 (13.3.1903) · page 4

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1903
Issue
Heft 11 (13.3.1903)
Date
1903-03-13
Page
– (sequence 4)
Language
German
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©eite 4. Nr. il. Die Wahrheit. hingen wäre, daß aber die Geschichte stets die vergeltende Nemesis uns darstellt. Um diesen Gedanken zu festigen, mußte die Megilla vor den meisten anderen Pflichten religiöser Natur den Vorzug haben, denn immer wieder gibt es Elemente, die nur zu gern das eigene Lager flüchtig verlassen, um im anderen Lager — sich Verachtung zu holen. Auch für solche Wankelmütige ist das Anhören der Megilla äußerst nötig, darum eben ward bestimmt, daß mau für Leute aus dem Dorfe die Megilla au jenen Tagen vor Purim verlesen soll, wo sie in der Stadt sind, um ihre Angelegenheit zu ordnen. Ja, unsere Alten bestimmten sogar, daß jemand, der eine Seereise unternimmt und vielleicht der Verlesung der Megilla nicht anwohneu kann, sie schon von Losch chodssch Adar augefaugeu bis zum 15. Adar lesen könne, später aber nicht. Ist nun auch in unseren Tagen der Abfall vom Judentume erschreckend groß, so gibt es dennoch eine? Zahl wackerer Streiter, die sich vor den modernen Häuptlingen nach dem Muster Hamans nicht beugen, sondern in ihrer Person den lebhaftesten Protest gegen die Unterdrückung der religiösen Freiheit, gegen die Vergewaltigung der Denk- und Redefreit, der Freiheit der Wissenschaft, der Forschung eiulegen. Einen solchen Beruf hat das Judentum aller Zeiten. Wenngleich sich eben auch bei uns die religiösen Anschauungen zum großen Teile ungünstig geändert haben, so ist doch in jedem Juden das Gefühl für Rechtlichkeit, Freiheit und Billigkeit mehr als vielleicht bei anderen zu sinden, denn am eigenen Leibe konnte der gehetzte Jude solche Gräuel am besten empsinden, die da aus den Verirrungen der Feinde des Rechts und der Menschlichkeit erwachsen. Der Jude forscht heute mehr in seiner Geschichte und ans der vertieften Anffasiung seiner Volksgeschichte wird auch sein Glaube sich verjüngen seine religiöse Seele wieder auf leben. Die Krise wird vorübergehen, und das Judentum wird ' wieder neue Kraft ausbreiten. Wenngleich die Mehrheit der westeuropäischen Juden von Gebetübnngen, Fasten und dergleichen sich meist weit entfernt hat, so können wir es dennoch andererseits mit Stolz anerkennen, daß sie wieder das doppelte an Woltätigkeit leisten, daß sie inoaus purim, den machzis haschekel mit freudigem Herzen darbringen. Was die thora und ahoda verloren, das gewann zumeist gemilns chasodim. Jedes Jahrhundert weist Schwankungen auf, das eine Jahrhundert ist religiösen Ideen zugänglicher, das andere neigt wieder einer freieren Anschauung über Religion zu. Nar sahar hoche umar sahar hvcho, der eine meint so, der andere so. In den Hanpterscheinnngeu unseres religiösen Lebens sind wir einig, nur in den Minhagim, Bräuchen ergeben sich selbstverständlich Unterschiede, was ja schon der Ausdruck minhag, von riohag gebrauchen, üben, besagt. In Freudenfesten wie Purim, wo es parsume nes die Verbreitung wunderbarer Tatsachen, die Erhaltung unseres historischen Besitzstandes gilt, sind wir vollkommen einig. Wenn unsere Lehrer die allgemeine Verpflichtung zur Anhörung der Megilla für Männer, Frauen, Proselyten, Sklaven, ja sogar die Belehrung von Kindern unter 13 Jahren einführlen, so ergibt sich im Principe daraus, daß wir das Andenken großer Ereignisie mit aller Gewalt den kommenden Geschlechtern zur Stärkung und zum Tröste überliefern, daß wir namentlich unsere Frauen zur Festigung des religiösen Sinnes, zur frommen Erziehung der Kinder aneifern. Darum eben ist ihnen ja die Anhörung der Pnrimgeschichte zur religiösen Pflich' gemacht, daß sie gleich Dstcr (astron — Stern) das jüdische Hans erleuchten, dessen Stern ja eine biedere Frau ist. Unser religiöses Leben würde viel kräftiger sich entwickeln, wenn die jüdischen Frauen eifriger für die Erhaltung unseres frommen Hauses arbeiteten. Leider aber ist dies heute sehr schwer zu erzielen. Der Hauptfehler liegt wieder an dem geringen Verständnis der religiösen Vorschriften. So manches jüdische Hauswesen ist durch den Leichtsinn der Frauen zugrunde gegangen, wie andererseits der Frauen stiller Sinn so oft das Haus für die Religion erhielt. Unsere Alten taten Recht, wenn sie die Megilla am Sabbat ans Vorbauungsmaßregeln nicht verlesen ließen. Denn sie wußten wol, daß man sich gar leicht über alles hinwegsetze, wenn man nur einmal mit der leichtsinnigen Behandlung des Sabbats begonnen. Awero $goseret awero,. eine Sunde bringt die andere. Wie unsere Feier in erster Linie die wunderbare Befreiung unseres Volkes aus der Gewalt eines entmenschten Wesens uns stets vor Augen führt und die Nachwelt zu dankbarer Gesinnung anffordert, so ist Purim auch ein Losfest der Armen. La, selbst der Aermste ist verpflichtet, seinem Mitmenschen eine Gabe znznwenden, denn die Freude des einen soll auch dem andern in greifbarer Form gezeigt werden, ^icht daß sich die Freude nur aufs eigene Haus beschränke, nein, alle sollen davon genießen; darum die Geschenke, die man sich gegenseitig macht. Die werktätige Menschenliebe ist die schönste Frucht der Religion. Gerade das Losfest eignet sich am besten, der Armen Los zu mildern, ihr Leid und ihre Tränen zu mindern. In Israel waes seit jeher mit der zedokoh gut bestellt. Wir meinen nicht vielleicht die Armenkasse der Mischna, sondern überhaupt den woltätigen Sinn unseres Stammes, der überall half, wo es nur möglich war. In den schlimmsten Zeiten hat Israel den Lebenden wie den Todten gegenüber genulnt chesscd Edelsinn betätigt, es hat seine Opfer au den Eingang des Gotteszeltes der Barmherzigkeit gebracht und mit freudigem Herzen alles getan, wenw es den Armen galt. Sowie der machzis haschekel der Verbesserung des Tempels gebracht wurde, so ward das Purimfest durch Woltätigkeit und edle Handlungen gefeiert. Wahrlich, eine schönere Feier kann, es nicht geben als die Beglückung Anderer. Denn das Glück Anderer soll und muß auch unser Glück sein/ die wir ja durch die Rettung unserer Brüder ebenfalls gerettet sind. Mit dem Untergange unserer Brüder geht ein Teil unseres „Volks-Jch" unter, darum müssen wir darauf bedacht sein, hilfreich den Bedrängten beizustehen. Damit nähern wir uns dem Messiasreiche, das alle dann zu einer Brüdergemeinde einigt. Soll aber dies wirklich geschehen, soll es nicht lediglich eine Phrase sein, so müssen alle Menschen zusammenwirken. Es muß dann ein allgemeines Losfest werden, ein Purim, an welchem alle teilnehmen. Mit der fortschreitenden Enltnr, mit dem Ausbau der socialen Gesetzgebung und der allgemeinen Verbreitung der Gottesidee nähern wir uns diesem Ziele, das wir aber nur durch ständige Arbeit an uns selbst und andern fördern können. Wenn auch manche düstere Wolke den Himmel reiner.Menschlichkeit oft verdunkelt, es kommt dennoch die Erlösung. Dr. L. Hirsch, Krnman. Der Streit um Labet ,md Libel. Von Dr. D. Feuchtwang. IY. Man könnte kurzweg sagen: Im babylonischen Sintflutbericht ist keine Ethik, der biblische Bericht hingegen ist tiesethisch motiviert, von Ethik getragen und auch sein Ende und Zweck sind ethisch. Ein Moment, auf das Herr Delitzsch sich soviel zugute thut, hat der assyrische Bericht, das die Bibel nicht kennt. Sein Held weint beim Anblick der durch die Gewässer angerichteten Verwüstung. Merkwürdig, auch Su e ß sieht darin einen besondes menschlichen, sittlicherl Zug, der ganze Zusammenhang erlaubt das nicht. Entstanden ist nach dem babylonischen Bericht die Flut durch Göttergezänke und G ö t t e r l a u n e, oder besser Mislaune. Eifersucht und Neid der Himmlischen. Die Götter „duckten sich wie die Hunde" wenn - Ramman donnert, sie „sammeln sich w i e d i e Fliegen um den O p s e r s ch m a u s." Von der ergreifend grandiosen und wieder menschlich tiefen, rührenden Szend der biblischen Erzählung ist da keine Spur. Das Ganze ist k i n d i s ch, d n m m, ohne V e r st a n d e s - E i n s ch l a g, ohne S i t t e n l e h r e und W e is h e i ts wert. Der Held weint, wie ein Schwächling, wie ein kleines Kind, dem seine Spiel-

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